Pädiatrie

, Volume 30, Issue 2, pp 39–39 | Cite as

Spracherwerb von Kindern mit Migrationshintergrund

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Fortbildung
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Prof. Dr. med. Walter Dorsch Kinder- und Jugendarzt München

Prof. Dr. phil. Klaus Zierer Ordinarius für Schulpädagogik Universität Augsburg

? Viele Kinder aus Familien mit Migrationshintergrund sprechen schlecht Deutsch. Was sagt man Eltern, die logopädische Unterstützung einfordern, damit ihre Kinder die Sprache besser lernen?

! Prof. Dorsch: Sprache bedeutet Heimat. Viele Immigranten fürchten den Verlust der eigenen Identität und ziehen es vor, innerhalb der Familie nur die ursprüngliche Muttersprache zu pflegen. In manchen muslimisch geprägten Familien ist zusätzlich der Aktionsradius der Mütter eingeschränkt, sodass dem Erwerb der deutschen Sprache geringe Aufmerksamkeit geschenkt wird. Kinderärzte sind häufig mit diesem Problem befasst, das die soziale Integration der Kinder deutlich behindert. Auf Nachfragen antworten Eltern oft mit der Forderung nach logopädischen Behandlungen oder dem Hinweis, dass die Kinder im Kindergarten ohnehin Deutsch lernen würden. Die Weigerung, unsere Sprache aktiv zu erwerben und dies dem Kindergarten zu überlassen, wirkt sich auch negativ auf die Bildungschancen der Kinder aus.

Was tun, wenn logopädische Behandlungen eingefordert werden? Sie sind eigentlich nur indiziert, wenn in beiden Sprachen Defizite der Sprachentwicklung bestehen. Andererseits müssen wir helfen.

Ich versuche, leichten Zwang auszuüben und das Rezept nur auszustellen, wenn beide Eltern deutsche Sprachkenntnisse oder den Besuch eines Sprachkurses belegen. Dabei stoße ich als Kinderarzt öfter an meine Grenzen. Was ist sinnvoll?

! Prof. Zierer: Sprache wird am besten in der Familie erlernt. Eltern sind gerade in diesem Kontext Vorbilder und müssen sich ihrer Vorbildfunktion bewusst werden. Am besten sollten sie gemeinsam mit den Kindern die neue Sprache lernen, sich gemeinsam Vokabeln ansehen, gemeinsam Grammatik üben und sich gegenseitig abfragen. Das hätte in vielerlei Hinsicht positive Effekte: Eltern und Kindern verbringen Zeit miteinander, sie lernen miteinander, und — pädagogisch auch ganz wichtig — sie scheitern miteinander.

Vor diesem Hintergrund ist Sprache nicht nur Schlüssel zur Bildung, sondern auch zur Integration. Sprache besteht ja nicht nur aus Grammatik und Lexik, sondern ist Kulturträger. Werte und Normen zeigen sich in der Sprache und sind Bestandteile von Kultur. Das sollte Eltern mit Migrationshintergrund sicherlich bewusst gemacht werden und ihnen auch die Angst davor genommen werden, dass Mehrsprachigkeit eine Gefahr für den Spracherwerb sei. Ganz im Gegenteil: Sprachen sind eine Bereicherung, sofern sie nicht in Konkurrenz zueinander gesetzt werden.

Wenn wir nun bei Kindern feststellen, dass sie Defizite in einer Sprache haben, eine andere dagegen beherrschen, ist es kein logopädisches Problem, sondern ein Problem eben dieses Umganges mit der Sprache.

Wie soll ein Grundschulkind beispielsweise eine Sprache lernen, die zuhause nicht gesprochen, womöglich sogar verboten wird? Längere Schultage helfen hier nur bedingt. Vielmehr sollte Eltern so früh als möglich ihre Verantwortung für die Bildung ihrer Kinder deutlich gemacht werden.

Ermutigen Sie also Eltern, sich zuhause mit der neuen Sprache zu befassen: das gemeinsame Einüben von Wörtern in der Küche oder am Schreibtisch. Reden Sie mit den Eltern, ob es sinnvoll wäre, am Tag feste Zeiten für das gemeinsame Sprechen der neuen Sprache festzulegen. Und ermutigen Sie Eltern, gemeinsam mit ihren Kindern auch außerhalb des eigenen Zuhauses die Sprache anzuwenden: beim Erkunden der Umgebung, beim Suchen von Straßen, beim Einkaufen oder beim Busfahren. Das nimmt den Eltern die Angst und zeigt den Kindern früh, dass mehrere Sprachen Bestandteil ihres Lebensalltages sind.

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Kinderärzte sind häufig Ansprechpartner der Eltern, wenn es um Schulprobleme, Medienkonsum und andere Erziehungsfragen geht. In unserer neuen Rubrik beantworten die Experten auch Ihre Fragen. Schreiben Sie uns unter: nicola.zink@springer.com

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