gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 23, Issue 2, pp 63–63 | Cite as

John Everett Millais

Leiden für die Kunst

  • Bernd Kleine-Gunk
Die letzte Seite Weibs-Bilder
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Das Thema ist bekannt aus Shakespeares Tragödie Hamlet. Dessen unglückliche Geliebte Ophelia wählt eine sehr poetische Form des Freitods. Festlich gekleidet und blumenbekränzt steigt sie in die Fluten eines Flusses und lässt sich vom Wasser hinunterziehen — ein Lied auf den Lippen. Der jungfräuliche Suizid hat im Laufe der Jahrhunderte viele Maler inspiriert. Wohl keiner hat sich damit aber so intensiv befasst wie John Everett Millais.

Ophelia, 1851–1852, John Everett Millais (1829–1896)

© akg-images/picture alliance

Millais gehörte zur Gruppe der Präraffaeliten, die ihre künstlerischen Vorbilder in der italienischen Malerei des 13. und 14. Jahrhunderts sahen und im viktorianischen England dem aufkommenden Industriezeitalter eine romantische Fantasie- und Märchenwelt entgegensetzten. Ihre Bilder waren oft hoch symbolistisch. Das zeigt sich auch hier. Bei Shakespeare und auch noch im 19. Jahrhundert symbolisierte jede Blume eine menschliche Eigenschaft. Manches ist uns auch heute noch geläufig. Die weiße Lilie steht für Jungfräulichkeit, die rote Rose für die Liebe, der Mohn verweist auf Schlaf und Tod. Und beim „Vergissmeinnicht“ war die Bedeutung der Blume sogar namensgebend.

Millais kontrastierte dieses überbordende farbige Blumenarrangement effektvoll mit dem todesblassen Antlitz der Ophelia. Deren nach oben gekehrte Handflächen verweisen in der christlichen Malerei auf einen Märtyrertod. Dass man den Gesichtsausdruck und die Körperhaltung auch erotisch interpretieren kann, war in der Malerei des viktorianischen England eine gängige Konvention. So symbolisch aufgeladen das Bild auch ist, so realistisch orientiert ist seine Entstehungsgeschichte. Millais ging dabei in zwei Schritten vor. Zuerst malte er vor Ort am Hogsmill River in der Nähe von London die Landschaft. Das tat er mit penibler Genauigkeit. Elf Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche und über einen Zeitraum von fünf Monaten saß er mit seiner Staffelei am Fluss. Im Sommer wurde er dabei von den Mücken fast aufgefressen. Im Herbst musste er sich eine Strohhütte bauen lassen, da ihn die Stürme mehrfach in den Fluss gerissen hatten. Die Figur der Ophelia entstand dann in seinem Studio. Dafür diente ihm die Künstlerin Elisabeth Eleanor Siddal als Modell. Sie musste dazu vier Monate lang fast täglich voll bekleidet in einer beheizten Badewanne liegen. Als Millais im Arbeitsrausch mehrfach vergaß, die Kerzen unter der Badewanne auszutauschen, zog sich Siddal eine derart schwere Lungenentzündung zu, dass sie daran fast verstarb. Ihr Vater drohte mit einem Gerichtsprozess, bis Millais zustimmte, die nicht unerhebliche Arztrechnung zu bezahlen.

Ein Bild des Leidens, dass durch die Leiden aller Beteiligten erkauft wurde. Die Todesverklärung aus dem 19. wirkt auch noch ins 21. Jahrhundert nach. In Japan ist Millais Ophelia sehr populär, weil sie in einem bekannten Roman des Autors Natsume Soseki als „außergewöhnliche Darstellung“ gerühmt wurde. Als dann 2008 das Bild erstmals im Rahmen einer Auslandsausstellung in Japan im Original zu sehen war, verbot die Regierung seine Verbreitung in Form von Postern oder Postkarten. Man befürchtete unter den sensiblen und häufig auch sehr unglücklichen weiblichen Teenagern des Landes eine Welle romantisch inspirierter Selbstmorde. Schon erstaunlich, was bildende Kunst alles vermag.

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Authors and Affiliations

  • Bernd Kleine-Gunk
    • 1
  1. 1.

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