Gesundheitsdebatte

SARS-CoV-2- Impfung: Wenn Algorithmen entscheiden …

Medizin und Gesundheitswesen werden zunehmend von der Analyse enormer Datenmengen - Stichwort: Big Data - bestimmt. Doch der Einsatz solcher Algorithmen birgt Gefahren, wie sich derzeit in den USA bei den Corona-Impfungen zeigt.

Wer entscheidet über die Reihenfolge der SARS-CoV-2-Impfung? In Deutschland hat das Bundesgesundheitsministrium eine Rechtsverordnung beschlossen. Die darin festgelegte Priorisierung ist umstritten, weil ohne parlamentarisches Verfahren ein sicheres juristisches Fundament fehlt. Immerhin basiert die Verordnung auf den Empfehlungen von Experten aus den Reihen des Deutschen Ethikrats, der Wissenschaftsakademie Leopoldina und des Robert- Koch-Instituts - und nicht auf undurchsichtigen Algorithmen.

Anders in den USA: Hier wurde der vermeintlich neutrale mathematische Weg beschritten. Das US-Gesundheitsministerium hat das Data-Mining-Unternehmen Palantir als Partner auserkoren, um über die Impfstoff-Verteilung zu entscheiden. Die Software "Tiberius" bündelt relevante Coronavirus-Daten - z. B. Gebiete mit einem hohen Anteil an Beschäftigten im Gesundheitswesen, älteren Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen -, um Beamten bei der Zuteilung zu helfen. "Einfach, fair und gerecht" soll die Impfkampagne laut Palantir ablaufen. Der genaue Mechanismus bleibt jedoch so intransparent wie das Unternehmen dubios.

Palantir zählt zu seinen Kunden die US-Geheimdienste CIA und NSA, das FBI sowie zahlreiche Staaten samt Polizei- und Militärapparaten. Mit der Analyse riesiger Datenmengen lassen sich illegale Immigranten ebenso aufspüren wie Terroristen, Kriminelle oder auch SARS-CoV-2-Infizierte.

Was Fairness und Gerechtigkeit auf Basis eines Algorithmus bedeutet, hat ein Impfprogramm am Stanford University Medical Center im letzten Dezember gezeigt: Obwohl 5.000 Dosen zur Verfügung standen, wurden gerade einmal 7 von 1.300 Ärzten, die direkt mit Patienten zu tun hatten, geimpft. Der Algorithmus war so programmiert, dass er die Menschen mit dem höchsten Mortalitätsrisiko schützen sollte - nicht aber jene mit dem höchsten Infektionsrisiko.

Quelle: Obermeyer Z et al. Science 6464:447-53, DOI: 10.1126/science.aax2342

Algorithmus sorgt für absurde Auswahl

So erhielten hauptsächlich über 60-jährige Ärzte die Impfung, auch wenn diese vorwiegend Online-Sprechstunden abhielten. Junge Kollegen, die an vorderster Front gegen COVID-19 kämpfen, gingen leer aus. Nach Protesten der Belegschaft zog die Klinikleitung das Impfprogramm zurück.

Viele Fragen sind offen. Sollen und dürfen Algorithmen bei derartigen Entscheidungen wirklich eingesetzt werden? Müssen die Algorithmen von Unternehmen wie Palantir offengelegt werden? Wer wählt die Angebote aus? Kritiker befürchten, Big Data werde bestehende Ungerechtigkeiten im Gesundheitssystem zementieren.

Die Furcht ist nicht unbegründet, wie eine Studie aus dem Jahr 2019 zeigte: Von zehn untersuchten Algorithmen, die im US-Gesundheitssystem eingesetzt werden, bevorzugten alle weiße Patienten gegenüber Kranken mit anderer Hautfarbe [1].

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Correspondence to Karl-Heinz Patzer.

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Patzer, KH. SARS-CoV-2- Impfung: Wenn Algorithmen entscheiden … . MMW - Fortschritte der Medizin 163, 19 (2021). https://doi.org/10.1007/s15006-021-9574-7

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