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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 7, pp 19–19 | Cite as

Gewichtsverlust und immer wieder Atemwegsinfekte

Hat der Patient eine Dysphagie?

  • Martin Jäger
AKTUELLE MEDIZIN . CONSILIUM GERIATRIE
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Schluckstörungen können bei alten Menschen fatale Folgen haben. Umso wichtiger ist es, Dysphagien rechtzeitig zu erkennen und gegebenenfalls zu intervenieren.

© gigra / Fotolia

? Eine 83-jährige Dame, zu Hause lebend, fühlt sich während des Essens zunehmend erschöpft, sie isst immer weniger und lehnt die Nahrungsaufnahme oft ganz ab. Immer wieder erleidet sie während des Essens Hustenanfälle. In letzter Zeit hatte sie häufig Erkältungen bzw. Atemwegsinfekte. Sie hat abgenommen. Nun ist sie erneut an einem fieberhaften Atemwegsinfekt mit Husten und gelblichem Auswurf erkrankt. Was ist zu tun?

! Oropharyngeale Dysphagien (OD) verursachen oft unspezifische Symptome, und die Diagnostik wird oft durch unbewusste kompensatorische Verhaltensmuster der Patienten erschwert. Da Schluckstörungen mit schweren, lebensbedrohlichen Komplikationen wie Aspirationspneumonie, Bolustod und Sarkopenie assoziiert sind, ist es wichtig, gefährdete Personen früh zu erkennen.

Anamnese

Die Anamnese ist Basis von Präventions- und Therapiemaßnahmen. Dabei geht es um die Herausarbeitung folgender Punkte durch gezielte Fragen:
  • Körperliche Aktivitäten: In den letzten Jahren zunehmender körperlicher Abbau, Abnahme von Kraft, Ausdauer, körperlicher Aktivität?

  • Gewichtsentwicklung: Abnahme von ≥ 5% des Körpergewichts in den letzten drei Monaten?

  • Änderung von Ernährungsgewohnheiten: Vermeidung von festem Fleisch und Orangensaft?

  • Wiederholte Atemwegsinfekte: Grippale Infekte mehrmals im Jahr mit Fieber und anhaltendem, antibiotikapflichtigem Husten?

  • Warnsymptome: Räuspern, Husten beim Essen und Trinken?

Körperliche Untersuchung und Befunde

Die körperliche Untersuchung sollte folgende Schritte umfassen: Bestimmung von Körpertemperatur, Gewicht und BMI, Auskultation, Messung von Entzündungsparametern, ggf. Röntgen-Thorax. Eine klinische Schluckuntersuchung sollte veranlasst werden einschließlich standardisiertem Dysphagiescreening. Ggf. ist eine apparative Dysphagiediagnostik mittels Videofluoroskopie oder Schluckendoskopie sinnvoll.

Im vorgestellten Fall ergaben sich folgende Befunde: Entzündungsparameter erhöht, fleckig konfluierende Verschattung im rechten Lungenunterfeld, Dysphagiescreening mittels Danielstest positiv, Videofluoroskopie mit stiller Aspiration von Flüssigkeit ab 10 ml, eingeschränkte Hyoid-Larynx-Elevation, verzögerte oropharyngeale Transitzeit.

Zur weiteren Abklärung wurde ein CCT veranlasst: Leicht- bis mäßiggradige Mikroangiopathie, alter kleiner Infarkt der Arteria cerebri media rechts.

Therapeutische Maßnahmen

Eine antibiotische Therapie mit Ampicillin/Sulbactam wurde zunächst i.v., dann oral über insgesamt 7 Tage durchgeführt, Ernährung zunächst parenteral bei Inappetenz und einem BMI von 18,0.

Rehabilitativ erfolgte eine Schlucktherapie zur Kräftigung der Schluckmuskulatur, kompensatorisch (Chin Tuck) und adaptativ (Anpassung der Schluckkost an die aktuellen Fähigkeiten); Flüssigkeiten außer Wasser leicht angedickt, Dysphagiekost Stufe 3, hochkalorisch.

Unter diesen Maßnahmen besserte sich der Allgemeinzustand der Patientin, Appetit, Kraft und Mobilität wurden gesteigert. Die Pneumonie bildete sich zurück, sodass die Patientin nach Hause entlassen werden konnte. Die Schlucktherapie wurde ambulant forgesetzt.

Fazit:

Bei rezidivierenden Atemwegsinfekten, unklarer Malnutrition bzw. Sarkopenie sollte eine OD abgeklärt werden.

Mehr zum Thema

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.HüttenhospitalDortmundDeutschland

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