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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 160, Issue 6, pp 35–35 | Cite as

Millionen Amerikaner über Nacht hyperton

  • H. Holzgreve
FORTBILDUNG . KRITISCH GELESEN
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Wenn die neuen Leitlinien zur Diagnose und Therapie der Hypertonie umgesetzt werden, müssen in den USA zusätzlich mehrere Millionen Hypertoniker neu bzw. intensiver als bisher behandelt werden.

Prof. Dr. med. H. Holzgreve Internist, München

_ Die Ende 2017 publizierten US-amerikanischen Guidelines zum Bluthochdruck enthalten zwei wichtige Änderungen. Zum einen gelten nun Werte ab 130/80 statt ab 140/90 mmHg als hyperton. Zum anderen wurden auch die Zielwerte für Hypertoniker mit Diabetes, chronischen Nierenerkrankungen und hohem kardiovaskulärem Risiko von 140/90 auf 130/80 mmHg herabgesetzt. Die strengeren Grenzen gelten auch für Hypertoniker ab 65 Jahren.

Anhand aktueller Daten aus dem Studienprogramm NHANES wurde nun untersucht, welche Auswirkungen die neuen Grenzen auf die Gesamtbevölkerung der USA ab dem 20. Lebensjahr haben. Ergebnis: Die Zahl der Hypertoniker steigt um 31,1 Millionen Personen, die Zahl der Behandlungsbedürftigen um 4,2 Millionen. 31,3% der Menschen im Bereich von 130–139/80–89 mmHg, der neu als hyperton definiert wurde, müssen wegen zusätzlicher Risiken medikamentös behandelt werden. Bei den über 75-Jährigen sind es sogar 100%.

53,4% der bisher behandelten Hypertoniker haben den Zielwert nicht erreicht, sind also unzureichend behandelt.

KOMMENTAR

Die US-amerikanischen Leitlinien zur Hypertonie finden in der Regel weltweit große Beachtung. In letzter Zeit wurden auch die Grenzwerte für Lipide, Blutglukose, Körpergewicht und Nierenfunktion strenger definiert.

Die neuen Leitlinien liegen zwar im Trend, werden aber unter Experten aus verschiedenen Gründen sehr kontrovers diskutiert. Die niedrigeren Werte für Diagnose und Therapie stützen sich hauptsächlich auf die Ergebnisse der SPRINT-Studie — die aber aus methodischen Gründen stark kritisiert wird.

Verwirrend für die Nutzer ist auch der Zick-Zack-Kurs der amerikanischen und europäischen Leitlinien: 2003 bzw. 2007 wurden mehrere Grenzwerte sehr streng unter 130/80 mmHg definiert, einige Jahre später stiegen sie wieder auf 140/90. Jetzt geht es wieder hinunter. Das fördert nicht eben die Glaubwürdigkeit der Fachgesellschaften. Es führt zu Unverständnis bei Spezialisten und zu Ratlosigkeit im Alltag.

Literatur

  1. Muntner P, Carey RM, Gidding S et al. Potential U.S. population impact of the 2017 ACC/AHA high blood pressure guideline. J Am Coll Cardiol. 2018;71:109–18CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • H. Holzgreve
    • 1
  1. 1.

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