Zeitreise

Das Folgende ist frei erfunden

When I met James Parkinson in 1820 … "Herr Parkinson, in Ihrem Artikel ,An Essay on the Shaking Palsy' haben Sie mit so unglaublicher Präzision eine Kombination von Symptomen und deren Verlauf über die Zeit beschrieben, dass einem der Atem stockt". Parkinson: "Wieso?" Ich: "Na, weil wir von dieser brillianten Charakterisierung noch Jahre lang profitieren werden. Ich sage voraus, dass es Jahrhunderte lang einen 'Morbus Parkinson' geben wird. Ja, und sogar Ärzte, die sich nur mit solchen Erkrankungen beschäftigen. Richtige Spezialisten." Parkinson: "Soso. Das weiß ich nicht. Der Fortschritt wird viel Neues bringen." Ich: "Ja, aber die genaue Beobachtung der Symptome wird doch eminent wichtig bleiben? Zum Beispiel in Ihrer sechsten Fallvignette." James: "Ja, sehr interessanter Fall. Zwanzig Jahre Verlauf, erst Lumbago, zwölf Jahre später eine Schwäche im linken Arm, dann Zittern ebendort. Drei Jahre später ähnliche Symptome am rechten Arm, dann am ganzen Körper. Dann aus dem Nichts eine Halbseitenlähmung, die sich wieder zurückbildete - das war sicher etwas anderes. Aber interessant: Während der Halbseitenlähmung war das Zittern weg. Mit Rückkehr der Kraft kam das Zittern wieder. Und es gab noch so viele andere Details. Die sechs so unterschiedlichen Patienten gehörten definitiv zu einer neuen Art von Erkrankung, der 'Shaking Palsy'".

Zweihundertzehn Jahre später

"Frau Doktor Casa, danke dass Sie sich die Zeit nehmen. Sie leiten seit fünf Jahren das Parkinson-Kompetenzzentrum. Kennen Sie 'An Essay of …'" Casa: "'… the Shaking Palsy'? Na klar. Und es ist brilliant. Die Beschreibung des Verlaufs, der Schlafstörungen, der Sturzneigung … überhaupt die Präzision der Phänotypisierung - und: James Parkinson hat schon damals erkannt, dass wir personalisierte Medizin benötigen". Das Interview wird jäh durch einen Videocall unterbrochen. Casa zum anrufenden Kollegen: "Wie? Keine Motion-Capture-Weste? Mist. Wie oft habe ich gesagt, wir brauchen die Phänotyp-Real-Life-Daten. Gut, müssen wir nachholen. Was macht das Whole-Genome? Hat er schon vom Hausarzt mitgebracht? Okay, dann geben Sie die Daten in unser Cluster zur biostatistischen Aufarbeitung. Unser Machine-Learning-Algorithmus ist besser. Wir finden sicher die Ursache. Die Ergebnisse schicken Sie ans National Gene-Design-Lab. Aber es bleibt dabei: Vor und nach Gentherapie das volle Programm. Elektrophysiologie mit STN-Kortex-Muskel-Konnektivitätsanalyse, Virtual-Brain-Modelling und Wearables. Wir müssen wissen, welche genauen Effekte unsere personalisierten Gentherapien haben. Und geben Sie dem Patienten Zugang zum Portal, damit er dort die Simulation seiner Therapie ansehen kann. Das neue Virtual-Reality-Tool ist super. Bis das alles klappt, L-DOPA wie immer." … Ich versuche, mich bemerkbar zu machen: "Entschuldigung, Doktor Casa?" Casa: "Oh, sorry. Patienten gehen vor. Wo waren wir stehen geblieben?" Ich: "Bei James Parkinson und personalisierter Medizin." Casa: "Ah ja. Epochal, dieser Parkinson. Ich lege großen Wert darauf, dass alle bei uns Ausgebildeten die klinischen Bilder unserer Patienten verstehen, die Anamnesen sorgfältig erheben, aber auch die ganze Palette klinisch-neurologischer Tricks anwenden, mit denen wir individuelle Probleme untersuchen können. Pyramidenbahnzeichen, Okulomotorikstörung, subtile frontale Disinhibition und so weiter. Je genauer wir das Syndrom klinisch und apparativ verstehen, umso präziser können wir die Gentherapie designen. Unglaublich, noch vor einigen Jahren dachten einige, der 'Phänotyp' wäre egal." Ich frage nach: "Und welche Rolle spielt dann genau die Gen- und Biomarkerdiagnostik?" Casa: "Neurologie ist ein hochinnovatives und technologieorientiertes Fach. Wir sind sehr spezialisiert, gerade deswegen müssen unsere Ärztinnen und Ärzte die klinischen Skills lernen. Das macht uns aus. Wir nähern uns quasi 'kriminalistisch' dem Syndrom und setzen innovatives Imaging, 'Omics' und Gendiagnostik gezielt ein. Die Etablierung personalisierter Gen- und Stoffwechseltherapien und der dazugehörigen Diagnostik waren ein Durchbruch. Ohne geht es nicht mehr. Dennoch gibt es weder Evidenz noch Geld dafür, eine reine Schrotschuss-Diagnostik zu betreiben, ohne klinischen Blick. Man muss auch heute als Neurologin und Neurologe schon etwas können, im wahrsten Sinne des Wortes".

So oder so ähnlich könnte in zehn Jahren ein Interview aussehen. Daran wäre nichts verkehrt. Klinische Skills und Technologie. Apparative Neuentwicklungen, innovative Diagnostik und personalisierte Therapie, von Small Molecules über Immunmodulatoren bis zur Gentherapie. Spannender kann ein Fach nicht sein.

Wissen, Skills und Tools

"Wissen, Skills und Tools", um es einmal denglisch zu sagen. Das eine ist ohne das andere nichts wert. Hier haben wir viel zu tun, und zwar vor allem im Hinblick auf die Facharztweiterbildung Neurologie. In der Deutschen Gesellschaft für Neurologie werden wir dieses wichtige Thema der Zukunftsfähigkeit unseres Faches, der Innovation und Modernisierung bei gleichzeitiger Pflege der genuinen neurologischen Fertigkeiten die nächsten zwei Jahre ganz oben auf der Prioritätenliste haben. Ein Widerspruch? Keinesfalls, wie wir aus anderen Bereichen wissen. Hochseeregatten um die Welt werden auch auf modernsten, mit Sensoren und Technologie vollgestopften Carbon-Rennyachten ausgetragen. Aber nur diejenigen, die "gute Seemannschaft" beherrschen, mit ihren Skills, ihren eigenen Händen und ihrem Wissen das Unvorhersehbare meistern, die sind richtig gut.

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Prof. Dr. med. Christian Gerloff

Klinik und Poliklinik für Neurologie

Kopf- und Neurozentrum

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Martinistr. 52, 20246 Hamburg

E-Mail: gerloff@uke.de

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Gerloff, C. Zeitreise. InFo Neurologie 23, 3 (2021). https://doi.org/10.1007/s15005-021-1842-7

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