Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) bei Depressionen nach zerebralen Blutungen

Erhöhtes Risiko für Rezidivblutungen

Fragestellung: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) werden häufig zur Behandlung von Depressionen nach zerebralen Blutungen eingesetzt. Dabei muss der potenzielle Nutzen einer Besserung der depressiven Symptomatik gegen ein möglicherweise erhöhtes Risiko einer Rezidivblutung abgewogen werden.

Hintergrund: SSRI werden häufig zur Behandlung von Depressionen nach Schlaganfall eingesetzt. Der Einsatz von SSRI geht allerdings mit einem erhöhten Risiko von intrazerebralen Blutungen einher. Dieses Risiko beruht darauf, dass SSRI die Thrombozytenfunktion hemmen. Die Entscheidung, Patienten mit intrazerebralen Blutungen mit SSRI zu behandeln, muss daher die potenziellen Risiken eines Rezidivs der intrazerebralen Blutung mit dem vermuteten Nutzen bezüglich einer Besserung der depressiven Symptome abwägen.

Patienten und Methodik: Es handelt sich um eine post-hoc Analyse einer Längsschnittstudie an Patienten mit intrazerebralen Blutungen aus Boston, MA, USA, von Januar 2006 bis Dezember 2017, mit einer medianen Nachbeobachtungszeit von 53,2 Monaten. Die Studie umfasste 1.279 Personen. Erfasst wurde, ob eine Depression mit SSRI behandelt wurde, die Häufigkeit einer erneuten intrazerebralen Blutung sowie die Zahl der Patienten, bei denen sich eine Depression verbesserte. Bei der univariablen und multivariablen Analyse für das Rezidivrisiko einer intrazerebralen Blutung und den Schweregrad der Depression wurden die folgenden Variablen berücksichtigt: lobäre Blutung, Vorhandensein der Genvarianten des Apolipoproteins ε2/ε4 und Vorgeschichte einer intrazerebralen Blutung, einer transitorischen ischämischen Attacke (TIA) oder eines ischämischen Schlaganfalls.

Ergebnisse: Für die Auswertung standen Daten von 1.279 Personen zur Verfügung. Das mittlere Alter betrug 71,3 Jahre. 239 Patienten (19 %), hatten bereits in der Vorgeschichte unter einer Depression gelitten. 47 % der Blutungen waren lobäre Blutungen. Bei 281 Patienten (22 %), wurden nach der intrazerebralen Blutung mit SSRI behandelt. Die SSRI-Einnahme war sowohl mit einer Rezidivblutung (Subhazard Ratio [SHR] 1,31; 95 %-Konfidenzintervall [KI] 1,08-1,59) und einer Besserung einer Depression nach der intrazerebralen Blutung assoziiert (SHR 1,53; 95 %-KI 1,12-2,09). In der multivariablen Regressionsanalyse waren eine frühere intrazerebrale Blutung, eine lobäre Lokalisation und die Einnahme von SSRI mit dem Risiko einer erneuten intrazerebralen Blutung assoziiert. In der multivariablen Analyse fand sich eine Besserung der Depression, assoziiert mit einer früheren intrazerebralen Blutung, einer früher bestehenden Depression und der Einnahme von SSRI. Der APO-ε2/ε4-Status spielte nur eine untergeordnete Rolle.

Schlussfolgerungen: Die Einnahme von SSRI nach einer intrazerebralen Blutung ist sowohl mit einer Verbesserung der depressiven Symptomatik als auch mit einem erhöhten Rezidivrisiko verbunden.

Kubiszewski P, Sugita L, Kourkoulis C et al. Association of selective serotonin reuptake inhibitor use after intracerebral hemorrhage with hemorrhage recurrence and depression severity. JAMA Neurology 2020; e203142. doi: 10.1001/jamaneurol.2020.3142

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Correspondence to Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener.

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Diener, HC. Erhöhtes Risiko für Rezidivblutungen. InFo Neurologie 23, 12 (2021). https://doi.org/10.1007/s15005-020-1799-y

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