Schmerzspitzen

Perioperative Schmerztherapie - reichen unsere Konzepte?

Etwa 17 Millionen vollstationäre und zwei Millionen ambulante Eingriffe pro Jahr werden bei uns vorgenommen. Werden Patienten nach den größten Sorgen vor derartigen Operation befragt, sind das vorrangig die perioperativen Schmerzen.

Viele werden denken, dass wir hier doch gemeinsam mit den Anästhesisten genug tun. Die Kampagne "Das schmerzfreie Krankenhaus" vor einigen Jahren mag uns weiterhin beruhigt haben. Zeitgleich publizierte das Deutsche Ärzteblatt aufgrund von Patientenbefragungen folgende Zahlen und Fakten:

  • Schmerzfrei postoperativ: 12,4 %

  • Moderate/starke Ruheschmerzen: 29,5 %

  • Moderate/starke Belastungsschmerzen: 55 %

  • Schmerzen vor allem außerhalb der Regelarbeitszeit

  • 15 % der Patienten erhielten trotz Schmerzen keine Schmerztherapie.

  • Nicht wirksame Schmerztherapie: 29,6 %

Andererseits ist bekannt, dass der Heilungsverlauf und die Remobilisation ganz erheblich von der peripheren und zentralen Sensibilisierung von Nozizeptoren sowie der Schmerzweiterleitung auf Rückenmarksebene abhängen.

Verminderte Durchblutung, Immunsupression sowie eine veränderte Thrombozytenaggregation als Ausdruck des aktivierten sympathikoadrenergen Systems aufgrund akuter Schmerzen spielen bei der Entstehung postoperativer Thrombosen, Wundheilungsstörungen, Myokardinfarkten und Pneumonien eine Rolle.

Der Operateur kann hier durchaus an vielen Stellen eingreifen. Das beginnt bereits mit dem Hinweis an den Patienten im Rahmen präoperativer Gespräche, dass der perioperativen Schmerzbekämpfung große Aufmerksamkeit geschenkt wird.

Momentan ist diese Problematik in den Fokus des politischen Interesses gelangt. Am 17. September 2020 ließ der G-BA in einer Pressemitteilung (47/2020) verlauten, dass Krankenhäuser und Praxen zukünftig verpflichtet sind, ein Konzept zum Akutmanagement als Bestandteil ihres internen Qualitätsmanagements einzuführen beziehungsweise ein vorhandenes weiterzuentwickeln. Ziel soll es sein, nach Operation die individuelle richtige Schmerztherapie sicherzustellen.

Aus medizinisch wissenschaftlicher Sicht gibt es eine AWMF-S3 Leitlinie zur Behandlung akuter perioperativer und posttraumatischer Schmerzen (Registriernummer 001-25) aus dem Jahre 2007, die 2009 modifiziert wurde. Die Leitlinie ist zurzeit auch unter Mitwirkung der IGOST erneut in Bearbeitung. Bei uns Orthopäden und Unfallchirurgen beliebte Verfahren, wie zum Beispiel Fuß- und Suprascapularisblock werden in der Neuauflage Berücksichtigung finden. Ihre Fertigstellung bis zum 12. September 2021 wird angestrebt. Momentan finden Webkonferenzen statt, um die jeweiligen Abstimmungen durchzuführen.

Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass G-BA-Beschlüsse relativ schnell Auswirkungen auf unsere tägliche Arbeit haben. Es steht zu erwarten, dass von uns in Praxis und Klinik zur perioperativen Schmerztherapie in absehbarer Zeit auch Standard Operating Procedures (SOP) oder vergleichbare Verfahrensanweisungen gefordert werden. Ebenfalls zeigt die Erfahrung mit dem G-BA, dass diese dann "evidenzbasiert" sein müssen. Von Seiten der IGOST werden wir versuchen, die neue S3-Leitlinie so zu gestalten, dass die daraus resultierenden Verfahrensanweisungen praxis- und klinikorientiert und zum Wohle unserer Patienten sein werden. Wir werden Sie weiterhin zeitnah darüber auf dem Laufenden halten.

Mit herzlichen kollegialen Grüßen in ein Covid-reduziertes Jahr 2021,

Ihr

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Prof. Dr. med. Dr. h.c. Jörg Jerosch

Chefarzt Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sportmedizin Neuss

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Jerosch, J. Perioperative Schmerztherapie - reichen unsere Konzepte?. Orthop. Rheuma 24, 54 (2021). https://doi.org/10.1007/s15002-021-3211-9

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