Advertisement

Braindrain und Bologna-Drain – Räumliche Implikationen der Bologna-Reform und Auswirkungen auf ländliche Räume. Eine Analyse am Beispiel der Justus-Liebig-Universität Gießen

  • Philipp Gareis
  • Christian Diller
  • Henning Huchthausen
Beitrag/Article
  • 82 Downloads

Zusammenfassung

Der Beitrag geht den Gründen und räumlichen Verteilungsmustern der Hochschulstandortwahl von Studierenden und den damit verbundenen Auswirkungen auf die Regionalentwicklung, insbesondere in den ländlichen Räumen, nach. Zunächst wird dazu der internationale Stand der Forschung zum Standortwahlverhalten von Studierenden zu verschiedenen Zeitpunkten ihrer Ausbildung dargestellt. Eine eigene regionalstatistische Auswertung kommt für Deutschland zu dem Befund, dass es den Hochschulen in ländlichen Regionen zwar nicht gelingt, einen ähnlich hohen Studierendenbesatz zu erreichen wie in verdichteteren Raumtypen, jedoch die Regionen mit einer Hochschule deutlich bessere Entwicklungschancen besitzen als jene ohne. Die Studierendenzahlen wuchsen in den Hochschulstandorten der ländlichen Regionen in der Vergangenheit sogar etwas stärker als in Raumtypen mit höherem Verdichtungsgrad. Der Braindrain Hochqualifizierter aus ländlichen Regionen wird jedoch nach deren Studium deutlicher als nach dem Schulabschluss, auch deshalb, weil die Qualifikationsprofile der Hochschulen und die Arbeitsplatznachfragen aus den jeweiligen Regionen nur unvollständig zusammenpassen. Im Hinblick auf die zukünftige Entwicklung wird dann die Hypothese vom Bologna-Drain vorgestellt: Demnach könnte die vollzogene Einführung gestufter Bachelor- und Masterstudiengänge dazu führen, dass sich Studienstandorte in unterschiedlichen Regionstypen in ihrer Entwicklung stark unterscheiden und hierbei insbesondere die ländlichen Regionen im Wettbewerb um die besten Köpfe verlieren. Diese These wird explorativ am Beispiel der Justus-Liebig-Universität Gießen beleuchtet, welche als traditionsreiche Universität mit einem großen Fächerspektrum in einer ländlichen Region liegt.

Schlüsselwörter

Studienstandortwahl Bologna-Reform Mobilität Bologna-Drain Ländliche Regionen 

Brain Drain and Bologna drain – Spatial implications of the Bologna reform and impacts on rural regions: An analysis on the basis of the example Justus-Liebig-University Giessen

Abstract

This article deals with reasons and spatial distribution patterns of the choice of location of undergraduates and students and the connected spatial impacts on the regional development, especially in rural regions in Germany. First, the international state of research is presented for the choice of location of students on different points of time of their educational path. An analysis of regional statistical data linked to the finding that higher education institutions in rural regions are not able to create the same stock of students as urbanised areas, but rural regions have better chances for economic development in the presence of a higher education institution. The number of students in rural areas with higher education institutions increased even more than in sareas or metropolises. However, the brain drain of highly qualified manpower from rural regions will increase after their years of study. This is caused by a better fitting skill profile in more densely populated areas for highly skilled workforce as well as for the supply of these jobs. Whether these tendencies already start during the transition from the bachelor to master degree will be examined with data from the Justus-Liebig-University Gießen, a university in a rural region. With a view to the future development the hypothesis of the bologna drain is introduced. It implies that the transition from bachelor to master, which did not exist in Germany before the year 2000, locations to study vary a lot in their development and especially rural regions loose in the competition for brilliant minds.

Keywords

Choice of location for studies Bologna reform Mobility Bologna drain Rural regions 

Literatur

  1. BKG - Bundesamt für Kartographie und Geodäsie (2017): Verwaltungsgebiete 1:1.000 000. http://www.geodatenzentrum.de/geodaten/gdz_rahmen.gdz_div?gdz_spr=deu&gdz_akt_zeile=5&gdz_anz_zeile=1&gdz_unt_zeile=18&gdz_user_id=0#dok (14.04.2018).
  2. Bredl, S.; Liefner, I.; Teichert, C.; Winker, P. (2014): Effekte der Hochschulen am Standort Gießen aus regionalökonomischer Sicht. Marburg. = Joint Discussion Paper Series in Economics by the Universities of Aachen, Gießen, Göttingen, Kassel, Marburg, Siegen 33-2014.Google Scholar
  3. Briedis, K.; Brandt, G.; Fabian, G.; Rehn, T. (2011): Bachelorabsolventen im Fokus. In: Briedis, K.; Heine, C.; Konegen-Grenier, C.; Schröder, A.-K. (Hrsg.): Mit dem Bachelor in den Beruf. Arbeitsmarktbefähigung und -akzeptanz von Bachelorstudierenden und -absolventen. Essen, 53-82.Google Scholar
  4. Brugger, P.; Wolters, M. (2012): Von der Hochschulreife zum Studienabschluss. In: Wirtschaft und Statistik 8, 655-664.Google Scholar
  5. De Boer, H. F.; Kolster, R.; Vossensteyn, H. (2010): Motives Underlying Bachelors-Masters Transitions: The Case of Dutch Degree Stackers. In: Higher Education Policy 23, 3, 381-396. doi: 10.1057/hep.2010.14Google Scholar
  6. Denzler, S.; Wolter, S. C. (2010): Der Einfluss des lokalen Hochschulangebots auf die Studienwahl. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 13, 4, 683-706. doi: 10.1007/s11618-010-0143-6Google Scholar
  7. Faggian, A.; Corcoran, J.; McCann, P. (2013): Modelling geographical graduate job search using circular statistics. In: Papers in Regional Science 92, 2, 329-343. doi: 10.1111/pirs.12026Google Scholar
  8. Falk, S.; Kratz, F. (2009): Regionale Mobilität von Hochschulabsolventen beim Berufseinstieg. In: Beiträge zur Hochschulforschung 31, 3, 52-67.Google Scholar
  9. FDZ – Forschungsdatenzentren der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder (2017): Statistik der Studenten 1995-2014. Düsseldorf.Google Scholar
  10. Flöther, C.; Kooij, R. (2012): Hochschulen als Faktoren im regionalen Standortwettbewerb. (K)eine Gewinner-Verlierer-Story? In: Die Hochschule – Journal für Wissenschaft und Bildung 21, 2, 65-80.Google Scholar
  11. Fritsch, M.; Piontek, M. (2015): Die Hochschullandschaft im demographischen Wandel – Entwicklungstrends und Handlungsalternativen. In: Raumforschung und Raumordnung 73, 5, 357-368. doi: 10.1007/s13147-015-0364-5Google Scholar
  12. Fromhold-Eisebith, M. (1992): Wissenschaft und Forschung als regionalwirtschaftliches Potential? Das Beispiel von Rheinisch-Westfälischer Technischer Hochschule und Region Aachen. Aachen. = Informationen und Materialien zur Geographie der Euregio Maas-Rhein, Beiheft 4.Google Scholar
  13. Gemeinsame Erklärung der Europäischen Bildungsminister (1999): Der Europäische Hochschulraum. Bologna. https://www.bmbf.de/files/bologna_deu.pdf (12.01.2018).
  14. Glückler, J.; Panitz, R.; Wuttke, C. (2015): Die wirtschaftliche Wirkung der Universitäten im Land Baden-Württemberg. In: Raumforschung und Raumordnung 73, 5, 327-342.  https://doi.org/10.1007/s13147-015-0360-9
  15. Hachmeister, C.-D.; Harde, M. E.; Lange, M. F. (2007): Einflussfaktoren der Studienentscheidung. Eine empirische Studie von CHE und EINSTIEG. Gütersloh. = CHE Arbeitspapier 95.Google Scholar
  16. Hasenberg, S.; Schmidt-Atzert, L.; Stemmler, G.; Kohlhaas, G. (2011): Empirische Erkenntnisse zum Übergang vom Bachelor- ins Masterstudium: Welche Motive sind für die Wahl eines Masterstudiums entscheidend? In: Beiträge zur Hochschulforschung 33, 3, 40-61.Google Scholar
  17. Heine, C. (2012): Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium. Hannover. = Studien zum deutschen Innovationssystem 2‑2012.Google Scholar
  18. Hildenbrand, A.; Soviana, S. (2015): Über die Kriterien bei und die Zufriedenheit mit der Wahl eines Master-Studiengangs am Beispiel der agrarwissenschaftlichen Master-Studiengänge der Justus-Liebig-Universität Gießen. In: German Journal of Agricultural Economics 64, 1, 42-57.Google Scholar
  19. HRK – Hochschulrektorenkonferenz (2008): Mobilität im Studium. Eine Untersuchung zu Mobilität und Mobilitätshindernissen in gestuften Studiengängen innerhalb Deutschlands. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von HIS – Hochschul-Informations-System GmbH im Auftrag und in Zusammenarbeit mit der HRK. Bonn. = Statistik zur Hochschulpolitik 2/2008.Google Scholar
  20. HRK – Hochschulrektorenkonferenz (2015): Statistische Daten zu Studienangeboten an Hochschulen in Deutschland. Studiengänge, Studierende, Absolventinnen und Absolventen. Bonn.Google Scholar
  21. Jaeger, A.; Kopper, J. (2014): Third mission potential in higher education: measuring the regional focus of different types of HEIs. In: Review of Regional Research 34, 2, 95-118. doi: 10.1007/s10037-014-0091-3Google Scholar
  22. Konegen-Grenier, C. (2012): Die Bologna-Reform. Eine Zwischenbilanz zur Neuordnung der Studiengänge in Deutschland. Köln. = IW-Positionen – Beiträge zur Ordnungspolitik 53.Google Scholar
  23. Krabel, S.; Flöther, C. (2014): Here Today, Gone Tomorrow? Regional Labour Mobility of German University Graduates. In: Regional Studies 48, 10, 1609-1627. doi: 10.1080/00343404.2012.739282Google Scholar
  24. Kratz, F.; Lenz, T. (2015): Regional-ökonomische Effekte von Hochschulabsolventen. In: Beiträge zur Hochschulforschung 37, 2, 8‑27.Google Scholar
  25. Krawietz, M. (2008): Studentische Mobilität in Deutschland – Der Einfluss der neuen Studiengänge Bachelor und Master. In: Bildung und Erziehung 61, 4, 387-411. doi: 10.7788/bue.2008.61.4.387Google Scholar
  26. Kujath, H. J.; Stein, A. (2009): Rekonfigurierung des Raumes in der Wissensgesellschaft. In: Raumforschung und Raumordnung 67, 5‑6, 369-382. doi: 10.1007/BF03185712Google Scholar
  27. Lörz, M. (2008): Räumliche Mobilität beim Übergang ins Studium und im Studienverlauf: Herkunftsspezifische Unterschiede in der Wahl und Nachhaltigkeit des Studienortes. In: Bildung und Erziehung 61, 4, 413-436.Google Scholar
  28. McClelland, R. J.; Gandy, R. J. (2012): Undergraduate regional migration in the UK. Perspectives on local markets and trends for gender and international student groups. In: Studies in Higher Education 37, 8, 901-924. doi: 10.1080/03075079.2011.602397Google Scholar
  29. Montgomery, M. (2002): A nested logit model of the choice of a graduate business school. In: Economics of Education Review 21, 5, 471-480.Google Scholar
  30. Pietzonka, M. (2014): Gestaltung von Studiengängen im Zeichen von Bologna. Die Umsetzung der Studienreform und die Wirksamkeit der Akkreditierung. Wiesbaden. doi: 10.1007/978-3-658-06488-4Google Scholar
  31. Prenzel, M. (2015): Der regionale Verbund als hochschulpolitische Perspektive. Dresden. https://www.wissenschaftsrat.de/download/archiv/VS_Bericht_Juli_2014.pdf (29.09.2017).
  32. Sage, J.; Evandrou; M.; Falkingham, J. (2013): Onwards or Homewards? Complex Graduate Migration Pathways, Well-being, and the ‘Parental Safety Net’. In: Population, Space and Place 19, 6, 738-755. doi: 10.1002/psp.1793Google Scholar
  33. Schubert, T.; Kroll, H. (2014): Universities’ effects on regional GDP and unemployment: The case of Germany. In: Papers in Regional Science 95, 3, 467-489. doi: 10.1111/pirs.12150Google Scholar
  34. Singleton, A. D.; Wilson, A. G.; O’Brien, O. (2012): Geodemographics and spatial interaction: an integrated model for higher education. In: Journal of Geographic Systems 14, 2, 223-241. doi: 10.1007/s10109-010-0141-5Google Scholar
  35. Studierendensekretariat Gießen (2017): Anonymisierte Studierendenstatistik der Justus-Liebig-Universität Gießen. Gießen.Google Scholar
  36. Tarazona, M. (2010): Regionale Bildungsdisparitäten und Beschäftigungsentwicklung. In: Raumforschung und Raumordnung 68, 6, 471-481.Google Scholar

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Philipp Gareis
    • 1
  • Christian Diller
    • 1
  • Henning Huchthausen
    • 1
  1. 1.Institut für GeographieJustus-Liebig-Universität GießenGießenDeutschland

Personalised recommendations