Man kommt an Corona nicht vorbei

There is no Getting Around Corona

Liebe Leserinnen und Leser,

in der Vorbereitung auf dieses Editorial habe ich angestrengt nachgedacht, wieder einmal über etwas anderes als die Causa prima zu schreiben. Unter dem Motto: „Es ist schon alles gesagt und hören kann es auch kaum noch jemand“, wollte ich mich in einem, wie ich glaubte, dringend benötigten „Corona-freien“ Raum bewegen. Aber mitten in diese Überlegungen platzte die Nachricht von der Verlängerung des Lockdowns, daher dann doch zu Beginn eine kurze Volte hin zum Coronavirus.

BioReg und COVID-19

Bis dato sind in BioReg fünfzehn Patienten mit positivem Virusnachweis und auch manifest erkrankt, aber ohne Todesfall, dokumentiert, was etwa 0,5 % der im Register dokumentierten Patienten entspricht, siehe www.bioreg.at. Diese Zahl liegt eine Zehnerpotenz unter der Anzahl positiver Virusnachweise in der Bevölkerung. Kann man daraus einen protektiven Effekt der Therapie entzündlich rheumatischer Erkrankungen mit Biologika, Biosimilars oder tsDMARDs bzw. der Erkrankungen selbst ableiten? Für mich wäre ein Dokumentationsdefizit bzw. eine zeitliche Verschiebung auf Grund der Kontrolluntersuchungen wahrscheinlicher, aber es wird interessant sein, die Entwicklung weiter zu verfolgen.

Anhand der Pandemiestrategie zeigt sich wiederum die Diskrepanz zwischen Interessen der Gesellschaft und individuellen Bedürfnissen. COVID-19 ist zweifellos eine Erkrankung, der man mit größtem Respekt begegnen sollte, wie übrigens der Mehrzahl der Erkrankungen. Der mit dem Coronavirus assoziierte Erkrankungskomplex kann für einzelne Betroffene dramatische Folgen haben, was sich ja auch an einer Übersterblichkeit in den westlichen Industrieländern ausdrückt.

Dennoch muss auch festgestellt werden, dass die Erkrankung keine existenzielle Bedrohung der menschlichen Gesellschaft an sich darstellt. Und hier beginnt das Dilemma. In der medialen Aufbereitung der Pandemie wird die wohl begründete, individuelle Angst benützt, um gesellschaftlich relevante Maßnahmen zu begründen. Diese Versuche erscheinen a priori wegen der großen Unterschiede des individuellen Angstniveaus und andererseits bei einer geringen Morbidität in der Bevölkerung naturgemäß nicht erfolgsträchtig, was sich ja in der durchaus mangelhaften Identifikation mit den Maßnahmen ausdrückt.

“Dieses Virus wird uns erhalten bleiben”

Der Ansatz, in St. Georg’s Manier das Virus auszurotten, war und ist a priori zum Scheitern verurteilt, denn dieses Virus wird uns erhalten bleiben. Wir werden lernen müssen, damit zu leben. Und je früher, desto besser, denn der Preis, den die menschliche Gesellschaft für eine wenig erfolgsträchtige Taktik zu bezahlen haben wird, kann als extrem, wenn nicht als zu hoch, angesehen werden. Dies betrifft nicht nur und vielleicht gar nicht primär finanzielle Aspekte, die natürlich nicht vernachlässigt werden sollten, aber die Historie zeigt, dass ökonomisch eigentlich immer ein positiver Rebound nach derartigen Krisen, früher waren es in der Mehrzahl Kriege, Platz gegriffen hat. Nein, die Spaltung der Gesellschaft, die Unduldsamkeit, die Intoleranz, die Unfähigkeit Diskussionen zu führen oder andere Meinungen anzuerkennen, sind es, die aus gesellschaftlicher Sicht Angst erzeugen.

Womit es mir wieder nicht gelungen ist, nicht von Corona und assoziierten Problemen zu schreiben. Aber wir sollten unser Augenmerk auch auf andere wichtige Inhalte legen, so hat eine virtuelle, durchaus bemerkenswerte, ÖGR-Jahrestagung stattgefunden, die nicht nur die erste digitale Vorstandswahl mit sich brachte, sondern auch bemerkenswerte Beiträge, von denen wir einige in rheuma plus aufgreifen werden.

Und noch ein, vielleicht nicht zu unterschätzender Aspekt der ÖGR-Tagung 2020: Die Führung der ÖGR ist nun in mehrheitlich weiblicher Hand, was die Entwicklung in der österreichischen Rheumatologie in folgerichtiger Weise nachvollzieht.

Und so hat einer der aktuellen Beiträge dieser Ausgabe – von der neuen Präsidentin der ÖGR, Judith Sautner, Stockerau, verfasst – Probleme der Schnittstellen-Erkrankung Arthritis psoriatica zum Inhalt. Diese Erkrankung hat erst in den letzten Jahren – naturgemäß bedingt durch im Rahmen intensiver Forschung gewonnene Erkenntnisse der Pathophysiologie – ihr Profil als distinkte, entzündlich rheumatologische Krankheitsentität mit eigenen Spezifika entwickelt.

Auch im Rahmen der ÖGR-Jahrestagung referierte Stefan Winkler, Wien, über Rheumapatienten in der Pandemie, die ja Patienten mit auto-inflammatorischen entzündlichen Erkrankungen in besonderem Maße betrifft. Eine Zusammenfassung dieses besonders tagesaktuellen Referates finden Sie ebenfalls in dieser Ausgabe.

Wissensdefizite und Therapieerfolg

Der Ausgleich von Wissensdefiziten kann wohl als eine der wesentlichsten Aufgaben der beruflichen Weiterbildung gesehen werden, sind diese eigentlich immer auch eine Ursache für mangelnden Therapieerfolg. Thomas Kienbacher, Wien-Liesing, zeigt, dass die Unterscheidung zwischen verschiedenen Patientensubgruppen Vorteile in der Behandlung von chronischen Kreuzschmerzpatienten bringen kann und daher stärker berücksichtigt werden sollte. Besondere Beachtung sollte dabei den einzelnen psychosozialen Risikofaktoren für eine Chronifizierung zukommen.

Auch mit dieser Ausgabe hoffen wir wieder Ihr Interesse zu wecken und dem Ziel von rheuma plus nahe zu kommen, eine fruchtbringende, offene und redliche Diskussion in Gang zu bringen, aus der wir alle Nutzen ziehen können. Wie immer an dieser Stelle möchten wir Sie herzlich dazu einladen, uns Ihre Meinung zu den Beiträgen dieser Ausgabe, wie auch zu allen rheumatologischen Themen, die Sie für relevant oder für diskussionswert halten, zu schicken. Sie können in jedem Fall auf einen fairen Review mit entsprechendem Feedback vertrauen. Für Kritik, Hinweise, Zustimmung, wie auch für jeden anderen Beitrag, bedanke ich mich schon im Voraus.

Herzlichst,

Ihr Burkhard Leeb

Author information

Affiliations

Authors

Corresponding author

Correspondence to Burkhard Leeb.

Ethics declarations

Interessenkonflikt

B. Leeb gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Additional information

Hinweis des Verlags

Der Verlag bleibt in Hinblick auf geografische Zuordnungen und Gebietsbezeichnungen in veröffentlichten Karten und Institutsadressen neutral.

Rights and permissions

Reprints and Permissions

About this article

Verify currency and authenticity via CrossMark

Cite this article

Leeb, B. Man kommt an Corona nicht vorbei. rheuma plus 20, 2–3 (2021). https://doi.org/10.1007/s12688-021-00417-y

Download citation