Karin Bock, Nina Göddertz, Franziska Heyden, Miriam Mauritz (Hrsg.) (2019). Zugänge zur Kinderladenbewegung

Wiesbaden: Springer VS, ISBN: 978-3-658-24188-9, 444 Seiten, 48,59 €

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Der Sammelband entstand als neueste Publikation aus dem Projekt „Die Kinderladenbewegung: Biographische Auswirkungen und gesellschaftspolitische Einflüsse institutioneller Erziehungsarrangements“ und rahmt diesen Forschungszusammenhang auf unkonventionelle Art. Ihn kennzeichnet vor allem ein sehr breites Spektrum an Artikeln, die 1968 und die Kinderladenbewegung aus unterschiedlichsten Perspektiven beleuchten, womit er auch dem Anspruch der Herausgeber_innen, die „(…) Vielschichtigkeit und Verschiedenheit der Zugänge (…)“ (S. 2) zur Kinderladenbewegung aufzuzeigen, gerecht wird.

Im ersten Teil des Bandes werden Positionen und Reflexionen aus der Akteur_innenperspektive aufgegriffen. Zum einen bietet dieser Teil Einblicke in das gesellschaftliche Klima der damaligen Zeit und in das studentische Milieu zum anderen werden auch die theoretischen Positionen und Anknüpfungspunkte der Kinderladenaktivist_innen thematisiert und der enge Zusammenhang zwischen Theorie und politscher und pädagogischer Praxis dargestellt. So beschreibt Lutz von Werder in seinem Beitrag „Kinderladenbewegung und Psychoanalyse“ eindrücklich die theoretischen Auseinandersetzungen des SDS (vgl. S. 44 f.) mit ihren Ambitionen zur Umsetzung der psychoanalytischen Theorie in die kollektive Praxis (vgl. S. 47). Maria-Eleonora Karsten stellt in ihrem Beitrag heraus, dass fast alle der neueren erziehungswissenschaftlichen Erkenntnisse damals sowohl diskutiert und für die eigene Praxis in den Kinderläden genutzt wurden (S. 121), und schafft es zudem mit Formulierungen wie „(…) es wurde unendlich viel, unendlich lange und unendlich intensiv diskutiert, dabei unendlich viel geraucht und immer wieder tatsächlich unendlich viel verändert.“ (S. 117) bei den Leser_innen ein Gefühl für die Zeit entstehen zu lassen. Ebenso schafft Michael Winkler Einblicke in diese Innenperspektive, indem er über die regelmäßigen Elterndienste im Kinderladen berichtet, die überschattet waren von „schwierigen Diskussionen“ über das Erlauben oder Verbieten der konsumkapitalistischen Produkte Coca-Cola und Pommes-Frites (vgl. S. 81).

Besonders lesenswert macht den ersten Teil der deutliche theoretische Fokus auf die Psychoanalyse, der sich von Wilma Aden-Grossmanns Beitrag über die „Ur-Mutter der Kinderläden“ (v. Werder, S. 49) und Wilhelm-Reich-Wiederentdeckerin (vgl. Aden-Grossmann, S. 12) Monika Seifert bis hin zum Beitrag „Mit Bernfeld die Welt verändern“ von Daniel Barth zieht.

Für den zweiten Teil des Bandes führten die Herausgeber_innen fünf Interviews mit Personen, die teils im engen oder auch im weiteren Bezug zur Kinderladenbewegung standen oder stehen und diese aus einer praktischen oder eher theoretischen Perspektive gestaltet oder begleitet haben. Jedoch wird bei beiden Perspektiven die jeweils andere nicht ausgeblendet. So erzählt beispielsweise die Mitgründerin der Kinderschule Frankfurt, Marei Hartlaub, von der intensiven Lektüre psychoanalytischer und reformpädagogischer Literatur (vgl. S. 216) und betont die Auseinandersetzung mit Theorie und Gesellschaftsentwürfen. Erziehungswissenschaftler Heinz Sünker berichtet über den „Traum, mit Bildung die Verhältnisse zu revolutionieren“ (S. 244) und Heinz Herrmann Krüger beschreibt seine Erfahrungen bei der Gründung eines Schülerladens in Essen, als er und seine Freunde vom sozialistischen Büro dachten, „wir müssen jetzt auch mal was Praktisches tun (…)“ (S. 270).

Der dritte und letzte Teil des Bandes bietet dann einen Einblick in aktuelle Forschungsperspektiven zur Kinderladenbewegung. So schreiben unter anderem die Mitherausgeberinnen Karin Bock und Nina Göddertz über die Funktion von Raubdrucken als Medium der „intellektuellen Verständigung“ innerhalb der Bewegung. Hierbei bleiben leider die Ausführungen – die vor allem aus der Perspektive einer digitalisierten Welt der schnellen Kommunikation sehr lohnenswert scheinen – recht knapp. Neben zwei Beiträgen, die die mediale Inszenierung von Kinderläden in den Blick nehmen, wird zudem noch einmal die feministische Perspektive auf Kinderläden in den Fokus gerückt. So schreibt Miriam Mauritz als Ergebnis der Auswertung von biographischen Interviews mit Kinderladengründer_innen aus dem ländlichen Raum über die Bedeutung des Kinderladens als Emanzipations- und „(…) Ermöglichungsort, um mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen (…)“ (S. 371) und Jeanette Windheuser kritisiert in ihrem Beitrag zu „Geschlecht in Heimkampagne und Kinderladenbewegung“ die „(…) wiederholt geschlechtsblinde historische Darstellung der sozialen Bewegungen (…)“ (S. 375).

Wirkt der Band zunächst im Aufbau teilweise fragmentarisch angelegt, eint die verschiedenen Beiträge ein „Nicht-Vernachlässigen“ marginalisierter Perspektiven auf die Kinderladenbewegung, da die Herausgeber_innen darauf verzichten, machtvollen Sprecher_innenpositionen die Deutung der Geschichte zu überlassen und stattdessen auch ein Augenmerk auf die „kleinen Erzählungen“ lenken (vgl. S. 392). Der Band schafft es gegen den Mythos einer einzig wahren Erzählung über Kinderläden anzugehen und zeigt auf, dass die Beschäftigung mit historischen Themen geprägt ist von unterschiedlichen Perspektiven auf Wirklichkeit. So kommen Zeitzeug_innen und Forscher_innen sowie Personen, die beides vereinen, zu Wort. Dadurch werden sowohl die politische und pädagogische Praxis als auch die theoretischen Grundlagen der Kinderladenbewegung in ihrer jeweils spezifischen Form in den Blick genommen und die immer noch recht magere Forschungs- und Theorielandschaft zu „Pädagogik und 1968“ deutlich bereichert.

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Thole, F. Karin Bock, Nina Göddertz, Franziska Heyden, Miriam Mauritz (Hrsg.) (2019). Zugänge zur Kinderladenbewegung. Sozial Extra (2020). https://doi.org/10.1007/s12054-020-00293-4

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