Gerd Ronning

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Am 23. Dezember 2019 verstarb überraschend Professor Dr. Gerd Ronning im Alter von 80 Jahren nach kurzer schwerer Krankheit. Unser akademischer Lehrer und Mentor war langjähriges aktives Mitglied der Deutschen Statistischen Gesellschaft, insbesondere als (stellvertretender) Vorsitzender des Ausschusses für Empirische Wirtschaftsforschung und Angewandte Ökonometrie. Er hat sich in dieser, wie auch in anderen Funktionen als ein Wegbereiter der angewandten mikroökonometrischen Forschung in Deutschland und darüber hinaus bleibende wissenschaftliche Verdienste erworben.

Gerd Ronning wurde am 14. August 1939 in Bremen geboren. Nach dem Abitur absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Hamburg. Zum Studium der Betriebswirtschaftslehre und der Volkswirtschaftslehre, das er mit dem Diplom 1966 abschloss, zog es ihn an die Ludwigs-Maximilians-Universität München. In die Zeit seines Studiums fielen Verhandlungen über den Verkauf der elterlichen Kaffeerösterei, die er aktiv mitgestaltete, und ein Praktikum in einem Marktforschungsinstitut mit der wohl ersten ernsthaften Auseinandersetzung mit Fragen der empirischen Wirtschaftsforschung.

An der LMU München wurde er unter der Betreuung von Professor Dr. Eberhard M. Fels 1969 mit der Arbeit „Bayesianische Kritik an klassischen Schätzmethoden unter Berücksichtigung von ökonometrischen Mehrgleichungsmodellen“ promoviert. Im Jahr 1970 wechselte er an die kurz zuvor neu gegründete Reformuniversität Konstanz, habilitierte sich dort 1975 und erhielt die venia legendi für Statistik und Ökonometrie. Die Habilitation erfolgte auf Basis einer kumulativen Arbeit, was zu dieser Zeit noch sehr ungewöhnlich war.

1976 wurde er dann an der Universität Konstanz zum Universitätsdozenten ernannt und 1980 zum C2-Professor für Ökonometrie. Er hat in der Folge einen Ruf auf eine C4-Professur an der TU Dortmund (1983) und an die TU Dresden (1992) abgelehnt. Dem Ruf an die Eberhard-Karls-Universität Tübingen auf die Nachfolge von Professor Dr. Heinrich Strecker ist er schließlich 1993 gefolgt. In Tübingen hat Gerd Ronning dann bis zum Eintritt in den Ruhestand 2004 geforscht und gelehrt.

Gerd Ronnings wissenschaftliches Wirken war geprägt von einer festen lokalen Verwurzelung, gepaart mit einer beachtlichen nationalen und internationalen Sichtbarkeit. Einen ersten bedeutenden Niederschlag gefunden hat dies in der Leitung des Teilprojekts A2 „Strukturveränderungen des deutschen Außenhandels – Ökonomische und institutionelle Determinanten“ des Sonderforschungsbereichs (SFB) 178 „Internationalisierung der Wirtschaft“ von 1989 bis 1994 an der Universität Konstanz. Der SFB bot ihm die Möglichkeit, erstmals ein Team von Nachwuchswissenschaftlern um sich zu scharen (seine C2-Professur an der Universität Konstanz war ohne Ausstattung an wissenschaftlichen Mitarbeiterstellen). Seine erste Mitarbeiterstelle besetzte er mit Angelika Eymann, die später aussichtsreich in mehreren Berufungsverfahren war und leider allzu früh im Alter von 35 Jahren verstarb. Auch nutzte er die Ressourcen und die Ausrichtung des SFB dazu, seine bereits zuvor aufgebauten internationalen Kontakte zu renommierten Forschern, wie John Chipman, Marc Nerlove und Andy Tremayne weiter zu vertiefen.

Die Konstanzer Zeit war nicht nur für einige seiner späteren Schüler prägend, sondern auch für eine ganze Reihe von studentischen Tutoren, mit deren Hilfe Gerd Ronning die Übungen zur Grundlagenveranstaltung in Statistik bestritten hat. Zu seinen Studenten zählten u. a. Bernd Fitzenberger, Jörn-Steffen Pischke, Winfried Pohlmeier und Rainer Winkelmann.

Nach seinem Wechsel 1993 an die Universität Tübingen hat sich Gerd Ronning bald am renommierten und dort ansässigen Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) in leitender Funktion engagiert. Zuerst von 1995 bis 1997 als Co-Direktor (zusammen mit Prof. Dr. Wolfgang Wiegard) und danach bis 2004 als Direktor. Anschließend blieb er dem IAW als Mitglied und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats sowie als Ehrenmitglied weiterhin eng verbunden.

Im Rahmen seiner Tätigkeit am IAW hat er insbesondere die mikroökonometrische Forschung des Instituts vorangetrieben. Auch nach seinem Ausscheiden betreute er wichtige Projekte des Instituts, etwa zur faktischen Anonymisierung von wirtschaftsstatistischen Einzel- und Paneldaten, das in enger Kooperation mit den Forschungsdatenzentren des Statistischen Bundesamtes und der Statistischen Landesämter durchgeführt wurde.

Gerd Ronning war in zahlreichen wissenschaftlichen Vereinigungen aktiv tätig. Allen voran war er langjähriges Mitglied in der Deutschen Statistischen Gesellschaft und dort insbesondere im Ausschuss für Empirische Wirtschaftsforschung und Angewandte Ökonometrie, dessen (stellvertretender) Vorsitzender er von 1987 bis 1999 war. Die Statistischen Wochen und insbesondere die Pfingsttagungen hatten einen festen Platz in seinem Konferenzkalender. Seinen wissenschaftlichen Nachwuchs hat er stets ermuntert und gefördert, daran auch mit eigenen Beiträgen teilzunehmen. Für die Pfingsttagung in Tübingen im Mai 1996 übernahm Gerd Ronning gemeinsam mit Professor Dr. Eberhard Schaich die lokale Organisation, deren geselliger Abend auf dem Österberg hoch über dem Neckar für viele einen bleibenden schönen Eindruck hinterlassen hat. Den DStatG Nachwuchsworkshop im März 2000 in Blaubeuren zum Thema Mikroökonometrie hat er maßgeblich mitgestaltet. Darüber hinaus leitete er von 2007 bis 2009 im Verein für Socialpolitik den Ökonometrischen Ausschuss.

Gerd Ronnings Forschungsgebiete waren breit gestreut und spiegelten seine vielseitigen wissenschaftlichen Interessen wider. Nach bayesianischen Ansätzen in der Dissertation beschäftigte er sich schon früh mit Fragen der empirischer Kapitalmarktforschung, was zu beachtlichen Publikationen in renommierten internationalen Fachzeitschriften führte. Als einer der ersten in Deutschland wandte sich Gerd Ronning dem an der Schnittstelle zwischen Statistik, Mikroökonomie und der Ökonometrie neu entstandenen Gebiet der Mikroökonometrie zu. Neben zahlreichen methodischen und angewandten Beiträgen zu diesem Forschungsgebiet legte er 1991 das erste deutschsprachige Lehrbuch dazu vor und setzte damit auch international Maßstäbe. „Der Ronning“ wurde schnell zu einem Standardwerk im Bereich der Mikroökonometrie und findet sich auch heute noch in zahlreichen Literaturhinweisen zu Lehrveranstaltungen aus diesem Gebiet. Neben rein methodischen Arbeiten galt sein Interesse auch immer der empirischen Wirtschaftsforschung, wobei seine Beiträge ebenfalls ein breites Anwendungsspektrum abdeckten, u. a. mit Analysen zu Urlaubsreiseentscheidungen, Kaffeeimporten und dem Mietspiegel.

Als Betreuer hat Gerd Ronning seine wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stets in aktuelle Forschungsprojekte einbezogen. Dabei ließ er großzügig Freiräume für eigene Forschungsideen. Ihm war es ein sehr wichtiges Anliegen, dass die Mitarbeiter frühzeitig mit eigenen Beiträgen auf nationalen, wie internationalen Konferenzen und Workshops wertvolle Erfahrungen für den eigenen akademischen Weg sammeln. Damit hat er sicherlich eine Vorreiterrolle für die gegenwärtige deutschsprachige Nachwuchsförderung eingenommen, die vier seiner Schüler auf Lehrstühle für Statistik, Ökonometrie und Empirical Finance führte. Für seine kollegiale Zusammenarbeit und engagierte Förderung, sowie sein Beharren auf eine konsequente Ausrichtung an einem hohen wissenschaftlichen Anspruch sind wir ihm zutiefst dankbar.

Neben seiner Familie und seinem wissenschaftlichen Wirken war Sport zeit seines Lebens ein wichtiger Bestandteil. So spielte er lange Jahre aktiv Hockey und war auch hier in der Nachwuchsförderung tätig. Kurz vor seiner Pensionierung entdeckte er den Golfsport, dem er leidenschaftlich bis zuletzt nachging. Für seine Golffreunde löste er ein Gruppeneinteilungsproblem – nicht überraschend – mit statistischen Verfahren.

Gerd Ronning wurde im Kreise seiner Familie unter Anteilnahme vieler Freunde, Kolleginnen und Kollegen am 8. Januar 2020 auf dem Friedhof des Münsters St. Maria und Markus auf der Insel Reichenau beigesetzt.

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Jung, R., Kukuk, M. & Liesenfeld, R. Gerd Ronning. AStA Wirtsch Sozialstat Arch (2020). https://doi.org/10.1007/s11943-020-00271-y

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