Hartmann, Maren/Prommer, Elizabeth/Deckner, Karin/Görland, Stephan O. (Hrsg.): Mediated time. Perspectives on time in a digital age

Cham: Palgrave Macmillan 2019. 365 Seiten. Preis: € 85,59 (e-book)

Medien und Zeit – das Wechselverhältnis dieser beiden Begriffe und ihre miteinander verknüpften Konstitutionsbedingungen sind als Thema in der Kommunikationswissenschaft keine Unbekannten. Zeitbezogene Begriffe wie etwa Aktualität oder Periodizität gehören zu basalen Kategorien der Medienkunde. Die Bedeutung von Medienkommunikation und zur Verfügung stehenden Kommunikationsmitteln für die Wahrnehmung, Strukturierung und Beurteilung von Zeit(erleben) im Alltag oder in spezifischen Kontexten der Medienproduktion, Medienrezeption oder Mediennutzung ist intensiv besprochen worden. Allerdings entwickeln sich die Möglichkeiten und Bedingungen der Medienkommunikation für die soziale Konstruktion von Zeit weiter. Es ist daher nur folgerichtig, dass Perspektiven auf das Verhältnis von Medien und Zeit „für ein digitales Zeitalter“ aktualisiert werden. Das geschieht derzeit auch in internationalen Fachzeitschriften und Herausgeberbänden.

Der vorliegende Band, der von Maren Hartmann, Elizabeth Prommer, Karin Deckner und Stephan O. Görland als HerausgeberInnen verantwortet wird, nähert sich dem Themenfeld aus einer Perspektive, die sich besonders für Transformation und Wandel, aber auch Kontinuitäten in der Wahrnehmung von Zeit im „intricate relationship between media, their users and social life“ (S. 2), interessiert. Durch die mobile und dauerhafte digitale Verfügbarkeit ist in den letzten Jahren die Unterscheidung von Zeit, die man mit oder ohne Mediennutzung verbringt, zusehends verschwommen bis hinfällig geworden. Durch neue Potentiale sowohl synchroner wie auch asynchroner Mediennutzung sind kommunikationswissenschaftliche Erkläransätze zudem herausgefordert worden.

Das Buch, das seinen Ursprung im Kontext eines DFG-Projekts zu Mobilkommunikation und Zeitwahrnehmung hat, versammelt insgesamt 17 Beiträge. Diese sind in vier Sektionen arrangiert worden, wobei drei Beiträge als „Zwischenspiele“ in Form von Interviewbeiträgen mit zentralen DenkerInnen des Temporalitätsdiskurses Scharniere zwischen den Abschnitten bilden.

Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit Normen und Kategorien von Zeit. Thomas Sutherland und Maren Hartmann zeigen auf unterschiedliche Art auf, dass permanente digitale Verfügbarkeit keineswegs einfach einen neuen Normalzustand darstellt oder alle im gleichen Maße betrifft. Vielmehr sind die Möglichkeiten, über Zeit für Mediennutzung zu bestimmen, an gesellschaftliche Machtverhältnisse gekoppelt. Diese wären daher künftig analytisch nuancierter als bisher zu berücksichtigen. Bemerkenswert ist ein Wiederabdruck Helga Nowotnys „Eigenzeit revisited“ von 2016. Darin widmet sich die Autorin nämlich selbst einer Aktualisierung ihres Konzepts von „Eigenzeit“ (1989), das quer durch den Band wiederkehrend referenziert wird, und damit belegt, wie einflussreich es (im deutschsprachigen Raum) ist. Stark auf Nowotnys Konzept aufbauend arbeitet Karin Deckner an ihrem Konzept der „Heterochronias“. Neben dem Eigenzeit-Konzept orientiert sie sich zentral an Foucaults Begriff der Heterotopien, und bemüht sich, diesen von Raum auf Zeit zu übertragen und damit eine heterogene Gleichzeitigkeit von anderen Zeiten zu beschreiben, die sich aus individuellen Wahrnehmungs- und Handlungszusammenhängen in Verbindung mit Medien herleiten lassen.

Besonders im zweiten Abschnitt zu Materialitäten und Orten, an denen sich das Verhältnis von Medien und Zeit in besonderer Weise beobachten lässt, aber auch quer zur Struktur des Bandes wird in den Sektionen wiederholt die zwingende, wechselseitige Bedingtheit von Zeit und Raum deutlich. Selten war dabei der Weg vom Smart Home als mediale Zukunftsvision (Deborah Chambers) zum Smart Prison (Anne Kaun und Fredrik Stiernstedt) so kurz wie hier.

Zwei Beiträge im dritten Teil beschäftigen sich mit Zeitkonstruktionen im und durch den Journalismus. Bei Irene Neverla und Stefanie Trümper steht dabei neben einer Auffrischung von Neverlas etabliertem Konzept der polychronen Gesellschaft speziell das Potential journalistischer Erinnerungsarbeit im Fokus. Henrik Bodker und Niels Brügger untersuchen die Konstruktion von Zeitbezügen durch Lokaljournalismus. Maria Rikitanskaia beschreibt in einer medienhistorischen Arbeit die Rolle von Medien(technologie) bei der Synchronisation der elf verschiedenen Zeitzonen, über die hinweg sich Russland erstreckt.

Der vierte Abschnitt geht mit Beiträgen von Prommer und Görland in zwei unterschiedlichen Akzentuierungen auf sich wandelnde Zeitwahrnehmungen im Kontext von Mobilkommunikation ein. Bei Prommer steht dabei die Gleichzeitigkeit von Handlungen im Zentrum, bei Görland sogenannte in-between times, also Warte- und Zwischenzeiten, die nunmehr durch Mobilkommunikation gefüllt und überformt werden können.

Klar wird bei der Lektüre, dass aktuell viel Begriffsarbeit geleistet wird und viele Begriffsvorschläge zirkulieren. Sie akzentuieren jeweils unterschiedliche Aspekte von Medien und Zeit, treten aber auch in Konkurrenz zueinander, um doch Vergleichbares unterschiedlich anzustrahlen. Das Verhältnis der vorgeschlagenen Begriffe zur Analyse von pluralem und personalisiertem Zeiterleben bleibt dabei noch näher zu bestimmen und das Verhältnis von polychron und heterochron als Ergänzung oder Konkurrenz zu klären. Darin besteht aber auch das Potential rivalisierender Begriffe. Der facettenreiche Band kann nicht nur unterschiedliche Dimensionen des Themas gut ausleuchten und so einstiegsfreundlich mögliche Zugänge zu dem Diskursfeld aufzeigen, sondern liefert auch Material zur Herausforderung vermeintlicher Gewissheiten zur dauerhaften Omnipräsenz von Medienkommunikation in unserer Alltagswelt.

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Schwarzenegger, C. Hartmann, Maren/Prommer, Elizabeth/Deckner, Karin/Görland, Stephan O. (Hrsg.): Mediated time. Perspectives on time in a digital age. Publizistik (2020). https://doi.org/10.1007/s11616-020-00580-w

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