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Der Diabetologe

, Volume 13, Issue 1, pp 6–7 | Cite as

Sektorenübergreifende Versorgungsstrukturen

Herausforderung für die Diabetologie
Einführung zum Thema
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Cross-sectoral health care structures

A challenge for diabetology

Aktuell sind etwa 6 Mio. Menschen an Diabetes erkrankt, jedes Jahr kommen 300.000 hinzu. Die Zahl der von Diabetes Betroffenen stieg zwischen 1998 und 2012 um 38 %. Der Großteil dieser Zunahme ist nicht über die demografische Alterung zu erklären. Unabhängig von persönlichen Faktoren (Lebensstil) scheint auch das Leben in benachteiligten Regionen, die von hoher Arbeitslosigkeit, Luftverschmutzung und schlechter Infrastruktur geprägt sind, mit einem erhöhten Diabetesrisiko assoziiert zu sein. Die altersstandardisierte Prävalenz weist in Deutschland zudem erhebliche regionale Unterschiede auf.

Obwohl in den letzten Jahrzehnten durch verbesserte Behandlungsmethoden und sicher auch durch Einführung der Disease-Management-Programme (DMP), aber auch durch Zertifizierungen von Einrichtungen viel in der Therapie des Diabetes erreicht wurde, sind dennoch die Lebensqualität vieler Betroffenen eingeschränkt und ihre Lebenserwartung reduziert. Eine besondere Herausforderung in der Versorgung stellt der zunehmende Anteil an geriatrischen Patienten dar. Aber auch die bildungsfernen Schichten und Migranten, bei denen Diabetes besonders häufig vorkommt, werden bislang nur ungenügend erreicht. Auch sie müssen erfahren, wie sich die Krankheit vermeiden lässt, wo sie eine gute Behandlung erhalten, wie sie diese einfordern und wie sie ihre Erkrankung aktiv selbst gestalten können.

Diabetes ist eine Krankheit, die sämtliche Organsysteme des Menschen beeinflusst. Daher ist eine interdisziplinäre, interprofessionelle und sektorenübergreifende Versorgung unverzichtbar.

„Chronic care management“ (CCM) oder, wie es der Sachverständigenrat zur Beurteilung der Entwicklung im Gesundheitswesen in seinem Sondergutachten beschreibt, eine sektorenübergreifende populationsbezogene, integrierte Versorgung, ist die derzeit beste Option, die Versorgung chronisch Kranker zu organisieren. Von Seiten der Kostenträger ist die Bereitschaft zur Innovation und Initiierung neuer Versorgungskonzepte heute so gering wie lange nicht. Trotz aller Forderungen nach einem integrierten, einheitlichen DMP für kardiovaskuläre Erkrankungen existieren die DMP für Diabetes mellitus und koronare Herzkrankheit (KHK) weiter parallel nebeneinander.

Schon lange besteht die Herausforderung, unser Gesundheitssystem ganzheitlich und integriert zu organisieren

Die sektorenübergreifende Schnittstellenproblematik in der deutschen Gesundheitsversorgung ist immer noch ungelöst, insbesondere bezüglich der Schnittstellen zwischen ambulanter und stationärer Versorgung sowie zwischen Arzt und Pflege. Es wird eine hausarztzentrierte, flächendeckende, patientenzentrierte und sektorenübergreifende Versorgung benötigt, also eine völlig neue Versorgungslandschaft, die integrierte Versorgung flächendeckend implementiert. Dem Patienten ist es vollkommen egal, ob er nach stationärer oder ambulanter Vergütung behandelt wird, er will optimal versorgt werden und sich nicht zwischen den unterschiedlichen Ebenen und Sektoren verlieren.

Die fortschreitende Digitalisierung und Transparenz können einen wichtigen Beitrag leisten, die gemeinhin als starr empfundenen Versorgungsstrukturen weiter an den Bedürfnissen der Patienten auszurichten. Darüber hinaus können E‑Health-Lösungen und insbesondere telemedizinische Versorgungsangebote zur Qualitätsverbesserung und Effizienzsteigerung innerhalb der bestehenden gesundheitlichen Versorgung führen. Derartige Anwendungen ermöglichen eine zeitnahe, patientenbezogene sowie einrichtungs- und sektorenübergreifende Steuerung und Koordination der Therapie.

E-Health wird v.a. die Versorgung von Patienten in größerer räumlicher Entfernung erleichtern, einen weiteren Vorteil stellt die Einführung von Systemen zur Arzneimittelsicherheit dar, die die Patientensicherheit verbessern können. Im Einsatz von Informations- und Telekommunikationstechnologie werden Potenziale zu internen Optimierungen sowie einer Steigerung des Nutzens in der Kommunikation mit anderen Leistungserbringern und Kostenträgern gesehen.

Unsere Ergebnisse sind längst nicht so gut, wie sie sein könnten

In Hinsicht auf eine ganzheitliche Versorgung gibt es heute zahlreiche Gebiete, in denen die Digitalisierung bereits Einzug gehalten hat: Jedoch sind derzeit noch zu wenige Konzepte vorhanden, wie digitale Angebote systematisch in der Versorgung chronisch Kranker eingesetzt werden können. Der kontinuierliche Austausch von Daten zwischen Patienten und Behandlern durch Geräte, die das Selbstmanagement unterstützen, sind teilweise bereits etabliert. Diabetes könnte daher eine Vorreiterrolle in der Etablierung neuer digitaler Konzepte spielen.

Es ist unbestritten, dass bereits große Fortschritte erzielt wurden. Nur: Unsere Ergebnisse sind längst nicht so gut, wie sie sein könnten.

E. Siegel

Notes

Interessenkonflikt

E. Siegel gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag Berlin 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.St. Josefskrankenhaus HeidelbergHeidelbergDeutschland

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