Der Gastroenterologe

, Volume 12, Issue 2, pp 106–107 | Cite as

Reizdarm und Reizmagen

Einführung zum Thema
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Irritable bowel and dyspepsia

Funktionelle Erkrankungen wie das Reizdarmsyndrom (Reizdarm; IBS) und die funktionelle Dyspepsie (Reizmagen) gehören zu den häufigsten gastrointestinalen Erkrankungen in einer internistischen Praxis. So liegt die Prävalenz für das Reizdarmsyndrom in Deutschland bei etwa 12 % [1]. Dies ist durch den hohen Leidensdruck der Patienten bedingt, der mit anderen organischen Erkrankungen vergleichbar und teilweise sogar höher als bei Patienten mit einer kongestiven Herzinsuffizienz, einer gastroösophagealen Refluxkrankheit, einem Diabetes mellitus Typ 2, einer Depression oder einem terminalen Nierenversagen ist. Diese Erkrankungen verursachen daher hohe direkte und indirekte Kosten im Gesundheitswesen. Trotz dieser großen medizinischen und sozioökonomischen Bedeutung werden funktionelle Erkrankungen häufig nicht ernst genommen und die Patienten als eingebildete Erkrankte abgestempelt. Ursache hierfür ist das Dilemma, dass mit den konventionellen klinisch verfügbaren Untersuchungstechniken keine organischen Korrelate oder definierte Funktionsstörungen, die die Beschwerden erklären könnten, nachgewiesen werden können. Diese Situation ist für den Arzt und den Patienten gleichermaßen unbefriedigend. Während sich der Arzt aber durch die Interpretation einer „supranasalen Erkrankung“, für die der Patient selber verantwortlich ist, schützen kann, irrt der Patient häufig von Arzt zu Arzt und landet schließlich in Versorgungsbereichen außerhalb der Schulmedizin. Diese Situation wird zusätzlich dadurch verschärft, dass sich die Beschäftigung mit neurogastroenterologischen Erkrankungen für den Arzt ökonomisch nicht lohnt. So sind die in der Regel zeitintensiven Betreuungen der Patienten und die teilweise erforderlichen aufwendigen gastrointestinalen Funktionsuntersuchungen in den Vergütungssystemen vollkommen unzureichend abgebildet. Dies führt dazu, dass sich auch der klinische Nachwuchs kaum für diese Krankheitsbilder interessiert. Zusätzlich ist die Neurogastroenterologie an deutschen Universitäten praktisch nicht mehr vertreten und somit auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs uninteressant. Es besteht also die Gefahr, dass es in Zukunft immer weniger qualifizierte Ärzte gibt, die diese sehr häufigen Erkrankungen adäquat beurteilen und betreuen können.

Ein weiterer Grund für diese unbefriedigende Situation liegt in den symptombasierten Definitionen der funktionellen Magen-Darm-Erkrankungen selbst. So wird das Reizdarmsyndrom durch einen Symptomcluster von Bauchbeschwerden und Stuhlgangveränderungen definiert, wodurch ein eigenes einheitliches Krankheitsbild mit definierter Pathophysiologie suggeriert wird. Hierfür gibt es aber keinerlei wissenschaftliche Belege. De facto unterscheidet sich das hierdurch definierte Patientenkollektiv bezüglich des Krankheitsverlaufs auch nicht grundsätzlich von anderen funktionellen Erkrankungen. So überlappt das Reizdarmsyndrom z. B. zu etwa 80 % mit der chronischen Obstipation und zu etwa 30 % mit der funktionellen Dyspepsie. Ebenfalls beschreiben die Konsensuskonferenzen (Rom I–IV) teilweise unterschiedliche Patientenkollektive, da die hierdurch definierten Patientengruppen nur unvollständige Schnittmengen aufweisen. Das Reizdarmsyndrom ist also streng genommen eine Fehlbezeichnung [2]. Aufgrund des Fehlens von klinisch nutzbaren Biomarkern kann die Diagnose des Reizdarmsyndroms noch nicht positiv gestellt werden und ist daher weiterhin eine Ausschlussdiagnose. Eine ausführliche Differenzialdiagnostik ist daher im Einzelfall erforderlich. Dies trifft überwiegend für die Diarrhoe zu, bei der in über 30 % der Fälle andere Erkrankungen diagnostiziert werden können. Auch bei der funktionellen Dyspepsie täuscht die Einteilung in Untergruppen („epigastric pain syndrome“, „postprandial distress syndrome“) zugrunde liegende spezifische Pathophysiologien vor, für die jedoch kaum wissenschaftliche Evidenzen vorliegen. So ist die Assoziation zwischen früher Sättigung und postprandialer Magenfundusrelaxationsstörung beim Reizmagen die bisher einzige nachgewiesene Korrelation zwischen einer klinischen Symptomatik und einer Funktionsstörung. Diese artifiziellen Definitionen neurogastroenterologischer Erkrankungen werden von ausgewählten Experten in regelmäßigen internationalen Konsensuskonferenzen weiterentwickelt und gepflegt, ohne dass für den Kliniker ein relevanter Benefit erkennbar ist.

Durch die rasante Entwicklung der Grundlagenforschung hat sich die Interpretation der funktionellen Erkrankungen wie des Reizdarmsyndroms und der funktionellen Dyspepsie in den letzten Jahren grundlegend gewandelt [3, 4]. So geht, im Gegensatz zu früheren Interpretationen, die heutige Auffassung davon aus, dass funktionelle Erkrankungen verschiedene organische Erkrankungen mit unterschiedlichen, klar definierten Pathophysiologien repräsentieren.

Hauptziel der zukünftigen Forschungen muss es daher sein, klinisch geeignete Biomarker zur Detektion der pathophysiologisch definierten Erkrankungen zu finden und spezifische Therapien einsetzen zu können. Dies wird dazu führen, dass der „Konsensustopf“ der funktionellen gastrointestinalen Erkrankungen ohne organisches oder funktionelles Korrelat in Zukunft immer kleiner und durch pathophysiologisch klar definierte Erkrankungen ersetzt wird. Erste Anzeichen hierfür sind die Nachweise von Überlappungen zwischen funktionellen Erkrankungen und einer postinfektiösen Vermehrung von enterochromaffinen Zellen, von CD8-Lymphozyten und von Mastzellen, der Nachweis einer chologenen Diarrhoe bei Gallensäurentransportstörungen im terminalen Ileum, das Mastzellaktivierungssyndrom, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Nahrungsunverträglichkeiten bzw. -allergien.

Prof. Dr. Thomas Frieling

Prof. Dr. med. Michael Fried

Notes

Interessenkonflikt

T. Frieling und M. Fried geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Layer P, Andresen V, Pehl C, Allescher H, Bischoff SC, Classen M, Enck P, Frieling T, Haag S, Holtmann G, Karaus M, Kathemann S, Keller J, Kuhlbusch-Zicklam R, Kruis W, Langhorst J, Matthes H, Mönnikes H, Müller-Lissner S, Musial F, Otto B, Rosenberger C, Schemann M, van der Voort I, Dathe K, Preiss JC (2011) Irritable bowel syndrome: German consensus guidelines on definition, pathophysiology and management. Z Gastroenterol 49:237–293CrossRefPubMedGoogle Scholar
  2. 2.
    Frieling T, Schemann M, Pehl C (2011) Irritable bowel syndrome – a misnomer ? Z Gastroenterol 49:577–578CrossRefPubMedGoogle Scholar
  3. 3.
    Enck P, Aziz Q, Barbara G et al (2016) Irritable bowel syndrome. Nat Rev Dis Primers 2:16014. doi: 10.1038/nrdp.2016.14 CrossRefPubMedPubMedCentralGoogle Scholar
  4. 4.
    Frieling T, Schemann M (2013) Irritable bowel syndrome – epidemiology and pathophysiology. Gastroenterologe 8:405–416CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag Berlin 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Medizinische Klinik II, Allgemeine Innere Medizin mit Gastroenterologie, Hepatologie, Neurogastroenterologie, Infektiologie, Hämatologie, Onkologie und PalliativmedizinHELIOS Klinikum KrefeldKrefeldDeutschland
  2. 2.Klinik für Gastroenterologie und HepatologieUniversitätsspital ZürichZürichSchweiz

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