Semantik und Materialität in der Wiener Gruppe am Beispiel der Gemeinschaftsarbeiten

Abstract

The Wiener Gruppe marked a turning point in the literature of post-WWII Austria. Its members (Achleitner, Artmann, Bayer, Rühm, Wiener) managed to invent a new kind of literature based on the experimental use of language: linguistic exploration and reinvention characterized their output, in which language does not only have a semantic dimension but also—most importantly—a material one. The infinite combination possibilities of the language are charted. Sentences are systematically deconstructed. Single words and graphemes become linguistic bricks that lead to new visual and acoustic forms, to new meanings. This essay examines the role of materiality in the collective works of the Wiener Gruppe, with particular focus on the innovative use of the writing machine and of its many creative possibilities. The attentive analysis of some collective works shows how the materiality of writing merges with the semantic dimension, thus enabling new textual interpretations.

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Notes

  1. 1.

    Zeemann (1958). Oswald Wiener formulierte das coole manifest, das leider verloren ging (vgl. Rühm 1967, S. 13).

  2. 2.

    „Es gibt eigentlich keine Avantgarde bei uns, was viele Leut’ da machen, das ist nicht avantgardistisch, das ist kindisch. Man macht Spassettln, das soll man halt bis 25 machen, dann müßte aber der Verstand wirklich einsetzen“ (Thomas Bernhard 2015, S. 47).

  3. 3.

    Es ist anzumerken, dass gerade die fragmentarische, höchst logische aber zugleich schleierhafte Ausdrucksweise Wittgensteins auch Thomas Bernhard stark beeinflusste.

  4. 4.

    Maschinengeschriebener Brief an Heinrich Köselitz von Ende Februar 1882; Nietzsche (1986, Bd. 6, S. 172).

  5. 5.

    Nietzsche (2002, S. 61); das Fragment ist ebenfalls maschinengeschrieben.

  6. 6.

    Biblioteca Marciana, Nachlass Emilio Teza, Codice Marciano It. X, 445 (= 11755). Im Unterschied zu den zitierten Passagen Nietzsches – beide in Versalbuchstaben - verfügte Wilamowitz bereits über ein Schreibmaschinenmodell mit Klein- und Großschreibung sowie griechischen Buchstaben.

  7. 7.

    In Terebelskýs Lehrbuch gibt es eine ganze Sektion, deren Titel „Sammlung der gewöhnlichsten Wörter“ lautet. Aus dieser wurde die Auswahl für die 11 verbarien getroffen; vgl. Terebelský (1853, S. 269–284).

  8. 8.

    Vgl. Terebelský (1853, S. 226–246). Die von Wendelin Schmidt-Dengler ausgemachte fehlende Funktionalität von Terebelskýs Buch könnte somit widerlegt werden (vgl. Schmidt-Dengler (2010, S. 146): „magische kavallerie […] heißt eine solche Montage […], wobei die Angabe der Quelle fehlt, denn das zunächst bemühte Lehrbuch der böhmischen Sprache von Heinrich Terebelský, das Artmann ausgegraben hatte, ist hier nicht funktional geworden“).

  9. 9.

    Rühm (1967, S. 297). Dabei handelt es sich um die Anwendung der von Marc Adrian postulierten Brauchbarkeit des goldenen Schnittes für permutative Sprachexperimente, die bereits oben erwähnt wurde.

  10. 10.

    Vgl. Vorlass Gerhard Rühm, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (LIT) 397/11, 4.1 (Wiener Gruppe), S107. In dieser Mappe sind 6 Blätter enthalten, alles Raster zum Rechnen, Skizzen und Vorstufen zum Stück, die Rühms und Bayers komplexe Arbeit dokumentieren.

  11. 11.

    http://ubusound.memoryoftheworld.org/bayer_ruhm/Bayer-Ruhm_Track-01-Bissen-brot.mp3 (zuletzt konsultiert am 16.3.2020.

  12. 12.

    Das genaue Entstehungsdatum wurde dem Manuskript entnommen (LIT 397/11, 4.1 (Wiener Gruppe), S96). Im Unterschied zum Manuskript trägt das Stück in Rühms die wiener gruppe eine zusätzliche Überschrift: historisches ereignis in neuer sicht.

  13. 13.

    Das Stück enthält allerdings einige Inkongruenzen bzw. Tippfehler (sowohl im Manuskript als auch in der Druckfassung): Während A das „h“ nach einem Vokal für einen Teil des Vokals hält und es konsequent jedesmal tilgt (z.B. „wadiladif“), behalten B und R das „h“ in ihren Geheimsprachen („wobohlaubauf“, „wihlif“). Das Graph „ie“ wird nur von B und R beachtet („hebernibiedeberfabahreben“ und „hirniedir“), von A nicht („hadinadirfadinadirn“).

  14. 14.

    Vgl. Rühm (1967, S. 34): „wiener distanzierte sich von seinen bisherigen arbeiten in einem stadium allgemeiner skepsis, die für eine ‚konstruktive‘ zusammenarbeit nicht gerade förderlich war. er lehnte es damals ab, überhaupt noch etwas und schon gar nicht ‚literarisches‘ zu produzieren“.

  15. 15.

    Ebd., S. 486. In Rühms Sammelband sind Sätze und Absätze kontinuierlich hintereinander wiedergegeben.

  16. 16.

    Fast die ganze Veröffentlichungsgeschichte kann dank eines in Rühms Vorlass enthaltenen, mit dem Verleger und potentiellen Druckern geführten Briefwechsels rekonstruiert werden (LIT 397/11, 4.1 (Wiener Gruppe), S117).

References

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  3. Nietzsche, F. (2002). Schreibmaschinentexte. Vollständige Edition, Faksimiles und kritischer Kommentar (aus dem Nachlass hg. v. Stephan Günzel u. Rüdiger Schmidt-Grépály). Weimar: Bauhaus-Universitätsverlag.

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Unveröffentlichtes Material

  1. Werke der Wiener Gruppe, Vorlass Gerhard Rühm, Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek, Wien (LIT) 397/11.

  2. Korrespondenz von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff an Emilio Teza, Biblioteca Marciana, Nachlass Emilio Teza, Codice Marciano It. X, 445 (= 11755).

Internet-Quellen

  1. bissen brot, Sprecher: Gerhard Rühm, Supposé, Köln 2002 (zuletzt konsultiert am 16.3.2020). http://ubusound.memoryoftheworld.org/bayer_ruhm/Bayer-Ruhm_Track-01-Bissen-brot.mp3.

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Apostolo, S. Semantik und Materialität in der Wiener Gruppe am Beispiel der Gemeinschaftsarbeiten. Neohelicon (2020). https://doi.org/10.1007/s11059-020-00537-y

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Keywords

  • Materiality of writing
  • Semantics
  • Writing machine
  • Wiener Gruppe
  • Austrian literature