Nachruf auf Professor Dr. med. Hans-Martin Weinmann (17.07.1928–09.12.2020)

Obituary for Prof. Dr. med. Hans-Martin Weinmann (17 July 1928–9 December 2020)

Am 09.12.2020 ist Hans-Martin Weinmann (Abb. 1) in seinem Haus in Straßlach-Dingharting im Landkreis München überraschend verstorben. Er war nicht nur ein Pionier der deutschen Neuropädiatrie und u. a. Mitbegründer des Königsteiner Arbeitskreises für Epileptologie, sondern auch ein Zeitzeuge par excellence mit einer außergewöhnlich musischen und kreativen Ader.

Abb. 1
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Hans-Martin Weinmann. (Foto privat, mit freundl. Genehmigung)

Hans-Martin Weinmann wurde im oberfränkischen Kulmbach in der Nähe von Bayreuth geboren. In seinem zweiten Lebensjahr zogen seine Eltern nach München um. Dort besuchte er das Luitpold-Gymnasium, eine 1891 gegründete Münchner Traditionsschule. Der Unterschied dieser sog. „Oberrealschule“ zu den damals verbreiteten humanistisch geprägten Gymnasien lag darin, dass sie durch das Studium moderner Fremdsprachen und der Naturwissenschaften direkter auf die reale moderne Berufswelt vorbereiten sollten. Bei Hans-Martin Weinmann war es das Ungewöhnliche, dass er offensichtlich von den Vorteilen des neuen Schultyps profitierte, später aber doch eher so dachte und handelte, als sei er auf einem humanistischen Gymnasium gewesen.

Die Familie wohnte in der Maximiliansstraße mitten im Zentrum von München, der damaligen „Stadt der Bewegung“. Im Alter von 10 Jahren musste er miterleben, wie in der „Reichs-Pogromnacht“ die jüdische Synagoge in der direkt benachbarten Herzog-Rudolf-Straße in Brand gesteckt wurde und Passanten die Löscharbeiten der Feuerwehr behinderten, indem sie deren Schläuche durchschnitten.

Eine besondere Prägung für den jungen Hans-Martin bedeutete mitten im 2. Weltkrieg seine Mitgliedschaft in der sog. Münchner Rundfunkspielschar musikalisch begabter Kinder und Jugendlicher mit Auftritten u. a. im damaligen Konzerthaus „Odeon“. Auch Konzerte für verwundete Soldaten in Lazaretten mit Reisen nach Salzburg und sogar nach Odessa gehörten dazu (sein Vater fiel 1943 als Soldat in Russland). Die Spielschar war eine Zuflucht für solche, die den üblichen Dienst bei der HJ für phantasielos und wenig ergiebig, also im besten Fall für Zeitverschwendung hielten. Dort lernte er schon als Jugendlicher auch seine spätere Frau kennen.

Die Stadt München hat Hans-Martin Weinmann besonders geprägt. So war er auch langjähriges Mitglied im 1864 gegründeten „Münchener Altertumsverein“ und „Bayerischen Club“. Seine sehr aktive Mitgliedschaft zeigte sich nicht zuletzt bei seinen legendären Stadtführungen auf den Spuren von Thomas Mann, von Jugendstilhäusern oder auch des Nationalsozialismus in München. Seine auch noch im Ruhestand bis in die jüngere Vergangenheit anlässlich internationaler Tagungen und klinikinterner Betriebsausflüge durchgeführten themenbezogenen Stadtführungen haben regelmäßig fasziniert. Manch humorvolle Anekdote seines großen Wissensschatzes zur Münchener Geschichte wird immer noch gerne weitererzählt. Nicht nur für die Bayerische Landes- und Kulturgeschichte war er ein wandelndes Lexikon.

Sein Medizinstudium absolvierte Hans-Martin Weinmann an der Technischen Universität (TU) München und schloss es 1953 mit der Promotion ab. Als junger Arzt bekam er am Krankenhaus im oberbayerischen Hausham am Schliersee eine fundierte chirurgisch-internistische Grundausbildung. Im Jahr 1955 kam er an die Kinderklinik Schwabing, einer gemeinsamen Einrichtung des Klinikums rechts der Isar der TU München und der München Klinik Schwabing, wo er eine neuropädiatrische Station mit Schwerpunkt Epilepsie und systemische Erkrankungen aufbaute. Dazu richtete er eine EEG-Abteilung, eine Anfallsambulanz und später eine universitäre poliklinische Ambulanz ein.

Seine Habilitation an der TU München 1969 entstand vorwiegend in den Niederlanden bei dem ihm freundschaftlich verbundenen österreichischen Anthropologen, Zoologen und Mediziner Heinz Prechtl (1927–2014) an dessen Institut für Entwicklungsneurologie an der Neurologischen Universitätsklinik Groningen in den Niederlanden, 1975 wurde Hans-Martin Weinmann zum außerplanmäßigen Professor ernannt. Er wurde in Schwabing leitender Oberarzt und später Extraordinarius. Von 1978 bis 1983 war er kommissarischer Leiter der Kinderklinik der TU München, über viele Jahre war er Mitglied im Fakultätsrat der Universität.

Das wissenschaftliche Engagement von Hans Martin Weinmann zeigt sich in seinen mehr als 250 wissenschaftlichen Veröffentlichungen; ganz im Mittelpunkt seiner Interessen standen dabei die pädiatrische Epileptologie und Elektroenzephalographie. Als Neuropädiater und pädiatrischer Epileptologe der ersten Stunde wurde er ein international anerkannter Fachmann mit besten Beziehungen auch nach Frankreich und zu anderen Staaten. So verfasste er Arbeiten in der französischsprachigen Revue Neurologique [1] oder zusammen mit John Freeman (1933–2014) von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore [2].

Er war in den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg ein Pionier der sich in Deutschland erst langsam entwickelnden Neuropädiatrie. Hans-Martin Weinmann war nach den bereits früher verstorbenen Dieter Scheffner (1930–2009), Rolf Kruse (1928–2010), Christian Lipinski (1939–2016) und Hermann Doose (1927–2018) der letzte noch lebende „Gründungsvater“ des 1974 etablierten „Königsteiner Arbeitskreises“ von epileptologisch interessierten Neuropädiatern und später auch Neurologen mit seit 1975 jährlich meist Ende Februar zunächst in Königstein, dann in der Nähe im Taunus, zuletzt 2016 bis 2018 in Fulda stattfindenden Treffen. Die dabei erarbeiteten Empfehlungen, besonders der in der zweiten Auflage unter seiner alleinigen Federführung herausgegebene EEG-Atlas „Ableitung und Beschreibung des kindlichen EEG“, fanden viel Beachtung [3, 4]. Zum EEG publizierte Weinmann auch weitere wichtige Arbeiten und ein weiteres Buch [5]. Über Jahrzehnte hinweg war er mit dem Thema „EEG bei Kindern“ auch Referent beim internationalen Kinderärztekongress in Brixen.

Bedeutsam war für ihn auch ein Lehrauftrag für medizinische Propädeutik am Lehrstuhl für Sonderpädagogik für die Ausbildung von Sonderpädagogen an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Schon sehr früh hatte er erkannt, dass bei Kindern mit einer Behinderung eine frühe und interdisziplinäre Förderung sinnvoll ist. So war er Mitbegründer der „Arbeitsgemeinschaft für interdisziplinäre Frühförderung“ und Mitbegründer der Zeitschrift Interdisziplinäre Frühförderung. Ebenso war er an der Erarbeitung der Vorsorgeuntersuchungen für Kinder beteiligt, bis sie eine Regelleistung der Krankenkassen wurden. Auch bei der Errichtung eines bundesrepublikanischen Neuropädiatrienetzwerkes war Hans-Martin Weinmann und an der Entstehungsgeschichte des neuropädiatrischen Zentrums in Vogtareuth beteiligt. Er hat entscheidend dazu beigetragen, dass der leider früh verstorbene und epileptologisch versierte Michael Laub (1946–1997) 1985 erster Chefarzt dieser Klinik wurde.

Für sein Engagement erhielt Hans-Martin Weinmann zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. So war er (seit 1998) Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie und Korrespondierendes Mitglied der Schweizerischen Epilepsie-Liga sowie ebenfalls Ehrenmitglied der Deutschen Gesellschaft für klinische Neurophysiologie (DGKN, die frühere EEG-Gesellschaft, deren Sekretär und auch Präsident er lange Jahre war) und der Gesellschaft für Neuropädiatrie. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte e. V. zeichnete ihn 2002 mit der Meinhard-von-Pfaundler-Medaille aus, und für seine Verdienste um die Ausbildung von MTAs wurde er mit der „Goldenen Elektrode“ geehrt. Darüber hinaus erhielt er das Bundesverdienstkreuz am Bande.

Professor Albert Scharf, ehemaliger Intendant des Bayerischen Rundfunks, hat Hans-Martin Weinmann als langjähriges Mitglied des „Bayerischen Clubs“ als Mensch wie folgt charakterisiert: „liebenswürdig, klug, gescheit, bescheiden und gesellig“. Dem haben wir nichts hinzufügen. Unsere Gedanken sind bei seiner Frau Waltraud („Traudl“) und den Töchtern Cornelia, Angelika und Babette. Wir werden ihn sehr vermissen, aber nicht aus der Erinnerung verlieren!

Literatur

  1. 1.

    Weinmann HM (1967) Le traitement des crises infantiles par le mogadon. Rev Neurol 117:152–155

    CAS  PubMed  Google Scholar 

  2. 2.

    Freeman JM, Vining EPG, Weinmann HM (1989) Seizures and epilepsy. In: Eichenwald HF, Ströder J, Mietens C (Hrsg) Current therapy in pediatrics, 2. Aufl. B. C. Decker, Philadelphia, S 801–816

    Google Scholar 

  3. 3.

    Doose H, Kruse R, Lipinski C, Scheffner D, Weinmann H‑M (Hrsg) (1979) Beiträge zur Klassifikation und medikamentösen Therapie epileptischer Anfälle. Sitzungsberichte des Arbeitskreises für Epileptologie. Desitin Werk Carl Klinke GmbH (Druck: Leck, Clausen & Bosse), Hamburg

    Google Scholar 

  4. 4.

    Weinmann H‑M (1986) Ableitung und Beschreibung des kindlichen EEG, 2. Aufl. W. Zuckschwerdt, München, Bern, Wien, San Francisco

    Google Scholar 

  5. 5.

    Weinmann H‑M (Hrsg) (1987) Zugang zum Verständnis höherer Hirnfunktionen durch das EEG. W. Zuckschwerdt, München, San Francisco

    Google Scholar 

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Staudt, F., Kannewischer, S., Schneble, H. et al. Nachruf auf Professor Dr. med. Hans-Martin Weinmann (17.07.1928–09.12.2020). Z. Epileptol. (2021). https://doi.org/10.1007/s10309-021-00405-4

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