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Wiener klinisches Magazin

, Volume 21, Issue 3, pp 92–97 | Cite as

Ärztliches Handeln in der Defensive der Verrechtlichung

Eine medizinphilosophische Betrachtung
  • Herwig Peter Hofer
  • Franz Josef Seibert
  • Regina Gatternig
  • Helmut Hofbauer
Perspektiven
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Zusammenfassung

Die Folge von Effizienzdiktat und Zunahme von Vorschriften und Pflichten in den letzten Jahren ist eine Änderung des ärztlichen Berufsbildes: Die stetige Ökonomisierung und Verrechtlichung ließ die ärztliche Praxis von einer Kultur des Heilens zu einer Dienstleistung mutieren. Angeboten werden immer mehr möglichst vollständig rechtlich abgesicherte, auf wissenschaftlichen Grundlagen basierende Behandlungspakete. Die Wissenschaft etabliert Grundlagen, wobei publiziertes Wissen prinzipiell unbeschränkt, das einzelmenschliche jedoch stark beschränkt ist. Dies fußt auf der Illusion des zur wissenschaftlichen Erkenntnis fähigen Einzelmenschen. Ärztliches Handeln muss jedoch rechtlich nach den Grundsätzen der medizinischen Wissenschaft und den Regeln der ärztlichen Kunst erfolgen. Logische Konsequenz: Ein Facharzt mit durchschnittlichen Fähigkeiten kann diesen wissenschaftsorientierten Standard nicht vollständig einhalten. Ebenso wenig kann er aufklärungspflichtgemäß „Risiken und deren Eintritt“ vorhersehen – organisches Leben entzieht sich der Kausalität. In der Klagemedizin gibt es systembedingt zahlreiche Profiteure, was insgesamt die Befürchtung zulässt, dass sich eine Defensivmedizin, die dem formalen Recht gegenüber dem Patientenwohl den Vorrang gibt, implementieren könnte.

Schlüsselwörter

Verrechtlichung Defensivmedizin Deprofessionalisierung Einzelmenschliche Erkenntnis Patientenwohl 

Medical Action in the Perspective of Defensiveness Towards Juridification

A Medical–Philosophical Consideration

Abstract

The occupational image of physicians is an ongoing subject of change as a consequence of accumulating regulations, obligations and efficiency dictates within the health care sector in recent years. Permanent economization standards and a mounting juridification process in recent years has transformed medical practice from a healing culture to a service sector. Nowadays treatments are offered in terms of complete packages to ensure juridical protectionism and strictly evidence-based medicine. However, research establishes basics and redefines standards continuously in a way that published knowledge becomes basically unlimited. The individual knowledge has thereby its natural limits in staying on track. It is an illusion that humans might be capable of processing the published scientific knowledge. Medical action on the other hand is widely expected to be conducted in accordance with contemporary medical science and the rules of medical arts. Logical consequence: A medical specialist with average capacities is nowhere near able to practice totally within science-oriented standards nor able to anticipate the risk probabilities of treatment outcomes in the scope of obligation rules to inform patients—organic life deviates from causality. In a juridically dominated medical field, profiteers are primarily systemic third parties and serious concerns arise that a growing implementation of defensive medicine will be rather driven by formal law than by patient wellbeing.

Keywords

Juridification Defensive medicine Deprofessionalization Individual human knowledge Patient wellbeing 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

H.P. Hofer, F.J. Seibert, R. Gatternig und H. Hofbauer geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Austria, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  • Herwig Peter Hofer
    • 1
  • Franz Josef Seibert
    • 1
  • Regina Gatternig
    • 2
  • Helmut Hofbauer
    • 3
  1. 1.Univ.-Klinik für Orthopädie und TraumatologieMedizinische Universität Graz (MUG)GrazÖsterreich
  2. 2.Institut für Gerichtliche MedizinMedizinische Universität GrazGrazÖsterreich
  3. 3.Klinische Abteilung für Thoraxchirurgie, Universitätsklinik für ChirurgieMedizinische Universität WienWienÖsterreich

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