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, Volume 23, Issue 3, pp 44–45 | Cite as

Filme für und über das Alter

Kino entdeckt das „reife Publikum“
  • Michael Doh
psychologie
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Wenn es um die Mediennutzung im Alter geht, wird zumeist an die traditionellen Massenmedien Fernsehen, Radio und die Printmedien gedacht, neuerdings auch an das Netzmedium Internet. Wenig Beachtung findet hingegen das Medium Kino — weder in der wissenschaftlichen noch in der medialen Öffentlichkeit. Dabei stiegen 2015 die Besucherzahlen in der Altersgruppe ab 60 Jahren auf 17 Millionen; im Jahr 1995 waren es nur drei Millionen. Und auch der Anteil am Kinopublikum nahm in diesem Zeitraum von drei auf 13 Prozent zu.

Das „reife Publikum“ gilt mittlerweile in der Kinobranche als wichtige Konsumentengruppe, zumal das traditionelle Kernpublikum der Jugendlichen und jungen Erwachsenen von 67 auf 41 Prozent sank [5]. Ebenso spiegelt sich auf der Leinwand die Alterung der Gesellschaft wider. Leinwandstars aus den 1960er und 1970er Jahren wie Clint Eastwood, Robert Redford, Robert de Niro, Mario Adorf, Dieter Hallervorden oder Charlotte Rampling, Judi Dench, Senta Berger oder Christiane Hörbiger sind über die Jahrzehnte mit ihrem Publikum mitgealtert und demonstrieren vor und hinter der Leinwand auf beeindruckende Weise ein aktives, kreatives und produktives Altern.

Es wundert folglich nicht, dass es nahezu in allen größeren Städten Filmreihen speziell für die ältere Zielgruppe gibt, mit so schillernden Namen wie „Sternstunden“, „CappuKino“ „Kino für Junggebliebene“ oder einfach nur „Seniorenkino“. Dabei werden zumeist unterhaltsame Filme präsentiert, die nicht ausschließlich das Alter thematisieren, sondern bewusst auch zeitaktuelle populäre Filme mit jüngeren Akteuren. Die Veranstaltungen sind ein Treffpunkt für gesellschaftliche Partizipation und sozialen Austausch. Der Film als Medium fungiert nicht allein als Vermittler einer Geschichte auf der Leinwand, er ist auch ein Vermittler für Kommunikation, Interaktion und soziale Teilhabe. Entsprechend sind solche Kinonachmittage oftmals umrahmt mit Kaffee und Kuchen.

Photo: © Filmladen

An manchen Orten hat sich über die Jahre ein festes Stammpublikum entwickelt, mit regelrechtem Event-Charakter. So kommen in Bruchsal [1] zu den monatlichen Veranstaltungen z. T. über 600 Personen zusammen, bei denen Filmvorführungen zeitgleich in vier Sälen übertragen werden. In Mannheim [2] gibt es sogar Shuttle-Busse für Heimbewohner; hier finden sich alle zwei Wochen mehrere Hundert hochaltrige Personen zum geselligen Kinonachmittag zusammen. Ein herrlicher Anblick mit Rollatoren vor dem Eingang und einem zufriedenen Publikum, das z. T. über 30 Jahre nicht mehr im Kino weilte.

Vergleichsweise neu sind Filmfestivals, die ihr Programm vorrangig zum Thema „aktives Alter/n“ zusammenstellen, dabei aber alle Generationen und Personengruppen ansprechen möchten. Das vielleicht bekannteste ist das „Europäische Filmfestival der Generationen“ [4], das 2017 bereits zum 8. Mal stattfand, mittlerweile bundesweit an über 60 Orten gastiert und über 15.000 Besucher anlockt. Hauptveranstalter ist das Kompetenzzentrum Alter am Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg. Zentraler Bestandteil sind moderierte Publikumsgespräche mit altersbezogenen Fachexperten aus Praxis, Wissenschaft und Kommune. Ziel ist es, die Bürgerschaft mit der Kommune sowie der Alternsforschung und —praxis zusammenzubringen und dabei einen Dialog der Generationen und ein Bewusstsein für den demographischen Wandel zu fördern. Für dieses erfolgreiche Konzept gewann das Festival 2013 den Deutschen Alterspreis. In ähnlicher Weise gestaltet seit 2014 das Festival „Storyboard — Kino der Generationen“ in Dortmund sein Programm.

Erwähnenswert ist des Weiteren das von der Europäischen Kommission geförderte Projekt „CINAGE — European Cinema for Active Ageing“ [3]. Das seit 2013 in Italien, Portugal, Slowenien und Großbritannien laufende Projekt verbindet Filmscreenings mit konkreten anwendungsorientierten Workshops für ältere Menschen. Dabei werden z. B. eigene Kurzfilme produziert.

Photo: © Filmladen

Photo: © Filmladen

Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, mehr hinter die Kulissen zu schauen und den Vorhang zu öffnen für Filme, die auch ein gerontologisch und geriatrisch wissenschaftliches Fachpublikum interessieren könnten. Dies soll exemplarisch an den 2015 produzierten Film „Ein Mann namens Ove“ versucht werden.

Ein Mann namens Ove

Diese Tragikomödie beruht auf dem gleichnamigen Bestseller des schwedischen Autors Fredrik Backman aus dem Jahr 2012. Mit viel schwarzem Humor und skurrilen Momenten wird die Geschichte eines unliebsamen Nachbarn erzählt, der mit seinem Schicksal als Rentner und Witwer hadert, sich gegenüber seiner Umwelt abschottet und am liebsten aus dem Leben scheiden will. Doch dazu kommt es nicht. Bei seinem Vorhaben wird er immer wieder durch äußere Umstände abgehalten, allen voran, durch den Zuzug einer Familie in seine Nachbarschaft.

Denn die junge, schwangere Frau, fordert unbekümmert und energisch Oves Hilfsbereitschaft ein. Zaudernd öffnet er sich seiner sozialen Umwelt, und aus dem Misanthropen, der morgens noch mürrisch und pedantisch seine Kontrollrunden im Quartier drehte, entwickelt sich ein liebenswerter Kauz, der sich zunehmend für die Belange der ganzen Nachbarschaft einsetzt.

Photo: © Anders+Nicander/Filmladen

Die Geschichte des (vorrangig männlichen) Griesgrams und Eigenbrötlers mit harter Schale und weichem Kern, der sich durch äußere Stimulanz zum Guten entwickelt, entspricht einem beliebten Stereotyp im Alten-Film. Als Kontrast sind es oftmals unbedarfte Kinder (z. B. „St. Vincent“, USA 2014 mit Bill Murray, „Der Schmetterling“, Frankreich 2002 mit Michel Serrault) oder Personen mit Migrationshintergrund (z. B. „Gran Torino“, USA 2008 mit Clint Eastwood) oder beides („Dreiviertelmond“, Deutschland 2011 mit Elmar Wepper), die als Impulsgeber und emotionale Türöffner fungieren. Sie helfen den alten Helden, sich neu auszurichten und sich gebraucht zu fühlen. Sie erhalten eine neue Lebensaufgabe, die ihnen einen Weg aus der sozialen Isolation ebnet. Allerdings währt diese Phase des sozialen Glücks nicht immer lange, denn oftmals müssen die resozialisierten Helden am Ende des Films sterben.

Was diese Komödie „Ein Mann namens Ove“ sehenswert und besonders macht, sind zum einen die Tonlage und die Atmosphäre des Films, die durchgängig dem schweren Thema Einsamkeit und Depression mit trockenem Humor begegnen, dabei aber den älteren Protagonisten keineswegs bloßstellen. Im Gegenteil wird die Figur komplex und ambivalent gezeichnet.

Bereits in der ersten Szene bekommt der Zuschauer mitgeteilt, dass Ove ein sensibles Gemüt besitzt, das über den Verlust seiner großen Liebe nicht hinwegkommt. Bei den Rückblenden finden sich Bezüge, die ihn als fürsorglichen Partner und für die Gemeinschaft mitverantwortlichen Kollegen und Bürger zeigen. Er offenbart von Anfang an sein gutes Herz, doch die Enttäuschungen über den Verlust seiner geschätzten Arbeitsstelle und der tragische Verlust seiner geliebten Frau lassen ihn vereinsamen, verbittert und lebensmüde werden.

Zum anderen verweist der Film über das persönliche Schicksal hinaus auf den sozialen Kontext und betont die Bedeutung guter Nachbarschaftlichkeit. Hilfsbereitschaft, Mitverantwortung und Solidarität sind Voraussetzungen guter nachbarschaftlicher Strukturen und notwendige Säulen einer sorgenden Gemeinschaft.

Der Film evoziert Fragen, wie wir zukünftig — in einer alternden und bunter werdenden Gesellschaft — in unserem direkten Wohnumfeld miteinander leben wollen. Es finden sich immer wieder Bezüge zum aktuellen Siebten Altenbericht der Bundesregierung [6], in dem es um die „Sorge und Mitverantwortung in der Kommune“ geht. Der Film ist daher nicht nur zeitaktuell; er ist auch erfrischend unterhaltsam.

Interessenkonflikt

M. Doh ist Leiter des Europäischen Filmfestivals der Generationen.

Dieser Artikel wurde in der Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 6 · 2016:547— 549, DOI 10.1007/s00391-016-1113-2 erstveröffentlicht. Zweitveröffentlicht mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ein Mann namens Ove

Film: Schweden 2015, 116 min; Regie: Hannes Holm; Darsteller: Ralf Lassgård, Bahar Pars, Filip Berg, Ida Engvoll; DVD-Vertrieb: Concorde Video

Roman: Ein Mann namens Ove, Autor: Fredrik Backman. Verlag: Fischer Krüger, Frankfurt a. M. 2014, ISBN 978-3-8105-0480-7. (Originaltitel: En man som heter Ove, 2012)

Literatur

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© Springer-Verlag Wien 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Psychologisches InstitutUniversität HeidelbergHeidelbergDeutschland

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