Das „verlorene“ Jahr

The “lost” year

Vermutungen, Vermutungen, Vermutungen! Projektionen, Projektionen, Projektionen. Annahmen und nur wenige wissenschaftliche Erkenntnisse. Das ist es, was wir derzeit erleben. Da soll es eine Alleinerzieherin mit zwei Kindern in einer kleinen Wiener Gemeindewohnung geben oder eine Oma im Altersheim, die sehnsüchtig auf Besuch ihrer Enkelkinder wartet, oder den Sterbenden, der seine Familie nicht um sich haben kann. Sie sind Begründungen für die Härten des abgelaufenen Kalenderjahres, sie sollen zu Anteilnahme und zu Helfenwollen auffordern.

Viktor Frankl (1905–97), in Österreich geringgeschätzter Begründer der III. Wiener psychotherapeutischen Schule sagte: „Das Leben selbst ist es, das dem Menschen Fragen stellt. Er hat nicht zu fragen, er ist vielmehr der vom Leben her Befragte, der dem Leben zu antworten – das Leben zu ver-antworten hat.“ [1].

Daher: Wieso weiß wer, wie es den angenommenen Menschen geht? Wieso weiß man, dass jene arm und bedürftig sind?

Ich bin mit einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, die mich – den faulen, bücherlesenden Buben – durch die Mittelschule geleitet hat; sie hat mich und meine Schwester sonntags zu Spaziergängen in den Wienerwald veranlasst, zuerst mit der Straßenbahn, später mit dem kleinen Auto. Manchmal hat sie auch ihre Eltern mitgenommen: Großvater saß mit seinem Stock neben ihr, schlug gegen das Seitenfenster und rief: „Wenn wir noch länger fahren, sind wir in Ungarn – eing’sperrt!“

Oft gab es abends Sardinen aus der Dose. Mama, Schwester und ich waren drei, aber in der Dose waren vier Fische. Wir Kinder stritten um den vierten Fisch. Meine Schwester schnitt ihn quer, nun waren die Hälften ungleich – der fast beigelegte Streit begann von Neuem. Hätte man damals nur drei Fische verpacken lassen und damit auf meine vaterlose Familie Rücksicht nehmen sollen?

Jedes Jahr nach dem blauen Brief vorm Trimesterzeugnis ängstigte Mama mich: „Du wirst das Jahr verlieren!“ Aber wie wäre das geschehen?

Wer weiß, was sinnvoll ist?

Dan Brown, gefeierter Autor semiotischer Krimis (Sakrileg, Inferno), ging als junger Vater jeden Tag mit dem Kinderwagen um einen Teich. Er fand das eine Zeitverschwendung, bis er die verschiedenen Frösche hörte, die unterschiedlich quakten. Im Jahr 2020 erschien sein musikalisches Kinderbuch: „Wild Symphony“. Die „vergeudete“ Zeit wurde zur Inspiration, der Einfall zu erquickender Kunst.

Das Ziel gibt sich jeder selbst

Nur meiner Mutter ist es zu verdanken, dass ich kein Schuljahr „verlor“. Trotz Widerwillen und Opposition. Aber: habe ich ein Jahr gewonnen, weil ich nie eine Klasse wiederholte? Die Lebenszeit ist beschränkt, niemand weiß, warum, wozu, wofür sie uns geschenkt wurde. Zweck und Ziel gibt sich jede und jeder selbst.

Annahmen, dass Leben einen Sinn hätte, dass es, wenn es so gelebt wird ein gutes und wenn anders ein schlechtes sei, stützen sich auf Legenden und Konvention. So wie der fehlende Kindergarten, die geschlossene Schule eine Familie entweder ins Chaos stürzt oder Zusammenhalt und Liebe verbessert.

Einer sagt es dem anderen nach: „Die Schulen müssen sofort öffnen“. Der Handel darf am 08.02.2021 in Österreich öffnen, die Hotels noch nicht, die Skilifte haben offen. Bösartig werden manche Kommentare: Sind Skilifte wichtiger als Schulen?

Wenn dann alles wieder offen ist, was wird dann sein? Kehren wir dann wieder ins gewohnte Leben zurück? Vergessen werden die Chancen, die die Ausgangsbeschränkungen eröffnet haben, erleichtert gehen Kinder wieder in Kindergärten und Schulen. Restaurants und Kaffeehäuser sperren auf und wir sitzen wieder drin, außer den Alleinerziehenden oder Langzeitarbeitslosen, die kein Geld haben.

Was werden wir aus der Pandemie gelernt haben: Mitgefühl, Anteilnahme, Gemeinschaftssinn?

Kinder- und Jugendfachärzte könnten, weil wir Anwälte der Familien sind, auf die Chancen und Lernerfahrungen des vergangenen Jahrs hinweisen und müssen Familien Mut machen.

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Scheer, P.J. Das „verlorene“ Jahr. Paediatr. Paedolog. 56, 1 (2021). https://doi.org/10.1007/s00608-021-00867-9

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