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Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie

, Volume 51, Issue 3, pp 329–334 | Cite as

„Weil wir spüren, da müssen wir was tun“ – Barrieren in der Gewaltprävention sowie zentrale Handlungserfordernisse

Eine qualitative Interviewstudie mit professionellen Pflegefachkräften und Führungskräften aus dem Bereich Altenpflege
  • Melanie Siegel
  • Yuliya Mazheika
  • Regina Mennicken
  • Stefanie Ritz-Timme
  • Hildegard Graß
  • Britta Gahr
Originalien

Zusammenfassung

Hintergrund

Gewaltprävention in der Pflege ist in den letzten Jahren verstärkt in den Mittelpunkt des politischen und gesellschaftlichen Interesses gerückt. In den vergangenen Jahren wurden zwar wissenschaftliche Studien durchgeführt und Präventionskonzepte entwickelt, dennoch gibt es keinen Hinweis dafür, dass die Prävalenz von Gewalt in der Pflege sinkt. Es ist nach wie vor von einem hohen Dunkelfeld auszugehen.

Ziel der Arbeit

Die vorliegende Studie untersucht die Barrieren, die für den Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis hinderlich sind. Des Weiteren wird der Frage nachgegangen, wie ein Interventionskonzept aussehen muss, um praxistauglich zu sein und diese Barrieren effizient zu adressieren.

Material und Methoden

Die Daten wurden über qualitative Interviews erhoben (n = 20) und inhaltsanalytisch ausgewertet.

Ergebnisse

Es zeigten sich Unsicherheiten im Umgang mit Gewalt. Eine klare Gewaltdefinition fehlte in den Einrichtungen, und es war den Befragten häufig unklar, wo und wann Gewalt beginnt. Ein hoher Anteil der Befragten gab an, dass Gewalt im Pflegealltag in verschiedenen Formen auftritt, allerdings waren keine konkreten Handlungsstrategien vorhanden. Nur wenige Fälle wurden überhaupt dokumentiert. Des Weiteren wurde über einen Mangel an praxisnahen Fortbildungen berichtet. Die Sichtbarkeit dieser Barrieren eröffnet Ansätze zur Entwicklung von Präventionsmaßnahmen, die in der Praxis greifen.

Schlussfolgerungen

Von zentraler Bedeutung für die Gewaltprävention in der Pflege sind u. a. ein gemeinsamer Gewaltbegriff, klare und verbindliche Standards, regelmäßige Fortbildungs- und Schulungsmaßnahmen.

Schlüsselwörter

Gewalt Altenpflege Prävention Intervention Dokumentation 

“Because we feel, we have to do something” – Barriers in the prevention of violence and key areas requiring action

A qualitative interview study with professional nurses and managers in the field of elderly care

Abstract

Background

In recent years, politics and society have shown an increasing interest in the prevention of violence. Despite the scientific studies and prevention programs that have been conducted over the past few years, there is no indication that the prevalence of violence in elderly care is falling. A high number of unreported cases may still be assumed.

Objective

The present study examined the barriers in transferring research knowledge into practice. Furthermore, it dealt with the requirements of an interventional approach which is practical and which effectively addresses the barriers.

Material and methods

The data were collected in qualitative interviews (n = 20) and analyzed by using qualitative content analysis.

Results

The study revealed uncertainties in dealing with violence. The institutions lacked a clear definition of violence and the respondents did not have a clear concept of when and where violence starts. A high proportion of the respondents stated that violence occurred in various forms in daily nursing care but that there were no specific strategies for action. Only very few cases were documented at all. Moreover, a lack of practical further training was reported. The visibility of these barriers opens up new approaches to developing preventive measures which work in practice.

Conclusion

A common definition of violence, clear and binding standards, regular training and education measures are central to the prevention of violence in care.

Keywords

Violence Elderly care Prevention Intervention Documentation 

Notes

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

M. Siegel, Y. Mazheika, R. Mennicken, S. Ritz-Timme, H. Graß und B. Gahr geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH 2017

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für RechtsmedizinUniversitätsklinikum DüsseldorfDüsseldorfDeutschland
  2. 2.ServiceValueKölnDeutschland
  3. 3.Akademie für öffentliches GesundheitswesenDüsseldorfDeutschland

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