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Der Urologe

, Volume 57, Issue 4, pp 387–388 | Cite as

Geriatrische Urologie

  • A. Kahlmeyer
  • B. Wullich
  • A. Wiedemann
Editorial
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Geriatric urology

Der demografische Wandel wird die Gesellschaft und die Altersstruktur in Deutschland grundlegend verändern. Durch konstant niedrige Geburtenraten und steigende Lebenserwartung sowie durch das Altern der geburtenstarken Jahrgänge der 50er und 60er-Jahre wird es trotz negativen Bevölkerungswachstums zu einem deutlichen Anstieg alter und v. a. auch hochbetagter Menschen in Deutschland kommen. Für das Gesundheitssystem bedeutet dies wie für alle sozialen Sicherungssysteme eine enorme Belastung. Die Anzahl nicht mehr erwerbstätiger Personen pro 100 Erwerbstätige (Altersquotient) wird sich von etwa 34 im Jahr 2013 auf 58 bis zum Jahr 2040 erhöhen und dann langsam weiter ansteigen. Auch durch höheres Renteneintrittsalter, Zuwanderung oder Erhöhung der Geburtenraten wird sich diese Entwicklung nur gering bremsen lassen [2]. Neben einem bereits heute evidenten Nachwuchsmangel im ärztlichen Bereich wird diese Entwicklung zu einem immer höheren Patientenaufkommen pro Arzt führen.

Besonders gravierend wird sich der demografische Wandel auf die Zahl hochbetagter Personen in Deutschland auswirken. Die Anzahl über 80-jähriger Bürger steigt von 4,4 Mio. im Jahr 2013 auf über 8 Mio. im Jahr 2030. Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen bis 2060 geschätzt ca. 9 Mio. Hochbetagte in Deutschland leben werden. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung wird dann etwa 13 % betragen und damit weit mehr als doppelt so hoch sein wie noch im Jahr 2013 (5 %; [2]).

Neben dem massiven Anstieg der Zahl hochbetagter potenzieller Patienten steigt zwangsläufig auch die Inzidenz vieler mit dem Alter verbundener urologischer Erkrankungen und deren Behandlungsbedarf. Die Folgen dieser Überrepräsentanz älterer Patienten in der urologischen Behandlung kann bereits heute orientierend an den Behandlungskosten abgeschätzt werden. Wurden für Erkrankungen des Urogenitalsystems im Jahr 2015 etwa 100 € pro Versichertem im Alter von <65 Jahren aufgewendet, betrugen die Kosten für Versicherte von 65–85 Jahren pro Person 310 € und im Alter von >85 Jahren sogar 480 €. Der Aufwand für urogenitale Erkrankungen pro Versichertem ist demnach für >85-jährige fast fünfmal so hoch wie für <65-jährige [3].

Alle 3 Entwicklungen potenzieren sich und werden auch bereits kurz- und mittelfristig zu einem deutlichen Anstieg hochbetagter Patienten, die einer urologischen Behandlung bedürfen, führen. Demgegenüber steht ein deutliches Defizit an Evidenz zu Diagnostik und Therapie bei hochbetagten Patienten, auch bedingt durch eine deutliche Unterrepräsentanz dieser Patientengruppe in klinischen Studien [1]. Auch Multimorbidität und Polymedikation lassen häufig eine direkte Übertragung bestehender Evidenz und Leitlinien in diese Patientengruppe nicht zu, sodass aktuell nicht selten individualisierte Behandlungen aufgrund persönlicher Erfahrungen durchgeführt werden müssen.

In dieser Situation ist die Gründung der Arbeitskreis Geriatrie der Deutschen Gesellschaft für Urologie nicht nur konsequent und zukunftsorientiert, sondern auch dringend notwendig. In diesem Zusammenhang soll auch auf die Veranstaltung „Urologie im Alter – 1. Symposium: Eine Annäherung an den demografischen Wandel“ am 15. und 16.02.2019 in Erlangen hingewiesen werden. Eine Annäherung an den demografischen Wandel bedeutet eine Herausforderung, die nur durch einen engen multidisziplinären Austausch betroffener Fachgruppen erfolgreich bewältigt werden kann, in den neben den Urologen die Kollegen der Geriatrie, die als Hausärzte tätigen Allgemeinärzte und Internisten und andere eingebunden sein müssen. Hierfür müssen Plattformen geschaffen werden, die den wissenschaftlichen und klinischen Austausch befördern und strukturieren.

Notes

Interessenkonflikt

A. Kahlmeyer, B. Wullich und  A. Wiedemann geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Literatur

  1. 1.
    Crome P, Lally F et al (2011) Exclusion of older people from clinical trials: professional views from nine European countries participating in the PREDICT study. Drugs Aging 28(8):667–677CrossRefPubMedGoogle Scholar
  2. 2.
    Statistisches Bundesamt (2015) Bevölkerung Deutschlands bis 2060, 13. koodrinierte Bevölkerungsvorausberechnung. https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/VorausberechnungBevoelkerung/BevoelkerungDeutschland2060Presse5124204159004.pdf?__blob=publicationFile. Zugegriffen: 14.02.2018Google Scholar
  3. 3.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Urologische und Kinderurologische KlinikUniversitätsklinikum ErlangenErlangenDeutschland
  2. 2.Urologische KlinikEv. Krankenhaus WittenWittenDeutschland
  3. 3.Lehrstuhl für GeriatrieUniversität Witten/HerdeckeWittenDeutschland

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