Inanspruchnahme kostenfreier verschreibungspflichtiger Verhütungsmittel durch Frauen

Ergebnisse eines Modellprojekts in Mecklenburg-Vorpommern
Originalien und Übersichten
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Zusammenfassung

Hintergrund

Der Bezug staatlicher Transferleistungen (STL) in Deutschland ist mit dem Verzicht auf sichere Verhütung assoziiert. Die Studie untersucht das Verhütungsverhalten von Frauen vor und während des Zugangs zu kostenfreier Verhütung (kfV).

Methoden

Zugangsberechtigt zu einzelnen Mitteln der kfV (Pille, Hormon- oder Kupferspirale, hormoneller Verhütungsring) waren Frauen im Alter zwischen 20 und 35 Jahren über einen Zeitraum von 12 Monaten mit Hauptwohnsitz in definierten Postleitzahlbereichen einer städtischen und ländlichen Region Mecklenburg-Vorpommerns mit Bezug von STL nach Sozialgesetzbuch II oder XII (SGB II, SGB XII) sowie Teilnahme an einer Tablet-PC-gestützten Befragung. Es wurden das Alter, Ausbildungsabschluss, Kinderanzahl, Partnerschaft, die Dauer des Bezugs von STL, die Anwendung von Verhütung bei jedem Geschlechtsverkehr und Gründe, die dem entgegenstehen, sowie genutzte Verhütungsmethoden erfragt.

Ergebnisse

Von 418 Frauen waren 40,9 % alleinerziehend, 39,0 % ohne Ausbildungsabschluss, 21,1 % kinderlos sowie 57,9 % seit 3 Jahren im Bezug von STL. Die Einschätzung, ihre Verhütung sei „weniger sicher“ bzw. „unsicher“, teilten 21,1 %. Häufig genannte Gründe des Verzichts auf Verhütungsmittel mit höherer Sicherheit waren: Verhütung sei zu teuer oder wird vergessen. Frauen, die auf das Angebot kfV (30,9 %) hin ihre Verhütungsmethode wechselten, hatten im Vergleich zu Frauen, die nicht wechselten, mehr Kinder oder bislang ausschließlich mit weniger sicheren Methoden verhütet.

Diskussion

Kostenfreie Verhütung scheint besonders attraktiv für Frauen mit Kindern und Langzeitbezug von STL zu sein. Einheitliche Regelungen des Zugangs zu kfV sollten daher unter dem Aspekt sich verändernder Ansprüche an die Sicherheit von Verhütung im Lebensverlauf der Frauen und ihrer Familien diskutiert werden.

Schlüsselwörter

Verhütung Sozialleistungen Frauen Schwangerschaft Sozialer Gradient 

The use of free-of-charge prescription contraceptives among women

Results of a pilot project in the German federal state of Mecklenburg-Western Pomerania

Abstract

Background

There is a connection between the receipt of unemployment benefits and the failure to use contraceptives in Germany. This study aims to understand the use of contraceptives among women entitled to unemployment benefits under the Sozialgesetzbuch II or XII (SGB II or SGB XII), prior and during an offer of contraceptives free of charge (CFOC).

Methods

The criteria for the use of CFOC (pill, intrauterine device, or ring) over a 12-month period were: age between 20 and 35 years, resident in predefined urban or rural postal codes in the German federal state of Mecklenburg-Western Pomerania, and participation in a self-administered survey. Data about participants’ age, education, number of children, relationship status, period of payment according to SGB II or SGB XII, the use and barriers to use of contraceptives during every occurrence of sexual intercourse, as well as the kind of contraceptives used.

Results

From a total of 418 women: 40.9% were single-mothers, 39.0% did not graduate school, 21.1% were childless, and 57.9% had received unemployment benefits for at least three years. Further, 21.1% rated their type of contraceptive as “less safe” or “unsafe.” The most commonly cited reasons for nonregular use of contraceptives were: they are too expensive or their use is forgotten. A change in contraceptives was made by 30.9% due to the offer of CFOC. The change was associated with the number of children and the exclusive use of less safe contraceptives.

Discussion

CFOC seems to be attractive, especially for women with children and those who receive long-term unemployment benefits. Changing demands concerning the safety of birth control during the lives of women should be considered in the discussion about common rules for the access to CFOC.

Keywords

Contraception Social welfare Women Pregnancy Social gradient 

Notes

Danksagung

Wir danken allen teilnehmenden Frauen am Modellprojekt für ihre Bereitschaft, Auskunft zu ihrem Verhütungsverhalten zu geben. Unser Dank gilt auch den Schwangerschaftsberatungsstellen sowie den Expertinnen und Experten des Arbeitskreis Verhütung des Ministeriums für Soziales, Integration und Gleichstellung des Landes Mecklenburg-Vorpommern für deren fachliche Beratung zu den Inhalten der Befragung sowie für die organisatorische Unterstützung der Datenerhebung. Weiterhin danken wir Frau Liane Müller für ihr Engagement bei der Befragung der Frauen vor den Jobcentern der Modellprojektregionen ebenso wie für ihre Arbeit im Bereich des Datenmanagements dieser Studie.

Förderung

Die Evaluation des Modellprojekts, deren Daten Bestandteil dieser Publikation sind, wurde vom Ministerium für Soziales, Integration und Gleichstellung des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert.

Einhaltung ethischer Richtlinien

Interessenkonflikt

S. Ulbricht, A. Beyer und U. John geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht.

Dieser Beitrag beinhaltet keine von den Autoren durchgeführten Studien an Menschen oder Tieren.

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Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2018

Authors and Affiliations

  1. 1.Institut für Sozialmedizin und PräventionUniversitätsmedizin GreifswaldGreifswaldDeutschland
  2. 2.Institut für Community Medicine, Abteilung Versorgungsepidemiologie und Community HealthUniversitätsmedizin GreifswaldGreifswaldDeutschland

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