Internationale Aufmerksamkeit für das Corona-Taxi

Pflegeexperten verändern die regionale Gesundheitsversorgung In der Pandemie berichteten die Medien zuerst über fehlende Intensivkapazitäten und schlimme Zustände in den Kliniken. Unbeachtet blieb, dass viele Covid-19 Patienten sozial isoliert in häuslicher Quarantäne sind. Diesen Missstand wollten Pflegefachpersonen aus dem Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD) nicht hinnehmen und suchten mit der ärztlichen Leitung nach Lösungen.

Pflegende, die CorV-19 Patienten in der Klinik behandeln, sagen übereinstimmend, dass sich die Erkrankung innerhalb kurzer Zeit von einem milden zu einem schweren Verlauf entwickeln kann: von symptomlosen Verläufen über schwere Pneumonien bis zum Lungenversagen und Tod. Um die medizinisch/pflegerische Überwachung sicherzustellen und eine Verschlechterung der Krankheitssituation so früh wie möglich zu erkennen, betreuen in Heidelberg Pflegefachpersonen aus der stationären Pflege Covid-19-postive Patienten, die sich in häuslicher Quarantäne befinden. So wurden an der Medizinischen Klinik des UKHD seit Februar 2020 die CorV-19 Patienten schwerpunktmäßig aufgenommen und therapiert. In Abstimmung mit dem Gesundheitsamt Rhein-Neckar wurde eine Infektionsambulanz für Verdachtsfälle eingerichtet. Die Zahl der positiv getesteten Menschen steigt von Tag zu Tag. Ist das Testergebnis positiv, wird auf Grundlage des Allgemeinzustandes entschieden, ob der Erkrankte in die häusliche Quarantäne entlassen werden kann. Folgende Fragen hat sich das interkonfessionelle Behandlungsteam gestellt:

  • Wie geht es den Erkrankten zu Hause wirklich?

  • Wer kümmert sich um den Erkrankten und mit wem kann er seine Ängste besprechen?

  • Bemerken die Patienten Veränderungen des Gesundheitszustandes frühzeitig und kommen sie umgehend in die Klinik?

Die Pflegedienstleitung der Medizinischen Klinik und die verantwortliche ärztliche Leitung treffen die Entscheidung, diesen Fragestellungen selbst nachzugehen. Hierbei ergänzen sich die Perspektiven der unterschiedlichen Berufsgruppen. Die kommissarische Ärztliche Leitung Prof. Dr. Uta Merle fokussiert die krankheitsbedingten Veränderungen durch das Virus, die Leitung des Pflegedienstes Inga Unger die fundierte, pflegefachliche Betreuung. Die Begleitung im häuslichen Setting mit gezielter Krankenbeobachtung, Beratung, Anleitung und psychologischer Betreuung ist ein pflegerisches Aufgabenfeld. Die Idee für einen Taxi-Dienst entstand.

Die Finanzierung einer Betreuung im häuslichen Umfeld durch Pflegefachpersonen aus der Klinik ist so im Sozialgesetzbuch nicht vorgesehen. Doch das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises ist trotz nicht geklärter Finanzierung bereit, Kleinbusse zur Verfügung zu stellen und die Fahrer für die Transporte zu organisieren. Die Klinik stellt die Pflegefachpersonen und die erforderlichen Materialien bereit und so geht das "Corona-Taxi" in Betrieb. Das interprofessionelle Team besteht aus Mitarbeitenden des Gesundheitsamtes, Ärzten und Pflegefachpersonen aus dem UKHD und Medizinstudierenden der Medizinischen Fakultät Heidelberg. Ein Kleinbus ist zwingend erforderlich, um die Schutzausrüstung und diverse Materialien zu transportieren.

Der Betreuungsprozess beginnt im Call-Center

Medizinstudierende und Ärzte im Praktischen Jahr stehen täglich im Telefonkontakt mit den Erkrankten in häuslicher Quarantäne und erheben standardisiert den Gesundheitszustand. Danach wird entschieden, ob die Erkrankten vom Corona-Taxi angefahren werden sollen, um weitere medizinische Parameter (z.B. spezifische Laborparameter, Messung der Sauerstoffsättigung, Temperatur) zu erfassen, eine gezielte Krankenbeobachtung durchzuführen und entsprechend zu beraten.

Situation der Erkrankten in häuslicher Quarantäne

Allen an Covid-19 erkrankten Menschen gemeinsam ist die soziale Isolation. Kontakte bestehen meist über Telefon und/oder Internet. Zusätzlich sind sie den Szenarien aus den Medien und einem ungewissen Krankheitsverlauf ausgesetzt. Dies löst Ängste aus und führt zu großer Verunsicherung. Die Pflegefachpersonen sind in Gesprächsführung geschult, sie nehmen Ängste und geben Sicherheit. Maria Lommatzsch, eine Pflegende, beschreibt dies so: "Die Patienten waren sehr verunsichert und ängstlich, da sie nicht wussten, was mit ihrem Körper passiert und ab welchem Zeitpunkt die Symptome besorgniserregend sind. Worauf müssen sie achten? Es war mir wichtig, eine Krisenbegleitung für die Patienten, aber auch für die Angehörigen zu sein. Erschwerend kam hinzu, dass auch der Gang zum Hausarzt untersagt war. Das Corona-Taxi und die Anrufe des Callcenters bildeten somit auch die einzige medizinische Betreuung der Patienten."

Die Verunsicherung der Erkrankten wird verstärkt durch die notwendige Schutzkleidung. Die Pflegenden sind "unter der Schutzkleidung" kaum noch zu erkennen - eine besondere Herausforderung für den Aufbau einer guten, tragfähigen Patientenbeziehung. Insbesondere zu Beginn der Corona-Pandemie werden viele Erkrankte stigmatisiert, sie verbalisieren das bei den Hausbesuchen: "Viele Patienten berichteten mir auch, wie ihre Freunde, Bekannte und die Nachbarschaft auf ihre Covid-19-Erkrankung reagierten. Manche von ihnen wurden gemieden und in sozialen Medien beschimpft."

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© Universitätsklinikum Heidelberg

Mitarbeiter des Gesundheitsamtes, Ärzte und Pflegefachpersonen aus dem UKHD und Medizinstudierende der Medizinischen Fakultät Heidelberg bilden das interprofessionelle Team.

Aufgaben von Pflegefachpersonen

Für Pflegende ist es selbstverständlich, sich auf die jeweilige Patientensituation einzustellen. Neu ist für Pflegende aus dem klinischen Bereich, im häuslichen Umfeld zu agieren, Verantwortung für neue Aufgaben und eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung zu übernehmen. Ist die Situation stabil und verantwortbar oder wird eine Betreuung in der Klinik erforderlich? Pflegende treffen ihre Entscheidung nach Aussage der Erkrankten und fundierter Patientenbeobachtung. Deshalb kommen zu Beginn ausschließlich erfahrene Fachpersonen zum Einsatz. Schnell wird klar, dass das Pflegefachteam personell erweitert werden muss. Das Team wird durch Medizinstudierende aus höheren Semestern ergänzt, die von den Pflegefachpersonen eingearbeitet und angeleitet werden. Pflegefachperson Uta Graf erinnert sich: "bei der Einarbeitung der Medizinstudenten kam mir meine Zusatzqualifikation als Praxisanleiterin zugute. Ich konnte mein Wissen, den Umgang mit Isolationspatienten, die gesamte Durchführung der Hausbesuche sowie den korrekten Umgang mit persönlicher Schutzkleidung vermitteln und weitergeben".

Zu den Aufgaben der Fachkräfte vor Ort gehört nun die klinische Einschätzung der Patientensituation durch Messung von Vitalparametern, Erfassung von Symptomen und allgemeinem Befinden. Dies ist für Pflegefachpersonen "Routine", Blutentnahmen und Kontrollabstriche dagegen sind für die meisten neu. Die gezielte Krankenbeobachtung mündet in eine Beratung bezüglich des notwendigen Hygieneverhaltens. Für die Erkrankten von besonderer Bedeutung ist die emotionale Betreuung. Kommunikation und Erläuterungen zu Symptomen und dem Krankheitsverlauf geben den Erkrankten Sicherheit. Sie bringen den Pflegefachpersonen großes Vertrauen entgegen und verlassen sich auf deren Einschätzung. Dieses hohe Maß an pflegerischer Expertise hat die Situation der Erkrankten nachhaltig stabilisiert und verbessert.

Schutzkleidung anlegen

Eine besondere Erfahrung ist das korrekte An- und Ablegen der Schutzkleidung. Auf offener Straße und bei jedem Wetter wurden Schutzkittel, Mundschutz, Schutzbrille, Handschuhe und Haube an- und wieder ausgezogen. Hohe Konzentration ist unabdingbar, um eine Kontamination zu vermeiden. Wetterkapriolen und ein extrem eng getakteter Zeitplan dürfen keinen Einfluss auf den korrekten Umgang haben. Für viele Pflegefachpersonen überraschend sind die Blicke von Passanten, denen man auf dem Weg zu den Haushalten zwangsläufig begegnet: "Der erste Patient wohnte auch noch direkt an einer viel befahrenden Hauptstraße. Beim Anziehen der Schutzkleidung bemerkte ich, dass die Autos etwas langsamer an mir vorbeifuhren. Auch der Nachbar vom gegenüberliegenden Haus schoss fleißig Fotos von mir mit seinem Smartphone", so Lommatzsch

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Das Corona-Taxi - Ein Kleinbus ist erforderlich, um die Schutzaus-rüstung und diverse Materialien zu transportieren.

Emotionale Herausforderung

Die Krankheit bringt auch Schicksalsschläge für die Erkrankten mit sich, bei deren Bewältigung die Pflegefachperson einen wichtigen Beitrag leistet. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Pflegefachpersonen selbst dieser rasanten Entwicklung der Erkrankung ausgesetzt sind und eigene Bewältigungsmechanismen finden. Die Verarbeitung solcher Familienschicksale gehört zur Profession der Pflege. In der Medizinischen Klinik werden diese und weitere Patientensituationen besprochen, eine professionelle Unterstützung durch Psychologen und die Seelsorge ist für die Mitarbeitenden jederzeit zugänglich.

Berufsgruppenübergreifendes Arbeiten

In Kliniken wird seit Jahren über eine bessere Zusammenarbeit zwischen den Berufsgruppen gesprochen und in diversen Projekten erprobt. Beeindruckend ist in dieser Pandemiezeit, dass die Betreuung der Erkrankten mit dem Corona-Taxi vollkommen selbstverständlich von mehreren Berufsgruppen, die im klinischen Alltag sehr berufsständig arbeiten, getragen wurde. Im Corona-Taxi herrschte reger Austausch aller Beteiligten und übereinstimmend wurde von einer neuen Qualität der Zusammenarbeit gesprochen: "Fasziniert hat mich die hohe Motivation aller Professionen, das Corona-Taxi zum Erfolg zu führen. Die gegenseitige Unterstützung und die entgegengebrachte Anerkennung habe ich in dieser Form in meinem langjährigen Berufsleben so noch nicht erfahren."

Das Feedback ist enorm positiv. Alle Berufsgruppen teilen positive Erfahrungen mit, sind glücklich und stolz, auch das ist ein Teil der Pandemie. Pflegefachkraft Uta Graf berichtet: "Ich habe keinerlei für mich negative Erfahrungen gemacht. Die Patienten sind dankbar, erleichtert und fühlen sich gut betreut. Viele E-Mails mit positivem Feedback erreichten unsere Pflegedienstleitung, Zeitung und Fernsehen wurden auf uns aufmerksam. Das macht mich schon stolz, was wir leisten und zeigt mir immer wieder, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe."

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Bizer, M., Unger, I. & König, A. Internationale Aufmerksamkeit für das Corona-Taxi. Heilberufe 72, 60–62 (2020). https://doi.org/10.1007/s00058-020-1542-6

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