Advertisement

“Kalte Abstraktion” gegen “versengte Einbildung” Destruktion und Restauration aufklärerischer Harmoniemodelle in Goethes Leiden und Nicolais Freuden des jungen Werthers

  • Eckhardt Meyer-Krentler
Article

Zusammenfassung

Um Werther zu profilieren, weicht Goethe im Roman von seinen tatsächlichen Beziehungen zu den Kästners ab und zerstört damit zentrale Verhaltensmuster aufklärerischer ‘Tugendempfindsamkeit.’ Nicolai rehabilitiert Albert als tätigen Freund, versucht so, die alten Verhaltensmuster wieder herzustellen und bekräftigt damit doch nur die im Sturm und Drang akzentuierte Gegenüberstellung von Ratio und Gefühl.

Abstract

In an attempt to heighten Werthers’s personal contour, Goethe falsifies his interaction with the Kästners, thus violating essential behavioral patterns of Enlightenment ‘sensibility.’ Nicolai rehabilitates Albert as an active friend — an effort to reinstate these familiar patterns — and exposes, in doing so, the strict dichotomy of reason and sentiment that prevailed in the’ Sturm und Drang.’

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literature

  1. 1.
    Goethe an Kestner, Brief vom 28.11.1772. Zit. nach Der junge Goethe. Neu bearb. Ausg. in 5 Bänden. Bd. III: September 1772–Dezember 1773, hrsg. Hanna Fischer-Lamberg (1966), S. 11. — Nach Band III und IV (Januar–Dezember 1774) dieser Ausgabe wird, soweit nicht anders angemerkt, auch im folgenden zitiert — einschließlich der Erstfassung des Werther.Google Scholar
  2. 3.
    Das zieht sich durch den gesamten Kestner-Briefwechsel bis zur Veröffentlichung des Werther. Vgl. besonders die Briefe vom 25. Dez. 1772, vom 15. (?) Jan. 1773, vom 6. Apr. 1773, vom 10. Apr. 1773, vom 15. Apr. 1773, vom 12. Juni 1773, vom 15. Sept. 1773, von März 1774, von Anfang Juni 1774; sämtlich abgedr. in Der junge Goethe, III und IV. — Unter der leicht vereinseitigenden Perspektive der aggressiven Behauptung von Goethes Ansprüchen auf Lotte vgl. die deutende Zusammenstellung bei Thomas P. Saine, “Passion and Aggression: The Meaning of Werther’s Last Letter,” Orbis Litterarum, 35 (1980), 327–356, hier 339–341.CrossRefGoogle Scholar
  3. 4.
    Gustav Roethe, Einleitung zu Die Briefe des jungen Goethe (1926), S. XIX. Ähnlich sieht dies Karl Robert Mandelkow in den Anmerkungen zu Goethes Briefe, 2. Aufl. (= Hamb. Ausg.) Bd. I (1968), 590f.Google Scholar
  4. 5.
    Der Gesellschaftsklatsch der Kreise, in denen die Kestners nach dem Umzug nach Hannover verkehren, kennt Kestner durchweg als übersteigerten “Albert,” wie Luise Mejer wiederholt in ihren Briefen an H. C. Boie berichtet. Vgl. Ich war wohl klug, daß ich dich fand: Heinrich Christian Boies Briefwechsel mit Luise Mejer 1777–1785, hrsg. Ilse Schreiber, 2. durchges. u. erw. Aufl. (1963; Nachdruck 1975), S. 41, S. 51, S. 59, S. 102, S. 106, S. 157, S. 170 u. ö.Google Scholar
  5. 6.
    Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, 5. Aufl., 3 Bde (1978), S. 1130.Google Scholar
  6. 8.
    Der Begriff der “Zärtlichkeit” ist eng mit dem Vorstellungshorizont verwandt, der hier mit “Tugendempfindsamkeit” benannt wird. Gerhard Sauder, Empfindsamkeit. Bd. 1: Voraussetzungen und Elemente (1974), S. 234 faßt die empfindsamen Strömungen der mittleren Aufklärung bis zum Einsetzen der Hochempfindsamkeit unter den zeitgenössischen Terminus der (moralischen) “Zärtlichkeit.”CrossRefGoogle Scholar
  7. 9.
    Vgl. Sauder, S. 205 und Peter Sprengel, Innerlichkeit: Jean Paul oder Das Leiden an der Gesellschaft (1977), S. 37 und S. 329.Google Scholar
  8. 12.
    Ähnlich argumentiert Klaus R. Scherpe, Werther und Wertherwirkung (1970), S. 25–27, wenngleich er — unter Einfluß von Werthers Perspektive — in dem “biederen” Wilhelm zu undifferenziert nur die “Position des gesunden Menschenverstandes” verkörpert sieht (S. 26). Daraus ergebe sich auch die moralische Kritik der Zeitgenossen: “Da der Roman in sich keine Orientierungshilfe bot, die Werthers Betragen als gesellschaftliches Fehlverhalten kenntlich machte, war zu befürchten, daß die unbefangenen Leser dem Drang zur Identifizierung mit Werthers Leiden keinen Widerstand entgegensetzten” (S. 27).Google Scholar
  9. 13.
    An sich ist Freundestrennung — wie das Wiedersehen — mit tiefster seelischer Erschütterung verbunden, so schon in Gellerts Leben der Schwedischen Gräfin von G*** (1747f.); vgl. Meyer-Krentler, Der andere Roman (1974), S. 114. — S. G. Lange und G. F. Meier bringen in Bd. 6 (1765) ihrer Moralischen Wochenschrift Der Glückselige als Stück 184 “Der Abschied zärtlicher Freunde.”Google Scholar
  10. 16.
    Vgl. z. B. in Gellerts Schwedischer Gräfin die Marianenepisode, welche Robert H. Spaethling, “Die Schranken der Vernunft in Gellerts Leben der schwedischen Gräfin von G.: Ein Beitrag zur Geistesgeschichte der Aufklärung,” PMLA, 81 (1966), 224–235, zur Grundlage seiner These nimmt, der Gellertsche Roman nehme wertherische Stimmungslagen vorweg. Das stimmt insofern nicht, als diese Episode als negatives Exempel zur Demonstration tugendempfindsamer Haltungen dient. — Ausfuhrlicher noch wird das Scheitern des Gutherzig-Empfindsamen und dessen moralische Rettung bei Pfeil, Die Geschichte des Grafen von P. (1756 u. ö.) durchgespielt; vgl. Anm. 29.CrossRefGoogle Scholar
  11. 19.
    Neben Scherpe verfolgen diese Linie u. a. auch Peter Müller, Zeitkritik und Utopie in Goethes “Werther” (1969)Google Scholar
  12. 19a.
    und Gerhard Kluge, “Die Leiden des jungen Werthers in der Residenz. Vorschlag zur Interpretation einiger Werther-Briefe,” Euphorion, 65 (1971), 115–131.Google Scholar
  13. 19b.
    Zur Kritik dieses Ansatzes vgl. Stefan Blessin, Die Romane Goethes (1979), S. 276ff.Google Scholar
  14. 20.
    Vgl. Helmuth Kiesel, ‘Bei Hof, bei Höll’: Untersuchungen zur literarischen Hofkritik von Sebastian Brant bis Friedrich Schiller (1979).CrossRefGoogle Scholar
  15. 26.
    Ladislao Mittner, “Freundschaft und Liebe in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts,” Stoffe, Formen, Strukturen: Studien zur deutschen Literatur. Hans Heinrich Borcherdt zum 15. Geburtstag (1962), S. 97–138, hier S. 115f.Google Scholar
  16. 29.
    Vgl. z. B. Prévosts auch in Deutschland gelesenen und nachgeahmten Roman Histoire du Chevalier Des Grieux et de Manon Lescaut und den Prévostsche und Gellertsche Motive auf eigenwillige Weise verarbeitenden Roman Johann Gottlob Benjamin Pfeils, Geschichte des Grafen von P. (1756); vgl. dazu Meyer-Krentler, “Ein Plagiat macht sich selbständig. Pfeils ‘Geschichte des Grafen von P.’ im Verhältnis zu Prévost und Gellert,” ZfdPh, 96 (1977), 481–508.Google Scholar
  17. 37.
    Dieter Welz, Der Weimarer Werther. Studien zur Sinnstruktur der zweiten Fassung des Werther-Romans (1973), S. 46.Google Scholar
  18. 57.
    So noch Friedrich Grützmacher, “Friedrich Nicolai und seine Wertherkritik,” Einleitung zu Friedrich Nicolai, Freuden des jungen Werthers. Leiden und Freuden Werthers des Mannes, Nachdruck d. Ausg. Berlin 1775 (1972), S. V: “Nicolai war nicht nur [!] der fortschrittsfeindliche Pedant, reaktionär und mit ellenlangem Zopf, wie ihn zahlreiche Literaturgeschichten hinstellen; nur galt ihm vieles als gefährlich …”Google Scholar
  19. 58.
    Vgl. Horst Möller, Aufklärung in Preußen: Der Verleger, Publizist und Geschichtsschreiber Friedrich Nicolai (1975).Google Scholar
  20. 59.
    Vgl. die Nachweise bei Martin Sommerfeld, Friedrich Nicolai und der Sturm und Drang: Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Aufklärung (1921), S. 262 und 270Google Scholar
  21. 59a.
    Der junge Goethe im zeitgenössischen Urteil, hrsg. Peter Müller (1969), S. 119–231; Horst Möller, Aufklärung in Preußen, S. 121–131.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1982

Authors and Affiliations

  • Eckhardt Meyer-Krentler
    • 1
  1. 1.PaderbornDeutschland

Personalised recommendations