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Das Horoskop des 19. Jahrhunderts im Prüfstand der Geschichte. Walter Mehrings Verlorene Bibliothek

  • Andreas B. Kilcher
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Zusammenfassung

In seiner zugleich persönlichen und zeitgeschichtlichen Autobiographie Die verlorene Bibliothek (1952) liest Walter Mehring die Bibliothek seines Vaters als eine bestimmte historische Konfiguration, als „Horoskop des 19. Jahrhunderts”. Mit dieser überraschenden astrologischen Metaphorik zielt Mehring auf nichts geringeres als eine kritisch motivierte und literarisch inszenierte Überprüfung des Wissens des 19. angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Der Beitrag analysiert Mehrings kritische,Bibliotheksinventur’, indem er die Exil-Geschichte der väterlichen Bibliothek mit der Genese von Mehrings,Biographie’, die Geschichte der realen Bibliothek mit ihrer literarischimaginären Rekonstruktion verknüpft.

Abstract

Walter Mehring’s autobiography The Lost Library (1952) is at the same time personal and contemporarily historical. He reads the library of his father as a specific configuration, as „horoscope of the 19th century”. This surprising astrological metaphor contains in a nutshell Mehring’s ambitious endeavour to attempt a critically motivated and literarily directed investigation of 19th century knowledge in the face of the catastrophes of the 20th century. The following analysis of Mehring’s critical ‘stocktaking’ combines the exile-history of his father’s library with the genesis of Mehring’s ‘biography’, the history of the real library with it’s literary-imaginary reconstruction.

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  1. 1.
    Walter Mehring, „Paul Klee II oder das Horoskop”, in: ders., Verrufene Malerei. Von Malern, Kennern und Sammlern, Zürich 1958, 127–130, hier: 130.Google Scholar
  2. 2.
    Walter Mehring, „Die Pestvögel”, in: Das neue Tage-Buch 6 (2. April 1938), Heft 14, 333.Google Scholar
  3. 3.
    Walter Mehring, Die verlorene Bibliothek. Autobiographie einer Kultur, Hamburg 1952. Im folgenden zitiere ich nach der erweiterten und revidierten Neuausgabe, München 1964, auf die sich die Klammerangaben im Text beziehen. Zu Mehrings Die verlorené Bibliothek gibt es bisher nur wenige Aufsätze.Google Scholar
  4. 3a.
    Vgl. Wolfgang Adam, „Auf der Suche nach der,Verlorenen Bibliothek’. Gedächtnis und autobiographische Spurensicherung bei Walter Mehring”, in: Leitmotive. Kulturgeschichtliche Studien zur Traditionsbildung. Festschrift für Dietz-Rüdiger Moser zum 60. Geburtstag am 22. März 1999, hrsg. Marianne Sammer, Kalimünz 1999, 143–159Google Scholar
  5. 3b.
    Barbara Bauer, Renate Dürmeyer, „Walter Mehring und Herta Pauly im Exil”, in: Wolfgang Benz, Marion Neiss (Hrsg.), Deutschjüdisches Exil: das Ende der Assimilation? Identitätsprobleme deutscher Juden in der Emigration, Berlin 1994, 15–34Google Scholar
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    Rezensionen zur Verlorenen Bibliothek verzeichnet Christoph Buchwald, „Bibliographie zu Walter Mehring”, in: Walter Mehring. Text + Kritik, München 1983, 72–81. An dieser Stelle sei auch Georg Schirmers, Köln, für kenntnisreiche Hinweise zu Mehring gedankt.Google Scholar
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    Mehring hat nach dem Krieg auch im engeren Sinne autobiographische Texte geschrieben. Vgl. Walter Mehring, Wir müssen weiter. Fragmente aus dem Exil, Düsseldorf 1979.Google Scholar
  17. 12.
    In der Forschungsliteratur zu diesem Thema wurde Mehring bisher kaum wahrgenommen. Vgl. etwa Achim Hölter, „Zum Motiv der Bibliothek in der Literatur”, Arcadia 28 (1993), 65–72; ders., Die Bücherschlacht. Ein satirisches Konzept in der europäischen Literatur, Bielefeld 1995; Mord in der Bibliothek, bearbeitet v. Hans Otto Hügel, Regina Urban, Hermann Hoffmann, Marbacher Magazin 73 (1996); Günther Stokker, Schrift, Wissen und Gedächtnis: Das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medien-wandels im 20. Jahrhundert, Würzburg 1997; ders.: „Das Motiv der Bibliothek in der Literatur des 20. Jahrhunderts. Zur Aktualität der Motivforschung”, Weimarer Beiträge 44 (1998), 554–576; Bibliotheken in der literarischen Darstellung. Libraries in Literature, hrsg. Peter Vodosek, Graham Jefcoate, Wiesbaden 1999. Fiktive Bücherkataloge gehören bekanntlich seit Rabelais und Fischart zur Literatur.CrossRefGoogle Scholar
  18. 12a.
    Vgl. auch Karl Klaus Walther, „Grimmeishausen und Leibniz als Verfasser von Katalogen fiktiver Gegenstände und Bücher”, Marginalien 73 (1979), 23–30. Walter Mehrings Verlorene Bibliothek Mehring wiederholt — noch vor Elias Canettis Die Blendung (1936) — Bücher und Bibliotheken zum literarischen Gegenstand gemacht hat, etwa in der Novelle Bouquins, Bouquinistes, Bouquineurs (1924), im Neubestellten abenteu-erlichen Tierhaus (1925) und — mit der Pariser Bibliothek Ste. Geneviøve — im Roman Paris in Brand (1927), der nicht zufällig seinerseits in der Verlorenen Bibliothek thematisiert wird.13 Was wir mit der Verlorenen Bibliothek also vor uns haben, ist — auf der Inhaltsebene — nichts weniger als eine zugleich historisch motivierte und literarisch inszenierte Überprüfung und Erinnerung des Wissens des 19. angesichts der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, geleistet durch einen deutschjüdischen Exilanten im französischen und amerikanischen Exil in den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Und es ist — auf einer formalen bzw. poetologischen Ebene — ein Buch, das ein literarisch zur Schau gestelltes und montiertes Bücherverzeichnis, das mithin die Bibliothek einer ganzen Generation zum kritischen Beschreibungsmodell von Kultur erhebt, indem es ihr philosophisch-politisches Profil nachzeichnet und ihren Anspruch überprüft. In diesem kritischen Unterfangen hat Mehrings Verlorene Bibliothek auch Ähnlichkeiten mit der allerdings weitaus bekannter gewordenen Dialektik der Aufklärung (1947) von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Mit ihnen stellt Mehring — ebenfalls im amerikanischen Exil — die entscheidende Frage angesichts der Katastrophe, die Frage nämlich, wie ein solches Versagen der Aufklärung möglich werden konnte. Mit ihnen unterscheidet er sich in der darauf folgenden Antwort von Georg Lukäcs, der in seiner in Moskau entstandenen Analyse Die Zerstörung der Vernunft (1954) seine Frage, wie aus Dichtern und Denkern blonde Bestien werden konnten, mit einem Überhandnehmen des Irrationalismus bzw. mit einer Marginalisierung der Vernunft seit der Romantik erklärte. Horkheimer/Adorno sowie Mehring leisten dagegen eine „Aufklärung der Aufklärung” selbst, indem sie ihr Unfähigkeit im Umgang mit dem Mythos und Verengung zu einer bloß „instrumentellen Vernunft” vorwerfen. Was aber Adorno und Horkheimer philosophisch diagnostizierten, zeigt Mehring in seiner kritischen Bibliotheksinventur weitaus anschaulicher und konkreter, d.h. literarisch: am Buchbestand einer bestimmten Kultur. Dabei ist der Autobiograph der Kultur Mehring ein Leser in einem denkbar emphatischen, divinatorischen, fast magischen Sinn. Sein Verfahren kann förmlich als Bibliomantie charakterisiert werden, als Wahrsagung aus Büchern: Er liest sich in die Bibliothek seines Vaters hinein, beschwört, wie es in Anlehnung nicht nur an Wiboradas bibliothekarische Traumdeutung, sondern auch an Shakespeares Hamlet heißt, den väterlichen „Geist der Bibliothek” und befragt ihre Bücher nach verborgenen, unbewußten, traumhaften Auguren, die auf bevorstehende Katastrophen hindeuten könnten. Auf diese WeiseGoogle Scholar
  19. 14.
    Mehring (Anm.2), 334. Zu Mehrings Arbeiten in Exilzeitschriften vgl. Walter Mehring, Das Mitternachtstagebuch. Texte des Exils 1933–1939, hrsg. und mit einem Nachwort v. Georg Schirmers, Mannheim 1996.Google Scholar
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    Zu Ansprüchen und Verfahren der Astrologie vgl. Kocku von Stuckrad, Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München 2003.Google Scholar
  21. 17.
    Der vorliegende Aufsatz ist insofern auch ein Beitrag zu Mehrings freilich unesote risch-modernem, ästhetisch-kritischem Interesse für die esoterischen Wissenschaften, wie er es etwa in Paris in Brand beschreibt: „ [...] das Astrallicht der Martinisten, das Odgeheimnis geriet in die Hände apoplektischer Familienväter, gehetzter Literaten, das Zaubern wurde zum Alltagsgebrauch, die Schrift, das kleine Alphabet, irdische Form der heiligen Initialen des Buches Sohar, zum Monopol der Kollektivität Presse, die Hierar chie zur schreibenden Bürokratie”. Walter Mehring, Paris in Brand, hrsg. Christoph Buchwald, Düsseldorf 1980,21. Eine entsprechende Arbeit müßte auch Mehrings phan tastische Texte wie In Menschenhaut, aus Menschenhaut, um Menschenhaut herum(1924) und Das neubestellte abenteuerliche Tierhaus (1925) untersuchen. In der ein schlägigen Literatur blieb Mehring bisher unberücksichtigt. Vgl. etwa Robert Stockham mer, Zaubertexte. Die Wiederkehr der Magie und die Literatur 1880–1945, Berlin 2000. Zum Verfahren einer rational umgedeuteten und modernisierten Prognostik vgl. Andreas Kilcher, „Das Orakel der Vernunft. Poetik und Politik des satirischen Schreibens in Marquis d’Argens’ Kabbalistischen Briefen”, Germanisch-Romanische Monatsschrift 53 (2003), 183–203.Google Scholar
  22. 20.
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    Vgl. Andreas Kilcher, mathesis und poiesis. Die Enzyklopädik der Literatur 1600 bis 2000, München 2003, 436–461.Google Scholar
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    Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M. 1958, 15f. Vgl. auch Dreyfus und die Folgen, hrsg. Julius H. Schoeps, Hermann Simon, Berlin 1995.Google Scholar
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    Vgl. auch Walter Mehring, „Die,Dreyfusards’”, Die Weltbühne 26 (1930), 385–389.Google Scholar
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    Vgl. Dominik von König, „Lesesucht und Lesewut”, in: Buch und Leser’, hrsg. Herbert G. Göpfert, Hamburg 1977, 89–112; Kilcher (Anm.25), 168–176.Google Scholar
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    Vgl. Guillaume Apollinaire, Fernand Fleuret, Louis Perceau, L’Enfer De La Bibliothøque Nationale: Bibliographie méthodique et critique de tous les ouvrages composant cette céløbre collection, Paris 1913, Nouvelle édition [de l’édition Paris 1919], Genøve 1970. Im Vorwort (5) heißt es erklärend: „L’Enfer de la Bibliothøque Nationale, créé par ordre du Premier Consul, n’est pas, comme on l’imagine communément, une salle spéciale où de rares privilégiés sont admis à consulter des ouvrages défendus. C’est une petite bibliothøque contenant environ neuf cents volumes, desquels une douzaine passent les bornes de l’extrême licence, et dont le reste est assez bizarrement composé de recueils gaillards, de romans légers, de pamphlets débraillés [...]: toute chose, enfin, qu’un honnête homme peut posséder parmi ses collections sans être taxé d’infamie. [...] On a souvent prétendu, pour justifier l’appellation d’Enfer, que les livres qui l’enrichissent avaient été primitivement destinés au feu. Il est plus juste de dire que sur les ouvrages jadis condamnés au feu, il fut prélevé des exemplaires en témoignage justificatif du jugement”.Google Scholar
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    Vgl. auch Egon Erwin Kisch, „Die Giftschränke der Deutschen Bücherei”, in: ders., Hetzjagd durch die Zeit, Berlin 1926, 320–322. Zur Kulturgeschichte des Giftschranks vgl. Wolfgang Ernst, Stefan Kellner (Hrsg.), Der „Giftschrank”. Erotik, Sexualwissenschaft, Politik und Literatur; „Remota”: die weggesperrten Bücher der Bayerischen Staatsbibliothek; eine Ausstellung der Bayerischen Staatsbibliothek, München 2002.Google Scholar
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    Walter Mehring, „Meines Vaters Bibliothek”, Das neue Tage-Buch 6, Heft 29 (9. Juli 1938), 668–669, hier: 668.Google Scholar
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    Zu Werner Rebhuhn vgl. Silvia Werfel, „Wenn auf dem Buchumschlag die Schrift zum Bild wird. Werner Rebhuhn, ein Schriftvirtuose — Spurensuche”, Imprimatur, Neue Folge XVIII (2003), 95–120.Google Scholar
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    Vgl. Walter Mehring, Ich hah die Welt zu malen, nicht zu ändern. Zeichnungen, Gedichte, Prosa, hrsg. Georg Schirmers, 2 Bde., Hannover 1989. Vgl. auch Mehring (Anm. 1). Zu Mehring und Grosz vgl. George Grosz, Briefe 1919–1959, Reinbek bei Hamburg 1979.Google Scholar

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© Metzler 2004

Authors and Affiliations

  • Andreas B. Kilcher
    • 1
  1. 1.TübingenDeutschland

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