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Herders Reisejournal Ein Datenbankreport

  • Nikolaus Wegmann
  • Matthias Bickenbach
Article

Zusammenfassung

Auch diese Lektüre bestätigt den Rang von Herders Schrift für den Umbruch der Semantik ‚um 1800‘. Zum Thema wird dieser Wandel jedoch nicht im Kontext einer Werkbiographie oder einer allgemeinen Geschichte der Bildung: Herders Journal interessiert hier als ein Beitrag zur Geschichte intellektueller Techniken. Im Zentrum steht die Bibliothek als Inbegriff des gelehrten Wissens und als Basisreferenz für die Operationen des Lesens und Schreibens. Herders Text ist eine Arbeit am Problem der ‚Lesbarkeit der Bibliothek‘. Im Rückgriff auf rhetorische Lizenzen zur Flüchtigkeit gelingt ein aktives Vergessen der Wissenslast, das zugleich die Rekombination der Bestände aktiviert und so die Chance auf Innovation systematisch erhöht.

Abstract

This reading, too, confirms the eminent role of Herder’s writing in the general change of semantics ‚around 1800‘. The focus here is not so much the biographical context of Herder’s writing nor is it on his general theory of Bildung. Herder’s Journal is seen rather as a contribution to the history of intellectual technologies. Main topic is the library, as the center of learning and as the essential reference for all reading and writing. The Journal shows that the readability of the library cannot be taken for granted, but poses a problem which requires specific solutions. Herder’s use of rhetorical techniques such as the percursio allow him to circumvent the old order of knowledge and to increase at the same time the chances for innovative recombinations of what is already known.

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Literature

  1. 2.
    Johann Gottfried Herder, Journal meiner Reise im Jahr 1769, Hist.-Krit. Ausgabe, hrsg. Katharina Mommsen, Stuttgart 1976, hier: 128. (Die im Text stehenden Angaben beziehen sich auf diese Ausgabe.)Google Scholar
  2. 4.
    Vgl. Erdmann Waniek über die Frage der Gattungszuordnung: „it has something of all these forms, yet fits none of them“ (E. Waniek, „Circle, Analogy and Contrast. On Herder’s style of thought in his Journal“, in: Wulf Koepke [Hrsg.], Herder Innovator through the Ages, Bonn 1982, 64–84, hier: 65).Google Scholar
  3. 7.
    Richtungsweisend: Eugen Kühnemann: „Wir blicken hier unmittelbar in die tiefste Grundrichtung seines Geistes, alle Gedanken werden ihm zu Bildungsgedanken“ (in: ders., Herder, 3. Auf., München 1927, 92. — Zuerst als „Herders Seereise nach Frankreich. Ein Kapitel deutscher Seelengeschichte“, Frankfurter Zeitung, Nr. 168, 1893).Google Scholar
  4. 7a.
    Das hält sich bis heute durch: „Das Reisejournal ist nämlich kein bloßes Notizheft der Gedankengänge Herders, sondern trotz seiner Unvollendetheit ein autonomes... kunstvolles Werk“ (Yoichiro Schimada, „Individualgeschichte und Universalgeschichte bei Herder. Geschichtlichkeit als konstruktives Prinzip des Reisejournals“, in: Martin Bollacher [Hrsg.],/. J. G. Herder. Geschichte und Kultur, Würzburg 1994, 39–50, hier: 30).Google Scholar
  5. 8.
    „Anders gesagt: im Reisetagebuch erfolgt nicht die Darstellung der Bildung des Menschen. Vielmehr ist hier nur der Horizont einer neuen Bildungskonzeption eröffnet, wobei zum ersten Mal in der Geschichte des Bildungsdenkens das Bildungsproblem in einer solchen Universalität erörtert wird“ (Rainer Wisbert, Das Bildungsdenken des jungen Herder. Interpretation der Schrift ‚Journal meiner Reise im Jahr 1769‘ Frankfurt a. M., Bern 1987, 76).Google Scholar
  6. 9.
    Zur Frage, ob Herder mit einer ‚Methode ‘gearbeitet hat vgl. zuletzt Hans Dietrich Irmscher, „Methodische Aspekte in Herders Schriften“, in: Martin Bollacher (Hrsg.), J. G. Herder: Geschichte und Kultur, Würzburg 1994, 19–38. Erdmann Waniek sieht speziell im Reisejournal einen noch unverstellten ‚konzentrischen Stil des Denkens ‘am Werk. Vgl. Waniek, „Circle, analogy and contrast“ (Anm. 4), 65 ff.Google Scholar
  7. 11.
    Hilfreich Michael Titzmann, „Bemerkungen zu Wissen und Sprache in der Goethezeit (1770–1830)“, in: J. Link und W. Wülfing (Hrsg.), Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen. Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur im 19. Jahrhundert., Stuttgart 1984, 100–120, hier: 100.Google Scholar
  8. 12.
    Robert Stockhammer, „Zwischen zwei Bibliotheken. J. G. Herders ‚Journal meiner Reise im Jahr 1769 ‘als Beitrag zur Diätetik der Lektüre“, Literatur für Leser, H. 13/14 (1990/91), 167–184.Google Scholar
  9. 13.
    Nicht das einzelne Buch, sondern die Bibliothek charakterisiert den gelehrten Leser. Vgl. Bernhard Fabian, „Der Gelehrte als Leser“, in: Herbert G. Göpfert (Hrsg.), Buch und Leser, Hamburg 1977, 48–88.Google Scholar
  10. 14.
    Zum Folgenden siehe Rudolf Haym, Herder nach seinem Leben und seinen Werken, Berlin 1880 und 1885, 2 Bde., hier: I, 8 und 12ff.Google Scholar
  11. 14a.
    Sowie Wilhelm Dobbek, Johann Gottfried Herders Jugendzeit in Mohrungen und Königsberg 1744–1764, Würzburg 1961, 144 ff.Google Scholar
  12. 16.
    So Herder in der Rigaer Abschiedspredigt, hier zitiert nach Friedrich W. Kantzenbach, Herder, Reinbek 1992 (1970), 28.Google Scholar
  13. 17.
    Nachzulesen im Brief an Hamann, Riga 11./22. Mai 1769; J. G. Herder, Briefe. Gesamtausgabe, I, Weimar 1977, 145 ff.Google Scholar
  14. 19.
    Wolfgang Pross, „Anmerkungen zum ‚Journal‘“, in: J. G. Herder, Werke, I, hrsg. W. Pross, München 1984, 804.Google Scholar
  15. 20.
    Eine philosophie- bzw. mentalitätsgeschichtliche Lektüre dieses Topos gibt Wolfgang Pross, „Herders Reisejournal und Diderots Mémoires für Katharina IL“, in: Conrad Wiedemann (Hrsg.), Rom — Paris — London. Erfahrung und Selbsterfahrung deutscher Schriftsteller und Künstler in fremden Metropolen, Stuttgart 1983, 361–374.Google Scholar
  16. 23.
    Vom „Lebensschiff“ spricht Herder in seiner auf der Reise verfaßten Ode Der Genius der Zukunft. Vgl. dazu: H. D. Irmscher, „Die Geschichtlichkeit des menschlichen Daseins“, in: Karl Richter (Hrsg.), Gedichte und Interpretationen, II, Stuttgart 1983, 276–293. Zur Schiffahrtsmetaphorik hier: 280ff.Google Scholar
  17. 24.
    Zur kulturgeschichtlichen Tiefe dieses Gedankens siehe Eckart Schäfer, „Das Staatsschiff. Zur Präzision eines Topos“, in: P. Jehn (Hrsg.), Toposforschung, Frankfurt a. M. 1972, 259–292.Google Scholar
  18. 25.
    Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 11. Aufl., Bern 1993, 138.Google Scholar
  19. 30.
    Das steht im genauen Zusammenhang mit der kursorischen Lektüre, die Johann Matthias Gesner 1735 in die Lektürepädagogik eingeführt hat. Vgl. Detlev Kopp und Nikolaus Wegmann, „Das Lesetempo als Bildungsfaktor? Ein Kapitel aus der Geschichte des Topos ‚Lesen bildet‘“, Der Deutschunterricht H. 4 (1988), 45–58.Google Scholar
  20. 30a.
    Herder hat Gesners Konzept im Zweiten Kritischen Wäldchen zur Grundlage seiner Kritik an Klotz genommen und dort die entscheidenden Passagen aus Gesners lateinischer Schrift übersetzt. Ausführlich dazu Matthias Bickenbach, Von den Möglichkeiten einer ‚inneren ‘Geschichte des Lesens, Diss. Köln 1995, Kapitel III. 2.Google Scholar
  21. 31.
    Vgl. Art. „Cursor“, in: Fachausdrücke der Text- und Datenverarbeitung. Wörterbuch & Glossar, englisch/deutsch, IBM, Stuttgart 1978. Der Cursor zeigt nicht nur die Position an, sondern mit dem Cursor ist man aktiv im Text. Vgl. George P. Landow, Hypertext. The Convergence of Contemporary Critical Theory and Technology, The John Hopkins University Press, Baltimore and London 1993, 44.Google Scholar
  22. 32.
    Auch anderen ist das hohe Tempo aufgefallen. Jürgen Jacobs z. B. führt das Überstürzende dieser Formulierungen auf die (Selbst-) Begeisterung des jungen Autors über das schöne Wissen zurück. J. Jacobs, „‚Universalgeschichte der Bildung der Welt‘. Die Problematik des Historismus beim frühen Herder“, in: Martin Bollacher (Hrsg.),J. G. Herder. Geschichte und Kultur (Anm. 7), 61–74, hier: 64 f. Näher zu der hier verfolgten Linie dagegen: Pierre Pénisson, „Die Paligenesie der Schriften. Die Gestalt des Herderschen Werkes“, Nachwort in: Herder, Werke, I, hrsg. W. Pross, München 1984, 864–924. Zum Präfix ‚fort ‘als „Unmöglichkeit eines Ruhepunktes“ im Zusammenhang mit den Metaphern von Fluß und Strom vgl. 875.Google Scholar
  23. 33.
    Vgl. Heinrich Lausberg, Elemente der literarischen Rhetorik, 3. durchgesehene Auflage, München 1967, § 409.Google Scholar
  24. 34.
    So Quintilian, hier zitiert nach Konrad Adam, Poetische und kritische Wälder, Euphorion Beihefte, Heidelberg 1989, 269.Google Scholar
  25. 40.
    Zur Topographie des erhabenen Raums siehe Albrecht Koschorke, Die Geschichte des Horizonts. Grenze und Grenzüberschreitung in literarischen Landschaftsbildern, Frankfurt a. M. 1990, 104 ff., hier: 126. Hans-Thies Lehmann sieht die gegenwärtigen Renaissance des ‚Erhabenen’ als eine „Ästhetik der Aufmerksamkeit“. Vgl. Lehmann: „Das Erhabene und das Unheimliche“, Merkur 42, H. 9/10 (1989), hier: 760 ff.Google Scholar
  26. 43.
    Zur Geschichte dieses universalen Archivs Roger Chartier, The Order of Book, Stanford 1994, hier: 61–88. Von der anderen Seite, der Literatur aus gesehen vgl. das Akzente-Heft Imaginäre Bibliotheken 12, H. 6 (1979).Google Scholar
  27. 45.
    Lange Zeit fangen immer umfangreichere Wissensklassifikationen oder Universaltopiken den Druck in Richtung auf eine stärkere Selektion und Synthetisierung des Stoffes auf. Vgl. Nikolaus Wegmann, „Was heißt einen ‚klassischen Text ‘lesen? Philologische Selbstreflexion zwischen Wissenschaft und Bildung“, in: Wilhelm Voßkamp und Jürgen Fohrmann (Hrsg.), Wissenschaftsgeschichte der Germanistik im 19. Jahrhundert, Stuttgart 1994, 334–450, hier: 347f.CrossRefGoogle Scholar
  28. 47.
    Ibid., 27. Nach der Theologie „folgt ein philosophisches, ein historisches, ein poetisches, ein oratorisches, ein geographisches und physisches Fach, dazwischen ‚Etwas zur Praxis‘, und der Beschluß macht eine Rubrik mit der Ueberschrift ‚Vermischte Sachen aus der Litteratur‘. Die Zellen waren damit fertig“ (Nachweis bei H. D. Irmscher und E. Adler, Der handschriftliche Nachlaß Johann Gottfried Herders, Wiesbaden 1979, 227ff.)Google Scholar
  29. 51.
    Eine Problemgeschichte der Bibliotheksorganisation fehlt. Einen Einblick geben: Renate Schusky, „Empfehlung für die Einrichtung von Bibliotheken“, in: Buch und Sammler. Private und öffentliche Bibliothek im 18. Jahrhundert, Heidelberg 1979, 129–139.Google Scholar
  30. 51a.
    Ladislaus Buzas, Deutsche Bibliotheksgeschichte der Neuzeit (1500–1800), Wiesbaden 1976, 135–151.Google Scholar
  31. 51b.
    E. L, Samurin, Geschichte der bibliothekarisch-bibliographischen Klassifikation, I, Leipzig 1964.Google Scholar
  32. 52.
    Vgl. Rudolf Blum, „Bibliographia. Ein wort- und begriffsgeschichtliche Untersuchung“, Archiv für Begriffsgeschichte 10 (1970), Sp. 1009–2146.Google Scholar
  33. 53.
    Anschaulich machen dies die „Stammbäume“ der Enzyklopädien, die die Wissensgebiete in ihrem systematischen Zusammenhang aufzeichnen. Zu diesem „methodus“ als bibliotheksspezifischer „ars brevis“ ausführlich Helmut Zedelmaier, Bibliotheca universalis und Bibliotheca selecta. Das Problem der gelehrten Ordnung in der frühen Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 1992, hier: 75 ff.Google Scholar
  34. 58.
    Zum Problem der Zeitschriftenordnung Paul Raabe, „Formen und Wandlungen der Bibliographie“, in: H.-A. Koch und A. Krupp-Ebert (Hrsg.), Welt der Information. Wissen und Wissensvermittlung in Geschichte und Gegenwart, Stuttgart 1990, 79–96, hier: 85 f.Google Scholar
  35. 60.
    „Wissen erscheint verobjektiviert, um als dauerhaft erscheinen zu können; aber so weit es gewußt werden soll, muß es immer wieder vollzogen werden.“ So Niklas Luhmann, Die Wissenschaft der Gesellschaft, Frankfurt a. M. 1990, 129 f.Google Scholar
  36. 62.
    Zur Struktur des „Lectionsplans“ siehe den entsprechenden Artikel in: K. A. Schmid (Hrsg.), Encyklopädie des gesamten Erziehungs- und Unterrichtswesens, IV, 2. verb. Aufl., Berlin 1875.Google Scholar
  37. 66.
    Noch bis ins 18. Jahrhundert steht „überlesen“ wertneutral für ‚ganz durchlesen‚ und ‚nochmals lesen‘. Zum Bedeutungswandel hin zur negativen Wertung vgl. den Art. „überlesen“ in: Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, XXIII, Leipzig 1936, Sp. 393 f.Google Scholar
  38. 68.
    Vgl. zum Aufklärer als Projektmacher Georg Stanitzek, „Der Projektmacher. Projektion auf eine unmögliche’ moderne Kategorie“, Ästhetik und Kommunikation 65/66 (1987), 135–146, hier: 137.Google Scholar
  39. 72.
    Vgl. Reisejournal, 18. Zur Analogie als „Instrument des Entdeckens“ ‚ d.h. „weniger als Methode der Erkenntnis selbst, als der Entdeckung neuer Gebiete des Erkennens“: H. D. Irmscher, „Beobachtungen zur Funktion der Analogie im Denken Herders“, DVjs 55 (1981), 64–97, hier: 64.Google Scholar
  40. 78.
    Peter Glotz, „Änderung des Schaltplans“, Die ZEIT, Nr. 46. vom 10. 11. 1995, 58.Google Scholar
  41. 79.
    Aufschluß zu Herders Arbeit in den Bibliotheken gibt jetzt Ralph Hafner, Johann Gottfried Herders Kulturentstehungslehre. Studien zu den Quellen und zur Methode seines Geschichtsdenkens, Studien zum achtzehnten Jahrhundert 19, Hamburg 1995.Google Scholar
  42. 80.
    Vgl. dazu Lothar Müller, „Weder Sturm noch Drang. Allzu klassisch: Ralph Hafner erklärt Herders Kulturentstehungslehre aus seiner Bibliothek“, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 2. 9. 1995, 33.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1997

Authors and Affiliations

  • Nikolaus Wegmann
    • 1
  • Matthias Bickenbach
    • 1
  1. 1.KölnDeutschland

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