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‘Namenlos’ und ‘Unantastbar’ Elias Canettis poetologisches Konzept

  • Rüdiger Zymner
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Zusammenfassung

Der Artikel rekonstruiert die von Elias Canetti vertretene Konzeption des Dichters. Ausgehend von seiner Rede Der Beruf des Dichters wird diese Konzeption in ihrem systematischen Zusammenhang wie in ihrer historischen Entwicklung erläutert und literarhistorisch eingeordnet. Als zwei wesentliche Elemente seines Konzeptes werden dabei der ‘Rückzug des Dichters aus der Dichtung’ sowie die Canettis ‘Sprach-Ehrfurcht’ herausgearbeitet. Beide stehen in engem Zusammenhang mit Canettis zentralen Themen: Macht und Tod.

Abstract

The present article reconstructs Elias Canetti’s concept of the poet (Dichter). Starting from his speech Der Beruf des Dichters this concept is interpreted in its systematical context and related to the historical development. The poet’s retreat from poetry and Canetti’s awe of language are found to be the two basic elements of his concept. Both elements have to be seen in a close connection with Canetti’s central themes: power and death.

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Lieterature

  1. 1.
    Thomas Bernhard, Leserbrief zu Elias Canettis Rede Der Beruf des Dichters, Die Zeit Nr. 44 (27. 2. 1976): “Der neue Ehrendoktor Canetti, der Aphorismusagent der Jetztzeit, der also zum Ehrendoktor geboren ist, der vor rund vierzig Jahren eine begabte Talentprobe als phantastische ‘Blendung’ abgelegt hat, ruft sich, sozusagen als selbstinszenierte ‘Komödie der Eitelkeit’, in einem Anfall von akuter, sicher aber doch galoppierender Senilität auch noch zum (einzigen) Dichter aus! Senilität ist rührend, die Arroganz eines Greises, Spätlingsvaters und skurrilen Torschlußphilosophen, der, wie gesagt, vor vierzig Jahren eine begabte Talentprobe abgelegt und in der Zwischenzeit als eine Art Schmalkant und Kleinschopenhauer durch Inkonsequenz konsequent sein Niveau verloren und in der Universität München in tatsächlich dummen Sätzen schamlos auch seinen Kopf gestutzt hat, ist peinlich. Oder auch nur grotesk. Der jetzt seit Jahren emsig in alle deutschsprechenden Winkel in Dichtertum reisende Aushilfsprophet machte halt sozusagen auf akademischem Boden seinem schlechten Gewissen Luft.”Google Scholar
  2. 2.
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    Canetti (Anm. 40), 185; vgl. auch Christiane Altvater, ‘Die moralische Quadratur des Zirkel’. Zur Problematik der Macht in Elias Canettis Aphorismensammlung “Die Provinz des Menschen”, Frankfurt a.M., Bern 1990. [Überarbeitete Fassung meines Habilitationsvortrages, den ich am 16. 12. 1993 vor der Philosophischen Fakultät der Universität Freiburg/Schweiz gehalten habe.]Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1995

Authors and Affiliations

  • Rüdiger Zymner
    • 1
  1. 1.FribourgDeutschland

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