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Der Dichter als Kritiker und der Kritiker als Dichter: Schriftstellerische Inszenierungspraktiken um ›1800‹ und ›1900‹ am Beispiel von Friedrich Schiller und Alfred Kerr

  • Christoph Jürgensen
  • Gerhard Kaiser
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Zusammenfassung

Der Beitrag entfaltet, vom wachsenden Inszenierungs-Druck auf Autoren seit der Entstehung des literarischen Marktes ausgehend (I.), ein heuristisches Instrumentarium zur Analyse schriftstellerischer Positionierungsstrategien (IL). Schillers Eintritt ins literarische Feld in den 1780er und seine Stilisierung zum »Klassiker« in den 1790er Jahren (III.) sowie Kerrs um 1900 entstandenen »Berliner Briefe« (IV.), mit denen er sich als Großkritiker etablieren will, exemplifizieren die Tragfähigkeit des zuvor entwickelten Instrumentariums. Es lässt sich zeigen, wie beide Autoren mit strukturanalogen, um den Gedanken der »Authentizität« kreisenden Distinktions- und Überbietungsstrategien bestrebt sind, ihr schriftstellerisches Profil zu schärfen und eine exponierte Stellung im literarischen Feld einzunehmen (V.).

Abstract

Starting from the assumption that authors were increasingly pressured by the emergence of a literary market in the second half of the 18th century (I.), this article develops heuristic instruments to analyze authorial strategies of positioning (IL). Schiller’s appearance in the literary field in the 1780s and his designation as »classic« in the 1790s (III.), as well as Kerr’s »Berlin letters«, written around 1900 in order to establish himself as major critic (IV.), exemplify the heuristic instruments developed before. It can be seen how both authors aim to sharpen their profiles as writers and obtain an exposed position in the literary field by using analogous strategies of distinction, which revolve around the key notion of ›authenticity‹ (V).

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Literature

  1. 1.
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  4. 3b.
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  5. 4.
    Zu Formen der Inszenierungen von Autorschaft vgl. Christine Künzel, Jörg Schönert (Hrsg.), Autorinszenierungen. Autorschaft und literarisches Werk im Kontext der Medien, Würzburg 2007, die sich allerdings auf das 20.Google Scholar
  6. 4a.
    Jahrhundert beschränken, sowie Gunter E. Grimm, Christian Schärf (Hrsg.), Schriftsteller-Inszenierungen, Bielefeld 2008, die zwar bereits im Mittelalter ansetzen, aber die Beiträge des Bandes lediglich additiv nebeneinander stellen, also keine historische Linie erkennen lassen und überdies keinen methodischen Zusammenhang aufweisen.Google Scholar
  7. 5.
    Zur Diskussion der Stichhaltigkeit dieser Zäsur s. Christoph Jürgensen, Gerhard Kaiser, »Schriftstellerische Inszenierungspraktiken — Heuristische Typologie und Genese«, in: dies. (Hrsg.), Schriftstellerische Inszenierungspraktiken — Typologie und Geschichte, Heidelberg 2011 (= Beihefte zum Euphorion, Bd. 62), 9–30, hier: 15–17.Google Scholar
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  12. 8a.
    Hervorhebung im Original. Der für die Analyse ausdifferenzierter, moderner Gesellschaften zentrale Aspekt der Distinktion findet sich indes bereits bei Arnold Gehlen, Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsychologische Probleme in der industriellen Gesellschaft, Frankfurt a. M. 2001, 40.Google Scholar
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    Vgl. hierzu Gerhard Kaiser, »Inszenierungen des Authentischen. Martin Kessel und die Epochale Substanz der Dichtung«, in: Stefan Scherer, Claudia Stockinger (Hrsg.), Martin Kessel (1901–1990) — ein Dichter der Klassischen Moderne, Bielefeld 2004, 109–142, bes. 115–120.Google Scholar
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  16. 10b.
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    Zum ereignisgeschichtlich motivierten Vorlauf dieser Wahl des Gegners siehe Jörg-Ulrich Fechner, »Schillers Anthologie auf das Jahr 1782. Drei kleine Beiträge«, Jahrbuch der Deutschen Schillergesellschaft 17 (1973), 291–303; Alt (Anm. 16), 216ff.Google Scholar
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    Siehe Katharina Mommsen (Hrsg.), Anthologie auf das Jahr 1782. Herausgegeben von Friedrich Schiller. Faksimiledruck der bei Johann Benedict Metzler in Stuttgart anonym erschienenen ersten Auflage. Mit einem Nachwort und Anmerkungen, Stuttgart 1973. Zum Folgenden siehe Kurscheidt (Anm. 18), 498.Google Scholar
  27. 33.
    Man denke etwa an die durchaus selbstkritische Verteidigungs- und Rezeptionslenkungsschrift Briefe über ›Don Karlos‹ (1788). Siehe dazu Wilfried Maisch, »Robespierre ad portas? Zur Deutungsgeschichte der Briefe über Don Karlos von Schiller«, in: Gertrud Bauer Pickar (Hrsg.), The Age of Goethe Today. Critical Reexamination und Literary Reflection, München 1990, 69–103.Google Scholar
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    »Uns gilt die Kunst nicht mehr«, so heißt es bei Hegel, »als die höchste Weise, in welcher die Wahrheit sich Existenz verschafft.« (G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Ästhetik J, Frankfurt a.M. 1986, 141).Google Scholar
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  38. 71.
    Vgl. grundlegend zur ›Kleinform‹ Feuilleton Peter Utz, »Zu kurz gekommene Kleinigkeiten. Robert Walser und der Beitrag des Feuilletons zur literarischen Moderne«, in: Elmar Locher (Hrsg.), Die kleinen Formen in der Moderne, Innsbruck 2001, 133–165Google Scholar
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    ferner Susanne Scharnowski, »›Berlin ist schön, Berlin ist groß‹. Feuilletonistische Blicke auf Berlin: Alfred Kerr, Robert Walser, Joseph Roth und Bernhard von Brentano«, in: Matthias Harder, Almut Hille (Hrsg.), »Weltfabrik Berlin«. Eine Metropole als Sujet der Literatur, Würzburg 2006, 67–82; hier zu Kerrs ›Berliner Briefen‹ 70–74.Google Scholar
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    Jost Hermand, Der frühe Heine. Ein Kommentar zu den »Reisebildern«, München 1976, 28.Google Scholar
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    Vgl. Alfred Oehlke, Hundert Jahre Breslauer Zeitung. 1820–1920, Breslau 1920.Google Scholar
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  44. 77a.
    XL Siehe zu Kerrs Kritik-Begriff und den Hoch wertbegriffen dieser Kritik ausführlich Hubertus Schneider, Alfred Kerr als Theaterkritiker. Untersuchungen zum Wertsystem des Kritikers, 2 Bde., Rheinfelden 1984.Google Scholar
  45. 79.
    RB, 6; Fontane hatte 1894 einen Brief an den Herausgeber des »Magazins« geschrieben und den noch unbekannten Kerr gelobt: »Hochgeehrter Herr, ich lese immer mit Vergnügen, was ihr Mitarbeiter Dr. Alfred Kerr im Magazin schreibt. Heute aber hat er ganz besonders ins Schwarze getroffen, und Sie müssen mir gestatten, da ich Dr. Kerr nicht kenne, Ihnen dies auszusprechen. Es ist das weitaus Beste, was über Wildenbruch je gesagt worden ist. [...] Ich wollte meine Freude darüber, daß er’s getan hat, gerne äußern.« Zit. nach: Joseph Chapiro, Für Alfred Kerr: Ein Buch der Freundschaft, Berlin 1928, 103.Google Scholar
  46. 89.
    Und, wie hier zumindest am Rande erwähnt sei, der Distinktionsgewinn im Duell mit dem Kritiker war notwendig größer und dementsprechend feldstrategisch wichtiger als beispielsweise die Profilierung in der legendären Auseinandersetzung mit Hermann Sudermann, da sich alle führenden Kritiker (auch Harden) in der vernichtenden Verurteilung Sudermanns einig waren — eine Einigkeit, die allerdings nicht über die Frontstellung gegen Sudermann hinausging. Siehe Alfred Kerr, Herr Sudermann der D... Di... Dichter. Ein kritisches Vademecum, Berlin 1903Google Scholar
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    Maximilian Harden, Kampfgenosse Sudermann, Berlin 1903.Google Scholar
  48. 90.
    Vgl. Uwe B. Weller, Maximilian Harden und »Die Zukunft«, Bremen 1970, 68.Google Scholar
  49. 90a.
    Zu den öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen Kerr, Harden und Kraus vgl. ferner: Helga Neumann, »die 3 feindlichen Brüder Harden, Kraus und Kerr«, Wirkendes Wort 3 (2004), 405–419Google Scholar
  50. 90b.
    zum ›Duell‹ zwischen Kerr und Kraus siehe ferner: Stefan Straub, Der Polemiker Karl Kraus. Drei Fallstudien, Marburg 2004, 37–115.Google Scholar
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    Zu den literaturpolitischen Konstellationen und den Funktionen der Xenien siehe Bernd Leistner, »Der Xenien-Streit«, in: Debatten und Kontroversen. Literarische Auseinandersetzungen in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts, Bd. 1, hrsg. Hans-Dietrich Dahnke u.a., Berlin, Weimar 1989, 345–356.Google Scholar
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    Zu Kerr als Herausgeber des Fan siehe Donatella Germanese, Pan (1910–1915). Schriftsteller im Kontext einer Zeitschrift, Würzburg 2000, bes. 209–255.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 2012

Authors and Affiliations

  • Christoph Jürgensen
    • 1
  • Gerhard Kaiser
    • 2
  1. 1.WuppertalDeutschland
  2. 2.GöttingenDeutschland

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