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Heideggers Begriff vom Kunstwerk und die Formgeschichte des Romans

  • Felix Martinez-Bonati
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Zusammenfassung

In Heideggers Begriff vom Kunstwerk zeigt sich eine fortwährende romantische Auffassung, die in unscheinbaren, alltäglichen Dingen und Ereignissen die Möglichkeit, eine metaphysische oder religiöse Offenbarung zu erfahren, und in der Kunst die Kraft findet, diese Erfahrung zustande zu bringen. Die kontemplative Zuwendung zum umliegenden Vertrauten und zum noch so geringen seelischen Geschehen in der Neuzeit läßt sich als Rückzug der traditionellen, natürlichen’ Weltsicht verstehen, deren Gewißheiten durch die Wissenschaft erschüttert und geschwächt werden. Die Kunst und die idealistische Philosophie antworten auf die zunehmende Fragwürdigkeit unserer intuitiv erfaßten und herkömmlich begriffenen Realität mit der Versicherung der fundamentalen und finalen Gültigkeit des besinnlich Erlebten—als seien nur hier die Zeichen der Hoffnung und der Erlösung vernehmbar. Der moderne Roman ist Teil dieser geistigen Bewegung, und die Logik seiner epochalen Formveränderungen entspricht der Notwendigkeit und den wechselnden Bedingungen einer ständigen Rekonstruktion der Lebenswelt.

Abstract

Heidegger’s idea of the nature of the work of art partially corresponds to an enduring romantic view that finds in minor, everyday things and events the possibility of experiencing a metaphysical or religious revelation. Art’s representation of such things and events appears as the supreme way to convey this experience. In modern times, the devoted contemplation of our familiar surroundings and minute psychic motions is an outcome of a historical contraction of the traditional,’ natural’ worldview, whose certainties science shakes and weakens. Art and idealistic Philosophy respond to the increasing questionableness of intuitively given and conventionally understood reality with the reaffirmation of a fundamental and final validity of self and world, thoughtfully so taken as they directly present themselves. The underlying assumption seems to be that we can find the signs of hope and redemption in this intellectually endangered realm, and only there. The novel is part of this (in the widest sense of the word) religious movement of the enlightened modern mind. The logic of the successive modifications of the genre’s form during the first two centuries of its preeminence follows from the necessity and the changing conditions of the constant reconstruction of the life-world.

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Copyright information

© Metzler 2003

Authors and Affiliations

  • Felix Martinez-Bonati
    • 1
  1. 1.New YorkUSA

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