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Protokollstile Literarische Verwendungsweisen einer Textsorte

  • Michael Niehaus
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Zusammenfassung

Von ihrer Logik her steht die Textsorte Protokoll, die sich durch ihren institutionellen Rahmen und ihre sprachliche Ökonomie auszeichnet, in einem Widerspruch zur Literatur. Dennoch entwickelt sich in der Moderne eine untergründige Affinität der Literatur zum Protokollarischen. Auf der einen Seite können verschiedene Formen der dokumentarischen Protokoll-Literatur (Erika Runge, Maxie Wander) sich als die Instanz verstehen, die zuvor ausgeschlossene Subjekte im direkten Stil zu Wort kommen läßt. Auf der anderen Seite kann sich die erzählende Instanz im indirekten Stil zur protokollierenden Instanz wandeln, die sich eines Subjekts bemächtigt und dessen Wort entwertet (Albert Drach).

Abstract

From the logical point of view, officially recorded minutes are incompatible with lit-erature, since they are defined by their institutional context and their linguistic economy. Nevertheless, in modern literature there is a hidden affinity between these two types of texts. On the one hand, different kinds of documentary record-literature (Erika Runge, Maxie Wander) comprehend themselves as the instance allowing the self-expression of people not being heard otherwise in a direct style. On the other hand, the narrative voice can be transformed into a recorder that takes proceedings against the novel’s protagonist, devaluating his own words by using indirect style (Albert Drach).

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Literature

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Copyright information

© Metzler 2005

Authors and Affiliations

  • Michael Niehaus
    • 1
  1. 1.BochumDeutschland

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