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Schillers ästhetische Suche nach einem Grund Zur Divergenz der Rolle der Einbildungskraft bei Kant und bei Schiller

  • Hans Feger
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Zusammenfassung

Schillers Ästhetik beruht — spätestens nach der sogenannten Kant-Krise — auf einer Theorie der Einbildungskraft. Die These ist: Schiller liest Kant — gegen den Strich. Vor den Grenzen der Vernunft behauptet sich die natürliche Freiheit des Menschen in der Eigenmacht der Einbildungskraft. Erhabenheit und Schönheit sind ihrer Entfesselung geschuldet und ihrer Verfügungsgewalt. Sie sind Schrecken und Lust zugleich. Hier endet die ästhetische Suche nach dem Grund.

Abstract

Schiller’s aesthetics is grounded — at least after the so-called Kant-crisis — in a theory of the imagination. The claim is: Schiller reads Kant — against the grain. In the face of the limits of reason the natural human freedom asserts itself in the seifdeterminative power of the imagination. The sublime and the beautyful are owed to the liberation and the power of the imagination. They are terror as well as pleasure. At this point terminates his aesthetic quest for fundamental principles.

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Literature

  1. 6.
    Moses Mendelssohn hat in seiner Schrift Rhapsodie, oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindung (1761) hinsichtlich des Schrecklichen und Bösen bei der negativen Lust des Erhabenen diese mit dem kantischen Erhabenheitstheorem nicht zu vereinbarende Differenzierung vorgenommen: Das “Nichthaben der Vorstellung” und das “Nichtseyn des Gegenstandes” sind zweierlei, weil der Betrachter in einer doppelten Beziehung zum schrecklichen Geschehen steht. “Manche Vorstellung kann als Bestimmung der Seele etwas Angenehmes haben, ob sie gleich, als Bild des Gegenstandes von Mißbilligung und Widerwillen begleitet wird. Wir müssen uns wohl hüten, diese beiden Beziehungen, die objektive und die subjektive, nicht zu vermengen, oder miteinander zu verwechseln.” Nur der subjektive Aspekt führt zu dem gesteigerten Selbstgefühl und dem Bewußtsein moralischer Autonomie. Der Einfluß Moses Mendelssohns wird deutlich, wenn man sieht, daß Mendelssohn diesen Mechanismus auch auf die als zweite Natur erfahrenen Schrecken der Geschichte anwendet. Schillers Deutung der Geschichte als toller Zufall und gesetzloses Chaos in der Schrift Ueber das Erhabene nimmt diese, von Mendelssohn vorgegebene, Differenzierung auf (Moses Mendelssohn, Rhapsodie, oder Zusätze zu den Briefen über die Empfindungen [zuerst 1761]; zit. n. der Fassung von 1771, in: ders., Ästhetische Schriften, hrsg. Otto F. Best, Darmstadt 1986, 127f.).Google Scholar
  2. 13.
    Odo Marquard, Transzendentaler Idealismus, Romantische Naturphilosophie, Psychoanalyse, Schriftenreihe zur Philosophischen Praxis, Köln 1987, III, 58.Google Scholar
  3. 18.
    “Diese Bestrebungen und das Gefühl der Unerreichbarkeit der Idee durch die Einbildungskraft ist selbst eine Darstellung der subjektiven Zweckmäßigkeit unseres Gemüts im Gebrauche der Einbildungskraft für dessen übersinnliche Bestimmung, und nötigt uns, subjektiv die Natur selbst als Darstellung von etwas Übersinnlichem zu denken, ohne diese Darstellung objektiv zustande bringen zu können Eben dadurch werden wir auch erinnert, daß wir es nur mit einer Natur als Erscheinung zu tun haben, und diese selbst noch als bloße Darstellung einer Natur an sich (welche die Vernunft in der Idee hat) müsse angesehen werden” KdU B 115f.). “Nachdem das Subjekt im Ästhetischen Gefühl die Möglichkeit einer zweckmäßigen Realisation von Vernunftinteressen erfahren hat, kann es sich zu jener Idee der Glückseligkeit erheben, welche ihm zur moralischen Maxime seines Handelns wird. Erst der Umgang mit dem Schönen und mit der als schön empfundenen Natur macht die Suche nach einem objektiven Zweck der Natur sinnvoll. Das Zusammenspiel der Erkenntniskräfte, deren realer Ausdruck die Empfindung subjektiver Lust ist, bildet den Vorschein einer zweckmäßigen Einheit von Vernunft- und Naturbegriff, die in der Idee der Glückseligkeit als dem Endzweck der Vernunft ihren höchsten Ausdruck findet Das ästhetische Urteil bildet für Kant nicht den Bedingungsgrund einer höheren Vernunfttätigkeit des praktischen Handelns, wohl aber deren Beweisgrund Das Geschmacksurteil bietet ein wesentliches Kriterium für die Apprehension des sinnlich Mannigfaltigen nach Regeln, die der Form nach bereits Vernunftzweck sind” (Bernd Küster, Transzendentale Einbildungskraft und ästhetische Phantasie. Zum Verhältnis von philosophischem Idealismus und Romantik, Königstein/Ts. 1979, 26f.). Vgl. auchGoogle Scholar
  4. 18a.
    Günther Freudenberg (Die Rolle der Schönheit und der Kunst im System der Transzendentalphilosophie, Meisenheim/Gl. 1960, 81), für den bei Kant die Kunst “transzendental reale Gewähr dafür [ist], daß… die Metaphysik der Natur nicht ohne Grund bleibt”.Google Scholar
  5. 41.
    Kant, Reflexion 4904, Kant’s gesammelte Schriften, hrsg. Preußische Akademie der Wissenschaften, Berlin, Leipzig 1928, XVIII, 24 ( = Kant’s handschriftlicher Nachlaß V, 2, 24).Google Scholar
  6. 62.
    “Bei Kant befragt die Vernunft die Sinne in beinahe schon inquisitorischer Weise nach ihrer Vereinbarkeit mit dem Gesetz; bei Schiller dagegen wird die Vernunft selbst auf ihre Vereinbarkeit mit der menschlichen Natur hin befragt” (Ulrich Tschierske, Vernunftkritik und ästhetische Subjektivität. Studien zur Anthropologie Schillers, Tübingen 1988, 37).CrossRefGoogle Scholar
  7. 63.
    Friedrich Schiller, Kalliasbriefe, Sämtliche Werke, (= SW), hrsg. Gerhard Fricke, Herbert G. Göpfert, 7. Aufl., München 1984, V, 418.Google Scholar
  8. 73.
    Schiller, Ästhetische Briefe, 23. Brief, XX, 386, Anm. Das Gewissen, das bei Kant nur aus dem Bewußtsein der Differenz heraus vernehmbar ist, wird bei Schiller durch die anthropologische Wendung der Ästhetik zur Erscheinung und übernimmt, wo die autonome Vernunft in ihrem bloßen Formalismus gegen das Naturgesetz handeln muß, die Aufgabe, diese Autonomie der Form an ihren natürlichen Grund zurückzubinden, indem sie sie als das “Nachbild des Unendlichen” auf dem “vergänglichen Grunde” reflektiert (Schiller, Ästhetische Briefe, 25. Brief, XX, 394). Erst diese Rückbindung im ästhetischen Schein erlaubt es so auch bei Schiller von einer ästhetischen Theodizee zu sprechen, die mit dem Geist der Kantischen Philosophie in Einklang steht (vgl. insgesamt Robert Boxberger, “Schillers Theodizee”, Archiv für Literaturgeschichte 8 [1879], 120–127). Vgl. ebenso Schiller: Man muß “doch eine Tendenz göttlich nennen, die das eigentlichste Merkmal der Gottheit, absolute Verkündung des Vermögens (Wirklichkeit alles Möglichen) und absolute Einheit des Erscheinens (Notwendigkeit alles Wirklichen) zu ihrer unendlichen Aufgabe hat. Die Anlage zu der Gottheit, wenn man einen Weg nennen kann, was niemals zum Ziele führt, ist ihm (dem Menschen) aufgetan in den Sinnen” (Schiller, SW, V, 602).Google Scholar
  9. 76.
    Dieter Henrich, “Der Begriff der Schönheit in Schillers Ästhetik”, ZfphF 11 (1957), 527–547, hier: 537.Google Scholar
  10. 77.
    Helga Mertens schreibt dazu in ihrem Kommentar zur Ersten Einleitung von Kants Kritik der Urteilskraft (Helga Mertens, Zur systematischen Funktion der Kritik der Urteilskraft für das System der Vernunftkritik, München 1975, 123), daß es “eigentlich eine Qualität der Natur bzw. der Form des gegebenen Objekts” sei, das “die Technik der Urteilskraft ermögliche und sogar notwendig mache”. Damit unterstellt sie Kant allerdings in der Tat ein “transsubjektives Moment,… die Natur in ihrer an sich seienden Struktur, das die besondere Art und Weise des Erscheinens determiniert”.Google Scholar
  11. 78.
    Gerhard Kohler, Geschmacksurteil und ästhetische Erfahrung. Beiträge zur Auslegung von “Kritik der ästhetischen Urteilskraft”, Berlin, New York 1980, 183.CrossRefGoogle Scholar
  12. 81.
    Heidegger bemerkt dazu, daß es eine “Irrmeinung” sei, “es sei mit der Ausschaltung des Interesses jeder wesenhafte Bezug zum Gegenstand unterbunden. Das Gegenteil ist der Fall. Der wesenhafte Bezug zum Gegenstand selbst kommt durch das ‘ohne Interesse’ gerade ins Spiel. Es wird nicht gesehen, daß jetzt erst der Gegenstand als reiner Gegenstand zum Vorschein kommt, daß dieses in-den-Vorschein-Kommen das Schöne ist. Das Wort ‘schön’ meint das Erscheinen im Schein solchen Vorscheins” (Martin Heidegger, Nietzsche, 2. Aufl., Pfullingen 1961, 1, 130).Google Scholar
  13. 85.
    Martin Heidegger, Der Satz vom Grund, 5. Aufl., Pfullingen 1978, 13. Vorlesung. In der exponierten Deutung des Satzes vom Grund als einem “Sprung… aus dem Grundsatz vom Grund als einem Satz vom Seienden in das Sagen des Seins als Sein” (8. Vorlesung), spricht Heidegger davon, daß dieser “Sprung… das Denken so wenig ins Bodenlose im Sinne des völlig Leeren fallen [läßt], daß er erst das Denken in die Entsprechung zum Sein als Sein, d.h. zur Wahrheit des Seins gelangen läßt Das Denken gelangt durch diesen Sprung in die Weite jenes Spiels, auf das unser Menschenwesen gesetzt ist. Nur insofern der Mensch in dieses Spiel gebracht und dabei aufs Spiel gesetzt ist, vermag er wahrhaft zu spielen und im Spiel zu bleiben” (13. Vorlesung). Heidegger spricht in diesem Zusammenhang auch von der ‘Inkubation des Seins’, denn “das Wort ‘Inkubation’ ist nur ein anderer Name für das Sichentziehen des Seins in die Verbergung, welche Verbergung die Quelle aller Entbergung bleibt” (8. Vorlesung).Google Scholar
  14. 86.
    “Schillers konsequent zu Ende gedachte Ästhetik ist eine ontologisch fundierte” (Hans-Georg Pott, Die schöne Freiheit, München 1980, 92).Google Scholar
  15. 92.
    Schiller hat Körner diese Differenz zu Kant in einem Brief (Kalliasbriefe) mitgeteilt: “Ich vermute, Du wirst aufgucken, daß Du die Schönheit unter der Rubrik der theoretischen Vernunft nicht findest und daß Dir ordentlich dafür bange wird. Aber ich kann Dir einmal nicht helfen, sie ist gewiß nicht bei der theoretischen Vernunft anzutreffen, weil sie von Begriffen schlechterdings unabhängig ist; und da sie doch zuverlässig in der Familie der Vernunft muß gesucht werden und es außer der theoretischen Vernunft keine andere als die praktische gibt, so werden wir sie wohl hier suchen müssen und auch finden. Auch, denke ich, sollst Du, wenigstens in der Folge, Dich überzeugen, daß ihr diese Verwandtschaft keine Schande macht” (Schiller, Kalliasbriefe SW, V, 398). Ebenso geht aus den Randbemerkungen seines Handexemplars der Kritik der Urteilskraft hervor, daß Schiller die vier Kriterien des ästhetischen Urteils praktisch fundiert interpretiert hat (vgl. die Interpretation bei Manfred Frank, Einführung in die romantische Ästhetik, Frankfurt a.M. 1989, 110f.).Google Scholar
  16. 94.
    Friedrich Kaulbach, Ästhetische Welterkenntnis bei Kant, Würzburg 1984, 20, Anm.Google Scholar
  17. 100.
    Wolfgang Bartuschat hat in seiner Arbeit (Wolfgang Bartuschat, Zum systematischen Ort von Kants Kritik der Urteilskraft, Frankfurt a.M. 1972) bereits bei Kant in dem Verhältnis der beiden ersten Kritiken eine “heimliche Teleologie der zu verbindenden Glieder” gesehen, “die die K.d.U. ausdrücklich macht, ohne sie dogmatisch als real zu behaupten, obschon ihre Notwendigkeit aus Gründen der Subjektivität folgt”. “Da die Urteilskraft aber keine Einsicht in die Struktur des Substrats hat und deshalb auch nicht darein, wie die Glieder, deren Zusammenstimmung durch es ermöglicht wird, in ihm gründen…, kann sie im Hinblick auf die beiden Kritiken nur auf etwas hinweisen, was der dortigen Weise der Konstitution, ohne in ihr thematisch zu werden, zugrunde liegt” (266). Helga Mertens geht in ihrem Kommentar zur Ersten Einleitung in Kants “Kritik der Urteilskraft” sogar so weit, von einer Verknüpfung der “teleologische[n] Bestimmung der Vernunft mit einer teleologischen Naturauffassung” (28) zu sprechen. “Es ist der Begriff einer Natur in ihrem vernunftgemäßen Ansichsein, der dann in der dritten Kritik thematisiert wird” (29). Noch weiter geht die Arbeit von Ulrich Tschierske (Anm. 62) mit der Bemerkung, daß in der Kritik der Urteilskraft “das Organische nicht nur das Symbol von Selbstzweck und Reflexion [ist], sondern zugleich das Symbol einer als Subjekt anerkannten Natur. Unversehens ist das Organische zu einem symbolischen Faktum geworden, in dem nicht das moralische Gesetz, sondern vielmehr die von aller nur auswärtigen Gesetzlichkeit erlöste Idee einer reinen und in die Natur nur gleichsam zurückgespielten Selbstbestimmung repräsentiert wird” (234).Google Scholar
  18. 103.
    Mit reinem Bild ist hier gemeint, was Friedrich Kaulbach (Friedrich Kaulbach, Ästhetische Welterkenntnis bei Kant, Würzburg 1984) als die “hermeneutische Stellung” (153) der ästhetischen Gegenständlichkeit in der Kritik der Urteilskraft hervorgehoben hat. Beide Formen der reflektierenden Urteilskraft, die ästhetische und die teleologische, implizieren, “als auf Reflexion beruhend, in einer Selbstgesetzgebung die freie Natur und machen von der Perspektive der Totalität Gebrauch” (23). Der “transzendentale[r] Perspektivismus der reflektierenden Urteilskraft” (29) muß zurückgeführt werden auf die “Perspektive einer Ontologie der Natur” (23), in der das Denken zur reinen Reflexion wird, da es nicht mehr “die Stellung des Diktierens und praktischen Verfügens, sondern die des Sichhineindenkens in die Totalität der Naturwelt” (19) einnimmt.Google Scholar
  19. 106.
    Letztlich ist hierin der tiefere Grund von Kants Auszeichnung des Naturschönen vor dem Kunstschönen zu sehen. Karl Heinz Bohrer hat in dieser Auszeichnung eine “Umkehrung der Hegeischen Position” gesehen: “Es war vielmehr Kant, der strikt anwies, uns an die Wirkung des ästhetischen Phänomens zu halten, weil es vom Schönen selbst keinen gegenstandskonstitutiven Begriff geben könne. Wir verdanken Rüdiger Bubner den unserer Problematik weiterhelfenden Gedanken [Rüdiger Bubner, “Über einige Bedingungen gegenwärtiger Ästhetik”, in: Rüdiger Bubner, Konrad Cramer, Rainer Wiehl (Hrsg.), Neue Hefte für Philosophie, Göttingen 1973, V, 64], daß Kants Begriff der reflektierenden Urteilskraft (im Unterschied zur bestimmenden Urteilskraft) eng verbunden ist mit einer Theorie des Naturschönen, die dem Kunstschönen vorgeordnet war. Kant, so führte Bubner aus, sah die Leistung der reflektierenden Urteilskraft gerade darin, daß sie zunächst nur etwas gewahr wurde, ein Besonderes, das sich der Subsumption entzog. Die Identifizierung der ästhetischen Erfahrung mit einem Verstandesbegriff findet nicht statt, eine intellektuelle Auffassung des Gegebenen wird nicht möglich. Diese Interpretation wird leicht bestätigt, sieht man, wie ästhetische Werturteile durch Antizipation und nicht durch ein analytisches Verfahren zustande kommen. Das ist die Umkehrung der Hegelschen Position. Aus ihr wird deutlich, warum die Hegeische Lösung vor dem paradoxen Scheincharakter der Kunst scheitern muß. Der tiefere Grund für dieses Scheitern liegt im teleologischen Geschichtsverständnis Hegels, das nicht bloß die Kunsterfahrung im Prozeß des Geistes zu sich selbst für sekundär erklärte, sondern das Naturschöne ganz aus der Ästhetik ausschließt”Google Scholar
  20. 106.
    (Karl Heinz Bohrer, Plötzlichkeit. Zum Augenblick des ästhetischen Scheins, Frankfurt a.M. 1981, 98).Google Scholar
  21. 108.
    Vgl. Martin Heidegger, Die Frage nach dem Ding, 3. Aufl., Tübingen 1987, 160–172. In den Nietzsche-Studien Heideggers finden sich in diesem Zusammenhang folgende signifikante Bemerkungen: “Man kann sagen, daß Kants ‘Kritik der Urteilskraft’, in welchem die Ästhetik dargestellt ist, bisher nur aufgrund von Mißverständnissen gewirkt hat Nur Schiller hat als einziger in Bezug auf Kants Lehre vom Schönen und der Kunst Wesentliches begriffen” (Martin Heidegger [Anm. 108], 127). Ebenso dort: “Kants Auslegung des ästhetischen Verhaltens als “Lust der Reflexion” dringt in einen Grundzustand des Menschen vor, in dem der Mensch erst zur gegründeten Fülle seines eigenen Wesens kommt. Es ist jener Zustand, den Schiller als die Bedingung der Möglichkeit des geschichtlichen, geschichtsgründenden Daseins des Menschen begriffen hat” (133).Google Scholar
  22. 109.
    Vgl. Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Tübingen 1960, 39ff. Die radikale Subjektivierung der Ästhetik, die Gadamer Kant und Schiller konstatiert, erweist sich in ihrer Intention gerade als Überwindung der Subjektivität. Zur Kritik an Gadamers Ontologie des Spiels vgl. u.a.Google Scholar
  23. 110.
    Hans-Georg Pott, Die ästhetische Freiheit, München 1980, 98ff.Google Scholar
  24. 111.
    Kant ist im Opus postumum dem mit der Kritik der Urteilskraft aufgeworfenen Problem einer Erscheinung der Erscheinung, die reine Selbstaffektion ist, weiter nachgegangen. Im Opus postumum finden sich zu dieser Problematik spektakuläre, die Aussagedimensionen seiner kritischen Transzendentalphilosophie strenggenommen sprengende Bemerkungen. Es ist dort das seiner Definition nach völlig unerkennbare Ding-ansich, in welchem, jeder möglichen Erfahrung vorhergehend, die Selbstaffektion begründet ist: “Das Ding an sich (ens per se) ist nicht ein Anderes Object[,] sondern eine andere Beziehung (respectus) der Vorstellung auf dasselbe Object[,] dieses sich nicht analytisch[,] sondern synthetisch zu denken als den Inbegriff (complexus) der Anschauungs/Vorstellungen als Erscheinungen[,] d.i. als solcher Vorstellungen[,] welche einen blos subjectiven Bestimmungsgrund der Vorstellungen in der Einheit der Anschauung enthalten. Es ist ens rationis = χ der Position seiner Selbst nach dem Prinzip der Identität[,] wobey das Subjekt als sich selbst afficirend[,] mithin der Form nach nur als Erscheinung gedacht wird” (Kant, Opus postumum [Anm. 41], XXII, 26f. — Zeichensetzung angeglichen). Aspekte zu einer möglichen Theorie des Standpunktproblems der Kritik finden sich bei Alfred Baeumler (Alfred Baeumler, Das Irrationalitätsproblem in der Ästhetik und Logik des 18. Jahrhunderts, Darmstadt 1981, 279ff.), etwa in dem Gedanken, daß Kritik eine Position markiert, die — ohne begrifflich festgelegt zu sein — allen Urteilenden als geistiges Gefühl (moral sentiment) präsent ist. “Alle Kritik beruht auf der Möglichkeit, einen Standpunkt einzunehmen, der allen Urteilenden gemeinsam werden kann, ohne doch begrifflich festgelegt zu sein. Das Unbegreifliche drückt Kant durch das Wort sentiment aus. Das sentiment ist das individuelle Gefühl, welches das Allgemeine zu treffen weiß, ohne nach allgemeinen Gesetzen zu handeln” (281).Google Scholar
  25. 121.
    Odo Marquard bezeichnet deshalb zurecht in der Konsequenz dieses Gedankens Kants Theorie des Erhabenen als eine “Ästhetik des Scheiterns der Ästhetik”, da die negative Darstellung des Übersinnlichen doch wiederum nur die Realität des Vernunftbegriffs zu denken nötigt und somit die Kunst zu nicht mehr als einem Symbol der sittlichen Idee begreifen kann (Odo Marquard, “Kant und die Wende zur Ästhetik”, ZfphF 16 [1962], 363–374, hier: 369).Google Scholar
  26. 123.
    Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, Tübingen 1986, 5. Aufl., 145ff.Google Scholar
  27. 127.
    Martin Heidegger, Kant und das Problem der Metaphysik, 4. Aufl., Frankfurt a.M. 1977, 131.Google Scholar
  28. 128.
    Kant selbst hat die “für die überlieferte Auffassung der Einbildungskraft… ganz und gar ungewöhnliche” (Walter Biemel, Die Bedeutung von Kants Begründung der Ästhetik für die Philosophie der Kunst, Köln 1959, 93) Deutung der transzendentalen Einheit der Synthesis der Einbildungskraft als einer letztbegründenden Einheit in der A-Auflage der Kritik der reinen Vernunft als ein Ergebnis bezeichnet, das “zwar befremdlich, allein aus dem bisherigen doch einleuchtend” KdrV A 123 ist. — In der B-Auflage bezeichnet Kant die ursprünglich gründende transzendentale Synthesis der Einbildungskraft nur noch als bloß formale oder figürliche Synthesis (B 151). Die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft wird damit zur Wirkung und Anwendung des Verstandes auf die Sinnlichkeit. Der Verstand benennt (B 154) von nun an die transzendentale Synthesis der Einbildungskraft, um sich als Vermögen, die Einheit des Mannigfaltigen in der Anschauung a priori bestimmen zu können, zu ermächtigen.Google Scholar
  29. 130.
    Heidegger (Anm. 127), 164. Die ursprüngliche Annahme dreier Erkenntnisquellen in der 2. Auflage auf zwei Erkenntnisquellen reduziert zu haben, deutet Heidegger als ein “Zurückweichen” Kants vor den Konsequenzen, die sich aus der Unvordenklichkeit einer bild- und regelgebenden transzendentalen Einbildungskraft ergeben hätten. Die 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft stellt den Versuch der “Rettung der reinen Vernunft” dar; in ihr hat Kant sich “für den reinen Verstand gegen die reine Einbildungskraft entschieden, um die Herrschaft der reinen Vernunft zu retten” (a.a.O.). Heidegger sieht hierin den Verlust der transzendentalen Funktion der Einbildungskraft, denn “die transzendentale Einbildungskraft ist in der zweiten Auflage nur dem Namen nach noch da” (158). Der abgebrochene Versuch, die transzendentale Einbildungskraft als Einheit einer doppelten Wirkungsweise von Sinnlichkeit und Verstand zu begründen, versucht Heidegger im Anschluß an Kant weiterzuführen. Für ihn sind die beiden Erkenntnisstämme auf ein ursprüngliches Vermögen der Einbildungskraft zu reduzieren, mit welchem die Zeit als “universale Form der menschlichen Subjektivität” und zugleich als die “universale Form der Transzendenz” (Rajender Kumar Gupta, “Eine Schwierigkeit in Kants ‘Kritik der reinen Vernunft’ und Heideggers Kant-Interpretation”, ZfphF 16 [1962], 429–450, hier: 449) gegeben ist. Die Zeit als transzendentale Einbildungskraft wird damit für Heidegger zur Grundlage aller synthetischen Sätze a priori. Sie ist “reine Selbstaffektion” (Heidegger [Anm. 127], 182). Vgl. ingesamtGoogle Scholar
  30. 130a.
    Bernd Küster, Transzendentale Einbildungskraft und ästhetische Phantasie. Zum Verhältnis von philosophischem Idealismus und Romantik, Königstein/Ts. 1979, 1–31. Zur Einschätzung der Wirkungsgeschichte dieser Deutung der Rolle der Einbildungskraft hat Heidegger in Kant und das Problem der Metaphysik vermerkt, daß “alle Umdeutungen der reinen Einbildungskraft in eine Funktion des reinen Denkens — eine Umbildung, die der ‘deutsche Idealismus’ im Anschluß an die zweite Auflage der Kritik der reinen Vernunft noch übersteigert — … ihr spezifisches Wesen ‘verkennt’” (Heidegger [Anm. 127], 191). Zur Sonderrolle Schillers vgl. Anm. 108.Google Scholar
  31. 131.
    Günther Buck hat in der Entfremdungskritik Schillers insbesondere eine Kritik an der Ethik Kants gesehen. “Kants praktische Philosophie zeigt… eben die Symptome, die Schiller an der Neuzeit als Symptome der Selbstentfremdung diagnostiziert Für Schiller wird zum ersten Mal ein Grundzug von Kants Ethik zum Anstoß, der sich als die Forderung der Reflexionsmoralität kritisieren läßt.” Die vermittelnde Instanz des Ästhetischen, die die Reflexionsmoralität überspringt, wird für Schiller zum Argument, um “den genetischen Aspekt der werdenden Moralität zu klären, der bei Kant stiefmütterlich behandelt erscheint”. “Die problemgeschichtliche Situation bietet diesen Weg der Ermöglichung von Praxis an: gegen Kants Moralitätsidee und ihre bildungstheoretische Konsequenz mit Hilfe von Kants Ästhetik!” (Günther Buck, Rückwege aus der Entfremdung, Paderborn 1984, 190f.).Google Scholar
  32. 135.
    Für Günther Freudenberg ist “die produktive Einbildungskraft als Erkenntnisvermögen, d.h. als Vermögen die Realität zu idealisieren,… begrenzt durch die rezeptive Urteilskraft und ihr Prinzip der subjektiven Urteilskraft…” (Freudenberg [Anm. 18], 80). Für Ernst Cassirer ist die ästhetische Einbildungskraft aus diesem Grunde sogar nur ein empirisches Vermögen des Verstandes. “Die wechselseitige Bestimmung dieser beiden Positionen [Einbildungskraft und Verstand] scheint somit keine wahrhaft neue Beziehung zu bilden, wie sie als Erklärungsgrund für das neue Problem, das hier vorliegt, zu fordern und zu erwarten wäre” (Ernst Cassirer, Kants Leben und Lehre, Berlin 1918, 336).Google Scholar
  33. 136.
    Vgl. hierzu die These von Hans Freier, Die Rückkehr der Götter. Von der ästhetischen Überschreitung der Wissensgrenze zur Mythologie der Moderne, Stuttgart 1976, 16.Google Scholar
  34. 145.
    Monika Tielkes hat in ihrer Dissertation die Einbildungskraft bei Shiller in Anschluß an Fichte als den “Grund der Möglichkeit unseres Bewußtseins” bezeichnet, “da sie durch ihr Schweben den Bestand der Gegensätze in einem einzigen Bewußtsein ermöglicht” (Monika Tielkes, Schillers transzendentale Ästhetik. Untersuchungen zu den Briefen “Über die ästhetische Erziehung des Menschen”, Diss., Köln 1973, 39).Google Scholar
  35. 156.
    Friedrich Schiller, Sämtliche Werke, hrsg. Conrad Höfer, Berlin 1826, XVIII, 157. Richard Alewyn hat die zu dieser Fluchtbewegung gegenläufige Bestrebung der Phantasie in der bekannten These ausgedrückt: Je angstärmer die Realität, um so angstbereiter die Phantasie. Ihr Pendant findet diese These m.E. in Schillers Bemerkung: “… denn solange die Not gebietet und das Bedürfnis drängt, ist die Einbildungskraft mit strengen Fesseln an das Wirkliche gebunden; erst wenn das Bedürfnis gestillt ist, entwickelt sie ihr ungebundenes Vermögen” (Schiller, XX, 399).Google Scholar
  36. 177.
    Ein Vergleich mit den Augustenburger-Briefen zeigt, wie Schiller die anfängliche Reflexion, “das erste liberale Verhältnis des Menschen zu dem Weltall, das ihn umgibt” (Schiller, XX, 394), als ästhetische Reflexion denkt. In ihr heißt es im Unterschied zur Endfassung: “Das Wohlgefallen der Betrachtung ist das erste liberale Verhältnis des Menschen gegen die ihn umgebende Natur” (vgl. Wolfhart Henckmann [Hrsg.], Friedrich Schiller, Über die ästhetische Erziehung des Menschen. Briefe an den Augustenburger, Ankündigung der “Hören” und letzte, verbesserte Fassung, München 1967, 43). Ebenso: Das “ästhetische Wohlgefallen entspringt aus der Form, die ich einem empfangenden Stoff erteile” (ebd., 44).Google Scholar
  37. 192.
    Wolfgang Janke hat in seiner Schiller-Arbeit (Wolfgang Janke, “‘Die Zeit in der Zeit aufheben’. Der transzendentale Weg in Schillers Philosophie der Schönheit”, Kantstudien 58 [1967], 433–458) die Antagonismus-Lehre Schillers als eine “säkularisierte Tragödien-Theorie” bezeichnet: “Aber vielleicht bietet Schillers Konstruktion eines Antagonismus der beiden menschlichen Grundtriebe nicht mehr und nicht weniger als das generelle Schema für die neuzeitliche Gestalt der Tragödie, welches die Vermessenheit des blind machenden Willens und eine Verwirrung menschlicher Sphären überhaupt anzeigt und sich nicht mehr (wie etwa das Tragödienschema der Aristotelischen Poetik…) an einer Unwissenheit [agnoia] orientiert, die letztlich in der Blindheit des geblendeten Wissens und in einer Vermessenheit angesichts der Kluft zwischen Sterblichen und Unsterblichen gründet. So wie Schillers Ästhetik… das Stadium einer säkularisierten, ganz in die Welt hineingenommenen Theologie ist, welche den Zwiespalt von Ideal und Wirklichkeit durch einen Entwurf von der Menschheit selbst aufzulösen sucht, so wäre Schillers Antagonismus-Lehre eine säkularisierte Tragödien-Theorie” (448f. Anm.). Vgl. dazu Schiller: “Gottlob, daß wir nicht berufen sind, das Menschengeschlecht über diese Frage zu beruhigen, und immer im Reich der Erscheinung bleiben dürfen. Übrigens sind diese dunklen Stellen in der Natur des Menschen für den Dichter und den tragischen insbesondere nicht leer, und noch weniger für den Redner, und in der Darstellung der Leidenschaften machen sie kein kleines Moment aus” (Schiller, Brief an Goethe vom 2. 8. 1799, in: Goethe, Briefwechsel mit Friedrich Schiller. Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche, hrsg. Ernst Beutler, 2. Aufl., Zürich 1964, 737).Google Scholar
  38. 193.
    Odo Marquards These von der Kunst als Antifiktion bezieht den Fiktionscharakter der Wirklichkeit (als Fiktur) bei der Bestimmmung eines spezifisch modernen Kunstbegriffs mit ein: “Die Kunst ist zwar nicht mehr ‘Nachahmung der Realität’…, sondern die Kunst ist wirklich Fiktion, aber auch die Wirklichkeit ist… Fiktion: Die Fiktur, die die — ästhetische — Kunst ist, ist nur die eminente Form der Fiktur, die die — moderne — Realität ist. Daraus folgt mancherlei… Wichtiges, insbesondere aber zwei Tatbestände: Der erste Tatbestand ist, daß die ästhetische Kunst ihre Fiktionalitätsdefinition repräsentativ durch Realitätskonformismus zu erfüllen trachten kann: als Gegenbesetzung gegen die Furcht vor der Un Verbindlichkeit (nur das Ästhetische zu sein) Der zweite — damit eng zusammenhängende Tatbestand ist, daß die ästhetischen Bestimmungen der Kunst — orientiert am Begriff des Fiktiven — die Kunst zunehmend unspezifisch bestimmen und sie dadurch — gegenüber der Realität — prinzipiell ersetzlich machen” (Odo Marquard, “Kunst als Antifiktion”, in: Dieter Henrich und Wolfgang Iser [Hrsg.], Funktionen des Fiktiven, Poetik und Hermeneutik X, München 1983, 35–55, hier: 51 f.). So sehr diese von Marquard bedachten Konsequenzen auch für die weitere Tradition wirksam geworden sind — insbesondere für die frühromantische Entgrenzung des ästhetischen Scheins, Schillers Modernität besteht doch gerade darin, den ästhetischen Schein aus Furcht vor der Unverbindlichkeit als einen aufrichtigen Schein bestimmt zu haben. Gerade die Wirklichkeit als Fiktur impliziert die Gefahr, mit (‘Vernunft rasend’ werden zu können: Sie bedarf des Korrektivs eines ästhetischen Scheins, der die ‘Markung in acht’ nimmt, die die Wirklichkeit ihm setzt.Google Scholar
  39. 195.
    Bernd Bräutigam hat in seiner Arbeit (Bernd Bräutigam, Leben wie im Roman. Untersuchungen zum ästhetischen Imperativ im Frühwerk Friedrich Schlegels, Paderborn 1986) die restriktive Formulierung des ästhetischen Imperativs bei Schiller als entscheidendes Differenzierungskriterium zum Projekt der Entgrenzung des ästhetischen Scheins in der Frühromantik herausgestellt. Für Schiller verkehrt “die Entgrenzung des ästhetischen Scheins… die notwendige Bedingung der Menschheit zur inhumanen Wirklichkeit” (9). Die Bildungsbedeutung des ästhetischen Scheins wird bei Schiller “wwr mit Bezug auf die Wandlungsfähigkeit des Menschen” angesprochen, “das Schöne also immer in seiner Ermöglichungsbedeutung für lebensweltliches Handeln” (18) begriffen.Google Scholar
  40. 208.
    Friedrich Schlegel, Ideen, Fragment Nr. 71, in: F. Seh., Kritische Ausgabe, hrsg. Ernst Behler, Hans Eichner, München, Paderborn, Wien 1967, 1, 263.Google Scholar
  41. 209.
    Friedrich Schlegel, Über die Unverständlichkeit, Kritische Ausgabe, hrsg. Ernst Behler, Hans Eichner, München, Paderborn, Wien 1967, II, 370.Google Scholar

Copyright information

© Metzler 1998

Authors and Affiliations

  • Hans Feger
    • 1
  1. 1.BerlinDeutschland

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