Advertisement

Forstwissenschaftliches Centralblatt

, Volume 101, Issue 1, pp 229–238 | Cite as

Die Sozialbindung des Eigentums nach der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts

  • E. Niebler
Article

Schlußfolgerungen und Zusammenfassung

Aus der umfangreichen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts lassen sich m. E.keine Fallgruppen zusammenstetlen, aus denen für jeden Fall die passende Lösung entnommen werden kann. Allenfalls kann man daraus gewisse weitgefaßte Regeln herleiten, so z. B. daß Maßnahmen des Naturschutzes regelmäßig nicht als enteignend zu werten sind”.

Versuche, darüber hinaus - z. B. für das Waldeigentum - einen exakten Fallkatalog aufzustellen, wann im Einzelfall noch - entschädigungsfreie - Inhaltsbestimmung gem. Art. 14 Abs. 1 GG i. V. m. der Sozialbindung nach Abs. 2 gegeben ist oder wann schon eine -entschiidigungspflichtige - Enteignung im Sinne von Art. 14 Abs. 3 GG vorliegt, halte ich for ein wenig fruchtbares Unterfangen. Denn die zahlreichen Gesichtspunkte, die bei der Beurteitung eine Rolle spielen, sind in den einzelnen Fällen doch verschieden. Und nur ihre sorgfältige Prüfung und Abwägung läß eine gerechte Würdigung des konkreten Faltes zu.

Deshalb möchte ich mich darauf beschränken, aus der umfangreichen - hier nur in wenigen Beispielen angeführten - Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerchts zu Art. 14 GG leitsatzartig folgende Ergebnisse herzuleiten:
  1. 1.

    Art. 14 GG schützt das Eigentum so, wie das bürgerliche Recht und die gesellschaftlichen Anschauungen es geformt haben.

     
  2. 2.

    Art. 14 Abs. 1 GG schüzt nur Rechtspositionen, die dem Einzelnen bereits zustehen, nicht etwa Chancen und Verdienstmöglichkeiten. Er schüzt auch nicht gegen die Auferlegung von Geldleistungspflichten, wie z. B. Steuern, solange der Pflichtige nicht übermäßig- etwa erdrosselnd - belastet wird.

     
  3. 3.

    Bei der Bestimmung von Inhalt und Schranken des Eigentums gem. Art. 14 Abs. 1 Satz 2 GG ist der Gesetzgeber nicht völlig frei.

     
  1. a.

    Er muß sich am Wohl der Allgemeinheit orientieren; dieses ist auch die Grenze für Beschränkungen des Eigentümers. Öffentlich-rechtliche Eigentumsbeschränkungen sind nur zulässig, wenn und soweit das öffentliche Interesse sie unter Berücksichtigung des Grundsatzes der Verhältnismäßigkeit rechtfertigt.

     
  2. b.

    Er rnulß die Wertentscheidung des Grundgesetzes zugunsten des Privateigentums ebenso beachten wie das Grundrecht der freien Entfaltung der Persönlichkeit, den Gleichheitssatz und das Prinzip der Rechts- und Sozialstaatlichkeit.

     
  3. 4.

    Die soziale Bindung des Eigentums im Sinne des Art. 14 Abs. 2 GG umschreibt die Pflichten und Beschränkungen des Eigentums. Diese bestimmt der Gesetzgeber im Rahmen des ihm nach Art. 14 Abs. i Satz 2 GG obliegenden Regelungsauftrages generell und abstrakt. Eine solche Befugnis steht weder der Gemeinde noch den staatlichen Behörden zu; Enteignung im Sinne des Art. 14 Abs. 3 GG ist der staatliche Zugriff auf das Eigentum des Einzelnen. Sic kann auf die vollständige oder teilweise Entziehung konkreter Rechtspositionen gerichtet sein, die durch Art. 14 Abs. 1 Satz I GG gewährleistet sind. So ist z. B. die Betastung eines fremden Grundstücks mit einer Dienstbarkeit im Umfang dieses Rechts Entziehung oder Beschränkung von Eigentümerbefugnissen und damit Enteignung.

     
  4. 5.

    Eine Enteignung kann nut unter den Voraussetzungen des Art. 14 Abs. 3 GG vorgenommen werden. Wenn der Zugriff auf das Eigentum zulässig ist, dann ist die Entschäidigungspflicht eine selbstversfiindtiche Folge. Die Bestandsgarantie des Art. 14 Abs. 1 Satz 1 GG wandelt sich bei zutiissiger Enteignung in eine Eigentumswertgarantie. Eine den verfassungsrechtlichen Zulässigkeitsvoraussetzungen nicht entsprechende Enteignung wird jedoch nicht dadurch rechtmäßig, daß ein finanzieller Ausgleich für den Vermögensverlust geleistet wird.

     

The social obligation of private property according to the legal decisions of the Federal (German) Constitutional Court

Summary

The numerous decisions of the Federal Constitutional Court cannot, in my opionion, be grouped for the purpose of finding suitable solutions for specific cases. At the most, certain broad rules may be derived, e. g. stating that „nature conservation measures normally cannot be considered as being equivalent to expropriation lr".

It makes little sense, I think, to attempt going beyond that, i. e. to try to put together an exact catalogue of law cases concerning woodland property which for example will show if a specific case is either still falling under the social obligation and not being subject to compensation (Article 14.1 in connection with 14.2 of the Basic Law - GG), or one of expropriation requiring compensation (Article 14.3 GG). The numerous factors which play a role in sizing up the situation are different with each individual case; and only careful examination and weighing of the facts makes a just valuation of a specific case possible.

Therefore, I would like to restrict myself to deduce from the numerous Court decisions to Article 14 GG - a few have been mentioned - some results and to present these in the form of guiding principles:

Article 14.1 GG protects only legal positions of the individual that are already his by right, not possible chances or potential earnings. It also does not protect against financial obligations, e. g. taxes, as long as the person subject to such is not excessively burdened.

The lawmaker is not entirely free to determine contents and limits of private property according to Article 14.1.2 GG.
  1. 1.

    Article 14 GG protects private property as it has been defined in the civil code and by society.

     
  1. 3

    The well-being of the general pub.lic determines the limit for restrictions imposed on the property owner. Restrictions on the property through public law are only permitted if justified from the angle of public interest, all circumstances taken into consideration.

     
  2. b.

    The decision of the Basic Law in favor of private property has to be taken into consideration, as well as the fundamental right for free development of personality, the principle of equality, and that of the form of government chosen under the Basic Law.

     
  3. 4.

    Social obligation of private property as interpreted by Article 14.2 GG paraphrases duties of and restrictions on such property. These are determined in general and abstractly by the lawmaker within the scope of his mandate according to Article 14.1.2 GG. Neither local nor state governments have such an authority. Expropriation in the sense of Article 14._3. GG is the state's grip on individual private property. It may be directed towards complete or partial withdrawal of tangible legal positions which are guaranteed by Article 14.1.1. GG. Under this law, for example, placing an encumbrance on a piece of land owned by a third person means taking away or restricting the owner's rights, and thus expropriation.

     
  4. 5.

    Expropriation is only possible under the postulate of Article 14.3 GG. If such is permissible, compensation becomes a matter of course. Guarantee of continuance according to Article 14.1.1 GG then without saying becomes a property value guarantee. An expropriation not in accordance with the postulate of the constitutional law, however, does not become legal through financial compensation for property losses.

     

Preview

Unable to display preview. Download preview PDF.

Unable to display preview. Download preview PDF.

Literatur

  1. Vergleiche zu Art. 14 GG die Kommentare:Google Scholar
  2. Kimminich, O., 1976: Eigentum, Enteignung, Entschädigung. Eine Kommentierung des Art. 14 GG (Sonderausgabe aus dem Bonner Kommentar). Hamburg: Hansischer Gildenverlag.Google Scholar
  3. Leibholz, G.;Rinck, H. J., ab 1979: Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Kommentar an Hand der Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts, 6. Aufl., Köln: Schmidt.Google Scholar
  4. Mangoldt, H. v.,Klein, F., 1974: Das Bonner Grundgesetz. 2. Aufl., München: Vahlen.Google Scholar
  5. Maunz, T.;Dürig, G.;Herzog, R.;Scholz, F., ab 1968: Grundgesetz, Kommentar. München: Beck.Google Scholar
  6. Münch, I. v., 1981: Grundgesetz-Kommentar. Bd. 1., 2. Aufl., München: Beck.Google Scholar
  7. Schmidt-Bleibtreu, B.;Klein, F., 1980: Kommentar zum Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. 5. Aufl., Neuwied: Luchterhand.Google Scholar
  8. Weber, W., 1954: Eigentum und Enteignung. In:Bettermann/Neumann/Nipperdey, Die Grundrechte, Handbuch der Theorie und Praxis der Grundrechte. 2. Bd., S. 331–400, Berlin: Duncker und Humblot.Google Scholar

Sowie die Abhandlungen

  1. Badura, P., 1976: Grenzen der Sozialpflichtigkeit des Waldeigentums. Der Forst- und Holzwirt. S. 237.Google Scholar
  2. Kroth, W., 1975: Freiheit und Bindung des privaten Waldbesitzes. Der Forst- und Holzwirt. S. 453.Google Scholar
  3. Leisner, W., 1977: Eigentum als Schranke der Waldgesetzgebung. Allgemeine Forstzeitschrift. S. 63.Google Scholar
  4. Niesslein, E., 1980: Waldeigentum und Gesellschaft. Eine Studie zur Sozialbindung des Eigentums. Hamburg und Berlin: Paul Parey.Google Scholar
  5. Speidel, G., 1976: Wirtschaftliche Grenzen der Sozialpflichtigkeit des Waldeigentums. Der Forst- und Holzwirt. S. 429.Google Scholar
  6. Weyreuther, F., 1980: Zum Grundrechtschutz des Waldeigentums. Natur + Recht. 2,137.Google Scholar

Statt einzelner Entscheidungen siehe

  1. Kröhner, H., 1969: Die Eigentumsgarantie in der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofes, 2. Aufl.Google Scholar
  2. Krohn, G., 1980: Enteignung und Enteignungsentschädigung_— unter besonderer Berücksichtigung der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs.Google Scholar
  3. Buchholz, K., ab 1975: Sammel- und Nachschlagewerk der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts, Loseblattwerk Folge 3, Köln und Berlin: Heymann. Amtliche Sammlung der Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes. Bd. 24, S. 367, Tübingen:Mohr, J.C.B., (Bezug auf Seite 389).Google Scholar

Copyright information

© Verlag Paul Parey 1982

Authors and Affiliations

  • E. Niebler
    • 1
  1. 1.Bundesverfassungsrichter für RechtskundeMünchen 60

Personalised recommendations