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Zeitschrift für Ethik und Moralphilosophie

, Volume 1, Issue 2, pp 199–200 | Cite as

Editorial

  • A. Bagattini
  • K. Beier
  • D. Borchers
  • M. HähnelEmail author
  • S. Muders
  • M. Rüther
Editorial
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1958, also vor nunmehr 60 Jahren, erschien in der Zeitschrift Philosophy G.E.M. Anscombes Aufsatz „Modern Moral Philosophy“. Ihr vernichtendes Urteil über den Zustand der damaligen Moralphilosophie und insbesondere über die englischen Moralphilosophen seit Henry Sidgwick hat gewiss nicht jeden überzeugt. Mit ihren pointierten Thesen hat Anscombe jedoch einige wichtige Wendungen im philosophischen Nachdenken über moralische und ethische Fragen bewirkt. Dazu gehört etwa die Neubelebung der Tugendethik des Aristoteles oder die Herausbildung einer ausdifferenzierten Handlungstheorie und Moralpsychologie. Inspiriert von Anscombes Werk greift Roger Teichmann (Oxford) in seinem Fachaufsatz einige Überlegungen aus „Modern Moral Philosophy“ auf und denkt sie weiter. Zentral ist für ihn die Frage, wie wir Anscombes Beschreibung der Tugend der Gerechtigkeit oder einer gerechten Person verstehen sollen. Was bedeutet es, dass eine gerechte Person die Absicht hat, nicht ungerecht zu handeln, und dass sie ungerechte Handlungen aus ihren praktischen Überlegungen ausschließt? Und was genau sind eigentlich intrinsisch ungerechte Handlungen? Der Fachaufsatz von Christian Nikolaus Braun (Durham) greift das Thema der Gerechtigkeit im Kontext der klassischen Diskussion um einen gerechten Krieg auf. Im Fokus seiner Überlegungen steht das Kriterium der ‚auctoritas principis‘, d. h. der legitimen Autorität, der das Recht zukommt, einen Krieg zu beginnen. Steht dieses Recht allein den legitimen Vertretern eines Staates oder Gemeinwesens zu, wie Thomas von Aquin behauptet? Oder kann jedes Individuum von diesem Recht Gebrauch machen, wofür heutzutage Vertreter des Kosmopolitismus argumentieren? Im dritten Fachaufsatz wirft Peter Wiersbinski (Regensburg) einen kritischen Blick auf den aktuellen Stand in der Diskussion um den moralischen Relativismus. Aus einem Zweifel an der Erklärungskraft des Wahrheitsrelativismus und des indexikalischen Relativismus heraus entwickelt er den Vorschlag, das Negationsverhältnis in irrtumsfreien Entgegensetzungen als Korrelat eines interpersonalen moralischen Dilemmas zu verstehen.

Die Essays dieser Ausgabe beschäftigen sich mit metaethischen Fragestellungen, die durchaus auch schon in Anscombes Aufsatz anklingen. Bert Heinrichs (Bonn und Jülich) stellt eine hybride Theorie ethischer Rechtfertigung vor, für die die realistisch gedeutete Ethik Kants ebenso relevant ist wie konstruktivistische Elemente, die Heinrichs in einer „ethics of person“ miteinander verknüpft. Und Ursula Wolf (Mannheim) fragt, wie sich der Standpunkt der universellen Moral begründen lässt. Wer ist alles moralisch zu berücksichtigen? Wer ist alles zu dieser Rücksicht verpflichtet? Und wie verhalten sich moralische Objekte und Subjekte zueinander?

Im Mittelpunkt der Diskussion steht Anscombes Lehrer Ludwig Wittgenstein und die Frage, welche Ethik sich aus seinen Schriften herauslesen lässt. Martin Stokhof (Amsterdam und Peking) und Bastian Reichardt (Bonn) finden die ethischen Aspekte an unterschiedlichen Stellen; der eine in Wittgensteins kontext-sensitivem Zugang zu ethischen Werten, der andere in Wittgensteins Kritik von Lebensformen.

Den ersten Forschungsbericht für die ZEMO haben Jan-Hendrik Heinrichs und Mandy Stake (Jülich/Bonn) geschrieben. In insgesamt drei Teilen, verteilt über dieses und die folgenden beiden Hefte, werden sie die moralphilosophische Debatte zum „Cognitive Enhancement“ vorstellen. Der hier publizierte erste Teil beschäftigt sich zunächst mit den konsequenzialistischen Argumenten. Die beiden folgenden Teile, die zusammen mit Markus Rüther erstellt werden, nehmen die deontologischen bzw. tugendethischen Argumente in den Blick.

Die ZEMO ist 2018 als fachwissenschaftliche peer-review-Zeitschrift gestartet. Um den wissenschaftlichen Standard unserer Fachaufsätze zu sichern, sind wir auf das Engagement der externen Gutachterinnen und Gutachter angewiesen. Wir möchten uns an dieser Stelle bei allen ganz herzlich bedanken, die mit ihren Gutachten die Arbeit der ZEMO im Jahr 2018 unterstützt haben. Wir danken außerdem den Herausgebern der Zeitschrift für praktische Philosophie, Martina Schmidhuber, Gottfried Schweiger und Michael Zichy, für die Unterstützung, die sie der ZEMO im ersten Jahr ihres Bestehens haben zukommen lassen.

Und nun viel Freude bei der Lektüre!

Das ZEMO-Herausgeberteam

Copyright information

© Springer-Verlag GmbH Deutschland, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • A. Bagattini
    • 1
  • K. Beier
    • 2
  • D. Borchers
    • 3
  • M. Hähnel
    • 4
    Email author
  • S. Muders
    • 5
  • M. Rüther
    • 6
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  2. 2.ErfurtDeutschland
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  6. 6.JülichDeutschland

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