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Orthopädie und Unfallchirurgie

, Volume 9, Issue 1, pp 44–44 | Cite as

Arbeitsgemeinschaft Sozialmedizin und Begutachtungsfragen

„Eckwertetabelle“ zur Einschätzung der MdE

  • Marcus Schiltenwolf
Aus den Verbänden DGOU

Auf der 94. Tagung der Arbeitsgemeinschaft (AG) Sozialmedizin und Begutachtungsfragen, die inzwischen mit der Kommission Gutachten der DGU zur „Sektion Begutachtung der DGOU“ fusioniert ist, ging es am 25. Oktober 2018 um die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) in der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV). Der Referatsleiter der MdE-Expertengruppen, Dirk Scholtysik aus Berlin, berichtete, dass die DGUV eine unabhängige, neutrale und ehrenamtlich tätige, multiprofessionelle „MdE-Expertengruppe“ einberufen habe.

Bisher ist es so, dass die maßgeblichen arbeitswissenschaftlichen Institute der Bundesrepublik keine Zahlen liefern können, wie viele Versicherte es gibt, die zum Beispiel durch den Verlust eines Beines in Kniehöhe und mit bestmöglicher prothetischer Versorgung in ihrer Erwerbsfähigkeit gemindert sind. Dadurch kann die Rechtsnorm „der verminderten Arbeitsmöglichkeiten auf dem gesamten Gebiet des Erwerbslebens“ (§ 56 SGB VII) nicht realistisch abgebildet werden. Nun sollen die gemeinsam erarbeiteten Grundsätze verdeutlichen, auf welchen Grundlagen die MdE-Einschätzungen (MdE-Eckwerte) beruhen. Die Ergebnisse der MdE-Expertengruppe wurden beziehungsweise werden ausführlich auf verschiedenen Tagungen vorgestellt und zusammen mit den Sozialpartnern, den medizinischen Fachgesellschaften und Berufsverbänden, der Sozialgerichtsbarkeit sowie Betroffenenverbänden diskutiert. Die UV-Träger wollen sich zudem intern auf ein einheitliches Vorgehen bei der Umsetzung der neuen MdE-Eckwerte verständigen, sobald der (1.) Konsentierungsprozess abgeschlossen ist und die Ergebnisse Eingang in die Literatur gefunden haben.

© momius / Adobe Stock

Vereinheitlichte Eckwertetabelle

Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf, Heidelberg, stellte die bisherigen Ergebnisse der MdE-Expertengruppe vor: Funktionelle Einschränkungen und deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden so beschrieben, dass Klassen vergleichbarer Beeinträchtigung gebildet werden. Die Eckwerte bemessen idealtypische Gliedmaßenverluste mit bestmöglicher Versorgung nach den Kriterien des biopsychosozialen Modells, der International Classification of Functioning (ICF), abgeglichen mit den Leistungsanforderungen des gesamten Erwerbslebens, unabhängig von Alter und Berufsgruppen. Daraus resultiert die jetzt vorgeschlagene Eckwertetabelle:
  • Die MdE steigt grundsätzlich kontinuierlich mit der Amputationshöhe an.

  • Verluste der oberen Extremitäten werden höher bewertet als die der unteren.

  • Es werden nur MdE-Zehnerwerte zwischen 10 % und 100 % kategorisiert.

  • Die Funktionsfähigkeit bei definiertem Schaden berücksichtigt auch die Hilfsmittelversorgung.

Bestmögliche Versorgung meint das regelhaft bei dem überwiegenden Anteil der Patienten erreichbare Therapieergebnis auf Grundlage leitliniengerechter Therapie. Beeinträchtigungen des äußeren Erscheinungsbildes sowie der körperlichen Integrität und der interpersonellen Interaktion können nur teilweise ausgeglichen werden. Sie werden als immaterieller Schadensanteil mitbewertet, wie auch die Fehlwahrnehmung (Phantomgefühl) und Schmerzen.

Rechtssicherheit für Betroffene

Wolfgang Spellbrink, Vorsitzender Richter des 2. Senats am Bundessozialgericht in Kassel, führte aus, dass die Ermittlung der „Minderung der Erwerbsfähigkeit“ mittels MdE-Tabellen nach §?56 Abs. 2 SGB VII aufgrund ihrer praktischen Relevanz nicht als generell rechtsstaatswidrig zu verwerfen ist. MdE-Tabellen haben sich in der Rechtswirklichkeit durchgesetzt. Sie dienen der Gleichbehandlung der Betroffenen und damit der Rechtssicherheit. Sie führen zu Arbeitserleichterung und haben sich damit als materielle Rechtsnormen etabliert, verfügen aber über keine ausreichende formelle Legitimation, denn sie werden nicht von demokratisch legitimierten Gremien erstellt (siehe auch Spellbrink W. Rechtsprobleme bei der Verwendung von MdE-Tabellen. MedSach 2018; 114(6)228–34).

Prof. Dr. Marcus Schiltenwolf

© M. Schiltenwolf

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Marcus Schiltenwolf
    • 1
  1. 1.HeidelbergDeutschland

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