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Orthopädie und Unfallchirurgie

, Volume 9, Issue 1, pp 3–3 | Cite as

Trotzdem: Mut zur Zukunft

  • Springer Medizin
Editorial

„Das ärztliche-pflegerische Berufsethos des ‚Kümmerns‘ hat gegenüber dem abrechnungstechnisch Relevanten massiv an Bedeutung verloren.“

Prof. Dr. Karsten E. Dreinhöfer Vizepräsident BVOU

© K. Dreinhöfer / BVOU

Das Jahr 2019 — ein Jahr der Entscheidungen für Deutschland, ein Schicksalsjahr für die EU. So lauteten die Überschriften zur Jahreswende. Der deutsche Astronaut Alexander Gerst sendete kurz vor Weihnachten eine Videobotschaft an die Generationen der Zukunft — aufgenommen 400 Kilometer über der Erdoberfläche: „Wenn ich so auf den Planeten runterschau, dann denke ich, dass ich mich bei euch wohl leider entschuldigen muss. Im Moment sieht es so aus, als ob wir, meine Generation, euch den Planeten nicht gerade im besten Zustand hinterlassen werden.“ Verschiedene ernst zu nehmende Kommentatoren sehen aktuell in der Gesellschaft und Politik regelrechte Phänomene einer Endzeit. Damit meinen sie zwar nicht den Weltuntergang, vermuten aber sicher geglaubte Überzeugungen und traditionelle Gewissheiten massiv infrage gestellt.

Die globalen Kräfteverhältnisse verschieben sich: Die USA wollen unter ihrem aktuellen Präsidenten nicht mehr länger „Weltpolizist“ sein, China versucht über die neue Seidenstraße seine Weltmacht zu etablieren. In Europa hat das Bekenntnis zur Gemeinschaft unter den Staaten an Entschlossenheit verloren. Staatsverschuldung sowie die Herausforderungen von Flucht und Migration wirken dabei als Katalysatoren. In Deutschland beobachten wir starke Veränderungen der gesellschaftlichen und politischen Kultur. Verschiedene Faktoren scheinen das zu unterstützen: die Anonymität sozialer Netzwerke, die einer Verrohung der Sprache Vorschub leistet, ein verstärkter Populismus und eine insgesamt stärkere Polarisierung der gesellschaftlichen Auseinandersetzung.

Auch in der Medizin ist der Ton zwischen Politik und Selbstverwaltung rauer geworden: die Auseinandersetzung bei der Einführung des Terminservicegesetzes ist ein Beispiel, der Versuch des Gesundheitsministers, durch eine Verordnungsermächtigung am G-BA vorbei neue Leistungen wie die Fettabsaugung als GKV-Leistung zu etablieren, ein weiteres. Insbesondere hat aber das ärztlich-pflegerische Berufsethos des „Kümmerns“ gegenüber dem abrechnungstechnisch Relevanten erheblich an Bedeutung verloren. Das führt im Arbeitsalltag des Arztes zum Konflikt zwischen Patientenwohl sowie ökonomischen Anforderungen und Rahmensetzungen, der sowohl das Wohl des Patienten als auch die ärztliche Profession gefährdet.

Um das schwindende Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient zu wenden, haben sich nun die internistischen Fachgesellschaften und Berufsverbände mit dem neuen Ärztekodex „Medizin vor Ökonomie“ an die Akteure und die Politik gewandt und breite Unterstützung unter anderem vom SPIFA erhalten. Rudolf Virchow postulierte bereits 1862: Die Freiheit ist nicht die Willkür, beliebig zu handeln, sondern die Fähigkeit, vernünftig zu handeln.

Astronaut Gerst betonte, er selbst werde versuchen, seinen Enkeln die beste Zukunft, die er sich vorstellen kann, zu ermöglichen. Dafür müsse sich aber „jeder von uns an die eigene Nase fassen.“ Das gilt sicherlich auch für alle Akteure im Gesundheitswesen — wir sollten versuchen, die Zukunft gemeinsam zu gestalten.

Prof. Dr. Karsten E. Dreinhöfer

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