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Einleitung: Zeit in Bewegung

Die Temporalität des Reisens, 1350–1650
  • Christian KieningEmail author
Einleitung
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Introduction: Time in Movement

The Temporality of Travel, 1350–1650

I.

Im 4. Buch der Aufzeichnung von Aristoteles’ Vorlesung über die Physik (219 b 1–2) findet sich die Bestimmung der Zeit als »die Zahl der Bewegung nach dem Früher oder Später« (in mittelalterlicher Übersetzung: »numerus motus secundum prius et posterius«) oder etwas modernisiert: »die Anzahl für die Bewegung hinsichtlich ihrer Phasenfolge«.1 Mit dieser Bestimmung versucht Aristoteles der anscheinend schon vor Sokrates intensiven Diskussion über das Wesen der Zeit und ihrer Beziehung zum Jetzt eine neue Perspektive zu eröffnen. Er setzt die Zeit nicht mit Bewegung und Veränderung gleich, definiert sie vielmehr als etwas an der Bewegung Befindliches, mit ihr reziprok Verbundenes, das einerseits Messbarkeit und Strukturierbarkeit, andererseits die Grenze zwischen Vergangenheit und Zukunft betrifft.

Auf diese Weise verlagert sich der Zeitbegriff aus der Metaphysik in die Physik. Aristoteles behandelt nicht den mythischen Ursprung der Zeit oder ihr Verhältnis zur Ewigkeit. Er zielt auf die kategoriale Bestimmung. Die Zeit mit der Zahl und der Bewegung zu verbinden erlaubt es, sie in den Bereich des Konkreten und Messbaren zu holen, ohne sie schlechterdings auf gemessene Zeit zu reduzieren. Zugleich bringt die Frage nach dem Jetzt Dimensionen der Gegenwärtigkeit und der Erfahrbarkeit ins Spiel. Zeit erscheint als etwas, das weder apriorisch existiert noch vom Bewusstsein konstruiert wird, sie ist zugleich ein Gefäß und ein in der Bewegung Impliziertes. Sie lässt sich in Intervalle und Einheiten gliedern und bleibt doch auf gewisse Weise immer sie selbst. Sie scheint zu vergehen, genau betrachtet ist es aber nur das Vergehen der Dinge, das sie sichtbar macht.

Die Frage, wie Zeit sich zeigt, hat weiterreichende Implikationen, von denen Aristoteles zwei en passant tangiert: einerseits die Existenzweise der Zeit, andererseits die Form ihrer Erfahrbarkeit. (1) Zu untersuchen sei die Beziehung der Zeit zur Seele (223 a 16), diese gilt als Bedingung der Möglichkeit des Zählens, was aber nicht die Zeit zu einem rein subjektiven Phänomen macht; vielmehr handelt es sich um eine epistemologische Koppelung, darin gegründet, dass die Zahl nicht nur ein Zählbares und Gezähltes voraussetzt, sondern auch einen, der zu zählen vermag. (2) Bezeichnet werde die Zeit als konstant oder flüchtig, langsam oder schnell, lang oder kurz, doch dies immer bezogen auf einen spezifischen Zusammenhang zwischen der Erfahrung und der Welt. »Wir sagen, der Weg sei lang, wenn die Reise lang dauert, und diese nennen wir lang, wenn der Weg lang ist. Und die Zeit, wenn die Bewegung, und die Bewegung, wenn die Zeit lang ist« (220 b 35–39 nach Gohlke). Auch in dieser Hinsicht scheint die Zeit beobachterunabhängig nicht gedacht werden zu können.

Die antiken und mittelalterlichen Aristoteleskommentatoren waren zunächst weniger am Moment der Erfahrung interessiert als an der Frage, ob der Zeit ein rein noetisches Sein zukomme. Durch die Idee der kosmischen Seele suchten sie diese Möglichkeit zu unterbinden. Sie umkreisten die Frage, »ob auch dann Zeit sei, wenn es kein Bewusstsein und keine Seele gäbe« (223 a 21), wobei sie die Möglichkeit, dass Dauer und Zeit »nichts in der Sache selbst, sondern nur im Erkennen« seien, nicht so apodiktisch verdammten wie der Bischof von Paris in seiner Verurteilung von 1277;2 stattdessen unternahmen sie philosophische Differenzierungen, die Aristoteles mit Augustinus in Bezug setzten, der seinerseits, von einem anderen Ausgangspunkt her, die (ausschließliche) Existenz der Zeit in der Seele behauptet hatte.3

Spätestens aber vom 14. Jahrhundert an gewinnt, durchaus unter Rückgriff auf Aristoteles, das Erfahrungsmoment an Bedeutung: in der franziskanischen Philosophie, die sich mit Dimensionen der Subjektivierung beschäftigt,4 ebenso wie bei den Pariser Naturphilosophen, bei denen »die alltägliche experientia [...] die Theorie leitet«.5 Bis in die philosophischen Handbücher und Enzyklopädien hinein ist diese Tendenz wirksam. Sie lassen nicht nur Pluralisierungen des Zeitbegriffs erkennen, sondern auch lebensweltliche Bezüge. In Girolamo Cardanos De subtilitate (Nürnberg 1550, Buch 18) erfolgt im Abschnitt über die Zeit der Ansatz bei einem Traum, in dem der Autor eine sechstägige Fußreise macht – beim Aufwachen stellt er fest, er hat kaum eine Stunde geschlafen. Die anschließende Reflexion verschiebt die aristotelische Definition der Zeit als Maß der Bewegung »in den subjektiven Bereich der Selbstwahrnehmung«; Cardano beschreibt die Zeit als »zugleich Urheber von Werden und Vergehen, Leben und Tod«, sie sei in der Erwartung lang, in der Erinnerung aber kurz, sie begleite stets den Menschen und sei doch nie zu erkennen.6

II.

Die veränderte Akzentsetzung innerhalb der Zeitphilosophie vollzieht sich parallel zu einer verstärkten Aufmerksamkeit für Zeitphänomene in verschiedenen Bereichen der mitteleuropäischen Gesellschaften. Das Messen der Zeit gewinnt seit dem 14. Jahrhundert an Bedeutung.7 In Chroniken, Reiseberichten und Selbstzeugnissen, aber auch in amtlichen Dokumenten spielen Zeitindikatoren eine wichtige Rolle.8 »Man gewinnt Spaß daran, wichtige Lebens- und Kulturäußerungen zu datieren. […] Ja, es kann vorkommen, daß das Datieren nicht nur der zeitlichen Fixierung eines Inhalts dient, sondern zum Selbstzweck wird, zu einer Art Ornament, dem der Inhalt fehlt«.9 Generell gilt: »Was geheiligte Tage und Zahlen an Gewicht einbüßten, gewannen vereinbarte Termine und Kalküle. Sie verkündeten nicht die Wirklichkeit Gottes, sondern Beziehungen zwischen Menschen.«10

Dementsprechend wird auch der zeitbezogene Wortschatz entschieden ausgebaut. Im Deutschen steigt die Zahl der Temporaladverbien stark an, über 400 lassen sich für die frühe Neuzeit nachweisen.11 Im Französischen gibt es »ein gewaltiges Anwachsen von temporalen Bestimmungen beim Verbum«;12 auch werden zahlreiche Wörter und Wendungen geläufig, die, teilweise aus dem Lateinischen übernommen, die Zeiteinteilung, den Zeitablauf und die Bewertung der Zeit betreffen: ›accélérer‹, ›annuité‹, ›antécédent‹, ›centenaire‹, ›décade‹, ›intervalle‹, ›lustre‹, ›période‹, ›posterité‹, ›temporiser‹, ›avoir temps‹, ›gagner temps‹, ›perdre temps‹;13 man situiert sich in Bezug auf die Zeit, die genauer eingeteilt wird, Fluss und Gang der Zeit, subjektive und zukunftsbezogene Dimension erhalten Bedeutung.14

Besonders deutlich treten Zeitdimensionen nun auch an dem hervor, an dem schon Aristoteles die konkrete Erfahrbarkeit der Koppelung von Zeit und Bewegung festgemacht hatte: Weg und Reise (220 b). Die Fortbewegung im Raum gehört zu jenen Phänomenen, die am intensivsten Zeit zum Vorschein bringen. In ihr können sich, wie Ernst Bloch festgestellt hat, der Raum verzeitlichen und die Zeit verräumlichen, »dann besonders, wenn die Schauplätze rasch aufeinander folgen. Die Reisezeit wird so gefüllt wie sonst nur der Raum, und der Raum wird das Medium der Veränderung wie sonst nur die Zeit. Es entsteht also eine Umkehrung der gewohnten Wahrnehmungsordnungen, es entsteht gefüllte Zeit im bewegt, verändert erscheinenden Raum.«15 Das gilt nicht nur für die utopische oder die eskapistische Reise, darauf gerichtet, dem Alltäglichen und Gewohnten zu entkommen, in fremde Wirklichkeiten und imaginäre Welten einzutauchen. Jede Art von Reise bringt, vor allem wo sie in die Ferne führt, sowohl veränderte Raum- als auch abweichende Zeitverhältnisse mit sich. Sonnenaufgang und -untergang hängen, in Uhrzeiten gemessen, vom jeweiligen geografischen Ort ab. Es variieren die Tagesrhythmen ebenso wie das Verhältnis von verdichteten und zerdehnten, erfüllten und leeren Zeiten.

Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit nimmt die Mobilität enorm zu: durch Migrationsbewegungen ebenso wie durch Nah- und Fernreisen. Zugleich bildet das schriftliche Festhalten von tatsächlichen, angeblichen oder vorgestellten Reisen eines der beliebtesten, vor allem volkssprachlich breit ausgebauten Genres der Zeit – bei dem wiederum zeitliche Markierungen zunehmend konstitutive Züge erhalten. Die Texte sind geprägt durch das Verhältnis zwischen (1) der kulturellen Zeitlichkeit, aus der das reisende Subjekt kommt, (2) den kulturellen Zeitlichkeiten, auf die es trifft, (3) der Eigenzeit der Bewegung von einem Ort zum anderen, und (4) der Eigenzeit des Textes, die ihrerseits durch Dehnungen und Streckungen, Analepsen und Prolepsen, ekphrastische und reflexive Momente gekennzeichnet sein kann. So wie diese Dimensionen grundsätzlich in Spannung zueinander treten können, können auch die in ihnen implizierten kulturellen Konzepte und Modelle des Zeitlichen ein kaum harmonisierbares Neben‑, In- und Gegeneinander bilden. Ja, wenn der Eindruck nicht täuscht, sind es gerade das 15. und das 16. Jahrhundert, in denen sich heilsgeschichtliche, soziale, technische und lebenszeitliche Aspekte als zunehmend eigendynamisch erweisen.16

III.

Die entstehenden Pluralisierungen17 lassen sich klar ermessen, geht man von jenem Typus aus, der zu den dominantesten des späten Mittelalters gehört und zugleich zu denen, die am stärksten mit temporalen Verschränkungen arbeiten: der Palästinareisebeschreibung. Bei ihr sind die verschiedenen kulturellen Zeitlichkeiten eindringlich verschränkt. Jerusalem und das Heilige Land sind von jenen vielschichtigen heils- und kirchengeschichtlichen Temporalitäten geprägt, die auch in der religiösen Zeitlichkeit in der ›Heimat‹ erfahren oder antizipiert werden können. Sie repräsentieren insofern keine anderen oder neuen Zeitordnungen, sondern bekannte, ja altehrwürdige – die Ursprünge der sonst (vermeintlich) nur abgeleitet oder vermittelt erfahrenen Ordnungen, in denen sich Transzendenz und Immanenz in unerhörter Weise durchdringen.18

Indem aber auch diese Ursprünge sich in der konkreten Situation der Begegnung sperren, wird das Verhältnis zwischen den fremden und den eigenen, den fernen und den nahen Zeitdimensionen doch zum Problem. Das eine lässt sich nicht ohne Weiteres auf das andere abbilden. Zwar kann der Pilgerreisende versuchen, in die sakrale Zeit der heilsgeschichtlichen Orte einzutauchen. Er muss aber feststellen, dass einerseits beständige Vermittlungen zwischen schon Gewusstem und aktuell Erlebtem nötig sind, andererseits immer neue Störungen auftreten können. Das eine manifestiert sich in Vergleichen zwischen Gegebenheiten vor Ort und solchen zuhause: auf Gebäude, Maße, Entfernungen bezogen.19 Das andere begegnet in den konkreten Umständen, unter denen die Fortbewegung stattfindet: Die Reise kann sich verzögern, Wartezeiten müssen gefüllt oder überbrückt werden, auf dem Weg lauern Gefahren, das Klima erfordert Anpassungen, fremde Mächte und Hindernisse tauchen auf, manche Orte erweisen sich als kaum zugänglich. Andere fallen so aus dem Raster heraus, dass die Beschreibung sie lieber übergeht: Bei dem Nürnberger Patrizier Hans Tucher (1479/80 im Heiligen Land) heißt es von Ägypten und Kairo, man habe, »jn der zeyt, als wir do lagen, vil vnd mangerley selczamkeyt erfahren, das jn teutschen landen vngeleuplichen were zu horen, darumb ich das das alles vermyden hab zuschreiben, auß vrsachen mich darzu bewegend«.20

Wenn Tucher andererseits die beschriebenen Ereignisse und Beobachtungen in einer genauen Zeitstruktur verortet, die selbst bei der Durchquerung der Wüste nicht verlorengeht, wird auch die dritte der oben angesprochenen Zeitdimensionen sichtbar: die Eigenzeit der Fortbewegung. Sie verknüpft nicht nur die beiden anderen, sie kann sich auch als solche in den Vordergrund schieben: In zahlreichen Berichten aus dem ausgehenden 15. und dem 16. Jahrhundert erhält die Zeit des Reisens, durch exakte Datierungen markiert, eine neue Prominenz. Zum Beispiel wird im Text des Aarauers Daniel Ecklin (1532–1564) die Verbindlichkeit einer heilszeitlichen Ordnung zwar nicht explizit infrage gestellt, sie wird aber auch nicht zum Gegenstand der Erfahrung. Es dominieren der biografische Zusammenhang und die pragmatische Perspektive: Sturm, Unwetter, Unbilden, Übelkeit. Der Karfreitag ist schlicht ein Tag im Kalender, an dem die Gefahr eines Angriffs durch Seepiraten abzuwenden ist, der Ostermontag ein Tag, an dem ein schrecklicher Sturm tobt, den man weniger durch Gottes Hilfe als aufgrund fehlender Ladung übersteht. Die irdische Zeit erscheint nicht mehr ›sub specie aeternitatis‹, sondern als ein knappes, kostbares Gut, mit dem hauszuhalten ist.21

IV.

Phänomene wie die gerade angedeuteten haben die Forschung lange wenig interessiert: Der ›spatial turn‹ einerseits, die scheinbar dominante Räumlichkeit von Reisetexten andererseits führten dazu, dass deren Zeitdimensionen kaum beachtet wurden – selbst die Tourismusforschung ist erst jüngst stärker auf die Temporalität des Reisens aufmerksam geworden.22 Die Aufsätze dieses Heftes nehmen diesbezüglich Probebohrungen an Texten vornehmlich des 15. und des 16. Jahrhunderts vor. Als Bezugspunkt dienen zunächst einmal die Palästinareiseberichte, doch dies im Hinblick weniger auf die durchschnittlichen Muster, die in diesem stark seriell geprägten Genre ubiquitär greifbar sind, als auf die individuellen Pointierungen, die sich zum Beispiel daraus ergeben, dass die Reise von vornherein im Bereich der Imagination angesiedelt, mit anderen Erfahrungsmöglichkeiten konfrontiert oder dezidiert in ihren literarischen oder medialen Möglichkeiten ausgelotet wird.

So ergeben sich in Petrarcas Reisebuch ins Heilige Land komplexe Überlagerungen zwischen den Orten der westitalienischen Küste, den Zeiten der Antike und den Eigenzeiten des Schreibenden, der sich dezidiert als Nichtreisender präsentiert (Stolz). Im Palästinabericht des Johannes Poloner wird eine innovative Gitternetzkarte beschrieben, die das zeitlich-räumliche Ensemble der Heiligen Orte in eine neue Wissensordnung überführt (Fischer). Am Book of Margery Kempe erweist sich ein Zurücktreten der mit dem Heiligen Land verbundenen Zeiterfahrungen hinter jene, die in der Vorstellung oder vor allem in der Begegnung mit dem Eucharistiesakrament gemacht werden (Klafter); für die Reiseerfahrung selbst bekommt das Moment der Verspätung Bedeutung, das die Haltung der gottsuchenden Mystikerin überhaupt und ihr Verhältnis zur literarischen Tradition zu kennzeichnen scheint (Fuhrmann).

Ähnlich wie Petrarca konzentrieren sich auch andere Autoren auf die Beschreibung einer Reise im Geiste. Felix Fabri entwirft in seinen Sionpilgern, einem Leitfaden für ›imaginäre‹ Pilgerfahrten, ein dichtes Netzwerk von Raum und Zeit, das dazu beitragen soll, eine lokale religiöse Reformlandschaft zu schaffen, die mit Jerusalem und den Ereignissen der heiligen Geschichte verbunden ist (Beebe). Deuten sich so schon an den Palästinareiseberichten reichhaltigere Möglichkeiten temporaler Komplexität an, als gewöhnlich angenommen, so gilt dies nicht weniger für Texte, die andere Modalitäten oder andere Räume ins Zentrum stellen. Der Humanist Konrad Celtis spielt in seiner Lyrik mit der Spannung zwischen der Setzung und der Aufhebung des Zeitlichen; zeitliche Markierungen treffen auf die Tendenz zur Monumentalisierung der Dichterpersona; zugleich verbinden sie sich mit raffiniert eingesetzten geografisch-räumlichen Strukturen, die ihrerseits die Potenz der lyrischen Unternehmungen herausstellen (Grütter). Ein anderer Humanist, Johannes Eck, greift die alte Metapher des Lebens als einer Pilgerfahrt auf und führt sie in der Vorstellung einer geistigen Schifffahrt ins himmlische Jerusalem weiter, wobei er die Perspektive auf die begrenzte menschliche Lebenszeit mit jener auf die Ewigkeit verschränkt und durch verschiedene mediale Formate seinerseits temporal unterschiedliche Erfahrungsmöglichkeiten anbietet (Frick).

Eine eigene Komplexität gewinnt der Zusammenhang zwischen Zeit und Bewegung in Bezug auf die überseeischen neuen Welten. Wird einerseits die Neuheit des Entdeckten hervorgehoben, so andererseits dieses in die bekannten Wissensordnungen eingestellt, die nun aber ihrerseits darauf gerichtet sind, systematisch Neues hervorzubringen: An Texten von Kolumbus, Morus und Megiser ist eine bis zu den neulateinischen Epen und den späteren geografischen Journalen reichende Tendenz zu beobachten, die Kategorie des Entdeckens als eine Figur paradoxer temporaler Verheißung zu benutzen – im Hinblick auf die aus dem vorhandenen Wissen gespeiste zu erwartende Emergenz eines neuen, auf die Zukunft gerichteten Wissens (Kiening). Die hier aufscheinende Zeitdimension lässt sich kaum mehr an einer linear gedachten Bewegung ermessen, und es ist kein Zufall, dass die letztgenannten Beispiele schon in eine Ära führen, in der die aristotelische Koppelung von Zeit und Bewegung zwar nach wie vor Bezugspunkt bleibt, aber ihre diskursive Dominanz verliert: Philosophisch erprobt man eine Aufhebung der Differenz von Zeit und Ewigkeit und konzipiert Zeit und Raum als gleichrangige ontologische Größen (Gassendi),23 naturwissenschaftlich werden eine absolute und eine relative, eine wahre und eine scheinbare, eine mathematische und eine empirische Zeit unterschieden (Newton),24 technisch ergeben sich durch die Entwicklung neuer Typen von Präzisionsuhren neue Möglichkeiten der temporalen Synchronisierung (Huygens).25

Deren alltagspraktische Konsequenzen für den sich fortbewegenden Menschen sind in singulärer Weise zu erkennen am Beispiel von Samuel Pepys, Staatssekretär im englischen Marineamt und Präsident der Royal Society.26 In seinem seit 1660 geführten Tagebuch, in dem er alle Arten von Aktivitäten festhält, erwähnt er, wie er am 13. Mai 1665 seine neue Taschenuhr vom Uhrmacher abholt, eine Minutenuhr, kostbar und fein gearbeitet. Den ganzen Nachmittag mit der Kutsche durch London unterwegs, kann er es nicht lassen, immer wieder darauf zu schauen. Unvorstellbar ist ihm, wie er jemals ohne sie sein konnte. Und doch muss er sich eingestehen: Nicht immer erfüllt sich die mit den Uhren verbundene Verheißung. Eine frühere war, anfällig wohl für Ungenauigkeiten und Defekte, ein rechtes Ärgernis.27 Auch die neue muss schon nach wenigen Monaten zur Reparatur. Unter dem Datum vom 13. September kann Pepys befriedigt das Resultat eines Tests mitteilen: Von Woolwich nach Greenwich gehend habe er alle Viertelstunden die Zeit auf seiner Uhr kontrolliert und festgestellt, dass er die jeweiligen Stationen mit einer Differenz von höchstens zwei Minuten erreichte.28 Auch hier wird die Bewegung zum Modus der Zeiterfahrung, doch diese Erfahrung bezieht sich nicht auf erfüllte oder leere Momente, besondere oder andersartige Zeitdimensionen, sie gilt der prinzipiell ortsunabhängigen Einförmigkeit und Allgemeingültigkeit der Zeit. Die gleichmäßige Geschwindigkeit des Gehenden wird zum Maßstab für das Funktionieren der von ihm ständig mitgeführten Uhr.

Fußnoten

  1. 1.

    Aristoteles, Physikalische Vorlesung [übers. von Paul Gohlke], Paderborn 1958, 21975, 148; Aristoteles, Werke, Bd. 11: Physikvorlesung, übers. von Hans Wagner, Berlin 1967, 113.

  2. 2.

    Aufklärung im Mittelalter? Die Verurteilung von 1277. Das Dokument des Bischofs von Paris, übersetzt und erklärt von Kurt Flasch, Mainz 1989, 246 (Nr. 200).

  3. 3.

    Udo Reinhold Jeck, Aristoteles contra Augustinum. Zur Frage nach dem Verhältnis von Zeit und Seele bei den antiken Aristoteleskommentatoren, im arabischen Aristotelismus und im 13. Jahrhundert, Amsterdam, Philadelphia 1993.

  4. 4.

    Anneliese Maier, »Die Subjektivierung der Zeit in der scholastischen Philosophie«, Philosophia naturalis 1 (1950), 361–398; siehe auch Dominik Perler, Prädestination, Zeit und Kontingenz. Philosophisch-historische Untersuchungen zu Wilhelm von Ockhams Tractatus de praedestinatione et de praescientia Dei respectu futurorum contingentium, Amsterdam 1988.

  5. 5.

    Jürgen Sarnowsky, »Zur Messung von Zeit und Bewegung: Einige spätscholastische Kommentare zum Ende des vierten Buches der aristotelischen Physik«, in: Albert Zimmermann (Hrsg.), Mensura. Maß, Zahl, Zahlensymbolik im Mittelalter, Bd. 2, Berlin, New York 1984, 153–161, hier: 161.

  6. 6.

    Eckhard Kessler, »Zeitverständnisse in der Philosophie der Renaissance«, in: Arndt Brendecke, Ralf-Peter Fuchs, Edith Koller (Hrsg.), Die Autorität der Zeit in der Frühen Neuzeit, Berlin 2007, 23–45, hier: 31–33, 42 f. (Text).

  7. 7.

    Gerhard Dohrn-van Rossum, Die Geschichte der Stunde. Uhren und moderne Zeitordnungen, München, Wien 1992.

  8. 8.

    Pascale Sutter, »Von der kirchlichen zur städtischen Zeit? Zeitbewusstsein und Zeitwahrnehmung im spätmittelalterlichen Zürich«, Zeitschrift der Schweizerischen Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialgeschichte 17 (2001), 171–187.

  9. 9.

    Richard Glasser, Studien zur Geschichte des französischen Zeitbegriffs. Eine Orientierung, München 1936, 65 f.

  10. 10.

    Arno Borst, Computus. Zeit und Zahl in der Geschichte Europas, Berlin 1990, 62.

  11. 11.

    Józef Wiktorowicz, Die Temporaladverbien im Frühneuhochdeutschen. Tl. 1 (1350–1500), Warschau 2001; Tl. 2 (1500–1700), Tübingen 2008.

  12. 12.

    Glasser (Anm. 9), 67.

  13. 13.

    Ebd., 69 f.

  14. 14.

    Ebd., bes. 65–176.

  15. 15.

    Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1, Frankfurt a. M. 1959, 431.

  16. 16.

    Vgl. Christian Kiening, »Hybride Zeiten. Temporale Dynamiken 1400–1600«, Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 140 (2018), 194–231.

  17. 17.

    Vgl. Brendecke, Fuchs, Koller (Anm. 6).

  18. 18.

    Vgl. Christian Kiening, »Prozessionalität der Passion«, in: Katja Gvodzdeva, Werner Röcke, Hans-Rudolf Velten (Hrsg.), Medialität der Prozession, Heidelberg 2010, 177–197.

  19. 19.

    Arnold Esch, »Anschauung und Begriff: Die Bewältigung fremder Wirklichkeit durch den Vergleich in Reiseberichten des späten Mittelalters«, Historische Zeitschrift 253 (1991), 281–312.

  20. 20.

    Randall Herz, Die ›Reise ins Gelobte Land‹ Hans Tuchers des Älteren 1479–1480. Untersuchungen zur Überlieferung und kritische Edition eines spätmittelalterlichen Reiseberichts, Wiesbaden 2002, 573, Z. 9–12.

  21. 21.

    Vgl. Maximilian Benz, Christian Kiening, »Time and Temporality in Travel Accounts of the Fourteenth to Sixteenth Centuries (Mandeville, Tucher, Ecklin)«, in: Paula Henrikson, Christina Kulberg (Hrsg.), Temporality in European Travel Writing, London 2020 [im Druck].

  22. 22.

    Yasemin Yilmaz, »›Wenn einer eine Reise tut …‹. Die soziale Praxis der Reise als beispielhafter Kristallisationspunkt der Multimodalität der Zeit«, in: Juliane Engel, Mareike Gebhardt, Kay Kirchmann (Hrsg.), Zeitlichkeit und Materialität. Interdisziplinäre Perspektiven auf Theorien und Phänomene der Präsenz, Bielefeld 2019, 113–128; für die frühe Neuzeit Daniela Fuhrmann, »Zwischen Pauschaltourismus und Entdeckungsreise. Der Konstanzer Konrad Grünemberg als Pilger im Heiligen Land (1486)«, in: Uta Schaffers, Stefan Neuhaus, Hajo Diekmannshenke (Hrsg.), (Off) The Beaten Track? Normierungen und Kanonisierungen des Reisens, Würzburg 2018, 69–96; Benz, Kiening (Anm. 21).

  23. 23.

    Karl Schuhmann, »Zur Entstehung des neuzeitlichen Zeitbegriffs: Telesio, Patrizi, Gassendi«, Philosophia naturalis. Journal for the philosophy of nature 25 (1988), 37–64.

  24. 24.

    Karen Gloy, Philosophiegeschichte der Zeit, München 2008, 127.

  25. 25.

    Thomas de Padova, Leibniz, Newton und die Erfindung der Zeit, München 2013.

  26. 26.

    Ebd., 72 f.

  27. 27.

    The Diary of Samuel Pepys, ed. by Henry B. Wheatly, Bd. 4, London 1894, 411.

  28. 28.

    Ebd., Bd. 5, London 1895, 74 f.

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Authors and Affiliations

  1. 1.Deutsches SeminarUniversität ZürichZürichSchweiz

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