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List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik

, Volume 44, Issue 4, pp 835–839 | Cite as

Klassische Institutionenökonomik: Replik zum Kommentar von Jan Schnellenbach

  • Wolfram ElsnerEmail author
Replik
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  1. 1.

    Ich vermeide eigentlich den Begriff Methodologischer Holismus, obwohl einzelne evolutionär-institutionelle Ökonomen ihn benutzt haben mögen. Er ist missverständlich und trifft nicht (mehr) den Kern moderner Theorie institutioneller Emergenz in Populationen und Systemen. Hier gibt es keinen scharfen Gegensatz von Individuum and Kollektivität/System mehr bzw. der Übergang von individueller Aktion zu ihren Ergebnissen, in Interaktion mit anderen, und im systemischen Kontext (Spielformen, Netzwerktypen) sowie hin zu emergenten Systemstrukturen und Systemverhalten ist methodologisch und theoretisch heutzutage klarer. Beginnend etwa mit einer 2 × 2-Interaktion werden verschiedene Spieltypen, dann Populationen, Netzwerkstrukturen und andere Aktionsbedingungen eingeführt. Von Methodologischem Individualismus (im Sinne idealer „Rationalität“) kann dann ganz schnell nicht mehr sinnvoll die Rede sein, weil Inter-Aktionen im Modell schnell eine wesentliche Eigenschaft der Realität annehmen: Sie werden komplex und für Individuen nur noch lokal, lernend und experimentierend halbwegs überschaubar. Wir mögen also forschungsstrategisch mit rational choice beginnen, aber wir enden schnell bei einer großen möglichen Vielfalt nur noch lokaler und transitorischer (also unterschiedlich rationaler) Verhaltensstrategien. Und „Methodologischer Holismus“, die Suggestion, es gebe dagegen nur eine ganzheitliche Ebene, erweist sich dann als unbrauchbar, wenn nicht falsch.

    Ob richtig oder falsch, die Holismus-Konzeption tendiert stets dazu, eine rein kollektive Ebene zu suggerieren. Und so lese ich auch Jan Schnellenbach Kritik: Holismus als Kollektivismus. Diese Kritik geht aber heute ins Leere angesichts einer modernen Institutionenökonomik, die mit anderen „Heterodoxien“ in Richtung auf die angedeutete Komplexitätsökonomik konvergiert. (Dies bezieht des Öfteren Hayek mit ein: Schön, Schnellenbachs Hinweis auf Hayeks „Mustervorhersagen“, „pattern prediction“ würden auch Institutionalisten sagen.) In Schnellenbachs Kommentar resultieren daraus einige Kritikpunkte, denen ich zustimmen kann, von denen ich mich also nicht mehr angesprochen fühle.

     
  2. 2.

    Das Argument, dass die moderne Verhaltensökonomik doch den „Mainstream“ modern und offen gemacht und i.W. die älteren „heterodoxen“ Fragestellungen aufgenommen und damit die EIÖ obsolet gemacht habe, geht m. E. am Punkt vorbei: Natürlich ist ökonomische Forschung heute nicht mehr machbar, ohne eine neue Interdisziplinarität mit Psychologie, Biologie, Neuro- und Hirnwissenschaft, also als komplexitäts-ökonomische Verhaltensforschung, wie ich sie auch versucht habe zu skizzieren. Ein bloßes Festhalten am traditionellen neoklassischen Kern wäre in der Forschung nicht mehr hinreichend reputationsträchtig. Und vom Fortschritt der Verhaltensökonomik profitieren wir alle. Was dagegen explizite „Heterodoxe“ und andere (z. B. G. Gigerenzer) kritisieren und was ich kritisiert habe, ist die vorherrschende Strategie der (Um‑) Interpretation komplexer Ergebnisse, z. B. in die hergebrachten Formen der Nutzen- und Präferenzfunktion, um das alte Rationalitätsmodell und am Ende dann die Punkt- (Pfad-) Gleichgewichts-Konzeption des (idealen) Marktes zumindest als Referenzpunkt (Benchmark) aufrechtzuerhalten. Damit ordnet man sich wieder ein in die historische Botschaft des alten neoklassischen Mainstream, nämlich der Einzigartigkeit der (idealen) „Marktwirtschaft“, sowie die damit verbundenen linearen Alltags-Denkmuster und simplistischen Rhetoriken.

    Soweit Ökonomen solche Reinterpretations-Strategien aufgeben, verlassen sie m. E. den Bereich des Mainstream und konvergieren, bewusst oder unbewusst, mit modernen heterodoxen Orientierungen. W.B. Arthur, A. Kirman, D. Acemoglu oder D. Kahneman dürften zu dieser „Bewegung“ zu zählen sein, obgleich sie, anders als der durchschnittliche „Heterodoxe“, Zugang zu den Top-„Mainstream“ Journals haben.

     
  3. 3.

    Und was sind die heuristics (Schnellenbach) in der Verhaltensökonomik anderes als (letztlich auch interaktiv) gelernte Institutionen und die biases anderes als Indikatoren des Wirkens sozialer Institutionen? Und was bleibt dann vom ökonomischen Verhaltensmodell? Das traditionelle „ökonomische Verhaltensmodell“ (Schnellenbach) ist dann doch nur ein Rettungsversuch, eine Auffanglinie angesichts dramatischer Änderungen in den Erkenntnissen, Konzeptionen und „Weltsichten“ aller modernen Systemwissenschaften, von evolutionärer Physik bis zu evolutionärer Biologie, Psychologie, Anthropologie … Ein angemesseneres ökonomisches Verhaltensmodell sollte die Elemente „Interdependenz-Strukturen“, „Interaktionen“, „Verhaltensoptionen“, „Netzwerkstrukturen“, „(emergente und transitorische) Institutionen“, „emergente Systemstrukturen“, „(individuelle, kollektive und systemische) Dynamiken und Performanzen“ standardmäßig enthalten.

     
  4. 4.

    Es scheint mir auch nicht (mehr) überzeugend, das simplistische, lineare „ökonomische Verhaltensmodell“, wie auch immer aus komplexer Verhaltensforschung informiert, variiert und reinterpretiert, mit forschungsheuristischer und methodologischer Selbstbeschränkung und Disziplinierung zu rechtfertigen. Simplizismus ist eben nicht zu verwechseln mit Selbstdisziplin (u.u.). Der Verdacht, den ich geäußert habe, ist ja, dass es nicht um forschungsstrategische, theoretische und methodische Disziplinierung geht sondern um die Ableitbarkeit eines möglichst eindeutigen und wohlfahrtsökonomisch interpretierbaren („optimalen“) Gleichgewichts des „Marktes“, zumindest als normatives Benchmark. Eine solche „Disziplinierung“, die mit inakzeptabler Simplizität (weitgehend linearer Kausalität) erkauft wird, brauchen wir auch nicht mehr: Der moderne komplexe Methodenset, ja, bis hin zu ABM, schafft hinreichende forschungsstrategische Disziplinierung (Missbrauch zugunsten von Beliebigkeit nie ausgeschlossen), und die moderne systemische Physik z. B. ist auch damit ja nicht gerade eine „weiche“ Wissenschaft geworden. Evolutionäre Institutionenökonomik und Komplexitäts-Ökonomik bedeuten eben nicht anything goes.

    Und die Vorhersagbarkeit, die Schnellenbach nennt, das alte Ideal der Punktprognose, als angeblicher Vorteil eines „disziplinierten“, „selbstbeschränkten“ „ökonomischen Verhaltensmodells“, ist doch berüchtigt dafür, meist exakt daneben zu liegen – und dann stets normativ gewendet zu werden: Damit die ideale positive Prognose eintreten kann, sind diese und jene (De-Regulierungs‑) Maßnahmen „für den Markt“ staatlich zu planen und vorzunehmen …

     
  5. 5.

    Rationalität: Natürlich kann regelbasiertes Verhalten Ergebnis „individueller Rationalität“ sein, solange die Verhältnisse noch simpel, statisch/konstant und transparent genug sind. Und wieder: Wir mögen forschungsstrategisch mit einfacher Rationalität, dem zeitlosen (kurzfristigen) Maximierungsmotiv im Einmal-Spiel mit Nash-GG starten; aber schon ein soziales Dilemma (Commons-Problem), lässt sich bekanntlich i. d. R. nur unter Wiederholung (und eher in Populationen) und dann nur durch Sanktionsdrohung, entsprechende soziale Lernprozesse und die Akquisition einer längerfristigen Kalkulation und Rationalität als Verhaltensheuristik und -regel (Institution) lösen. Die „continental divide“ zwischen „Mainstream“ und „Heterodoxie“ ist dann eben nicht mehr „Rationalität“ sondern die „einzige“ Rationalität vs. die Diversität der situativ erforderlichen (und erfolgreichen) Rationalitäten und Strategien. Was heute „rational“ i.S. von zielführend und erfolgreich war, wird morgen unter einer anderen Sozialökologie nicht mehr rational sein.

    Ohnehin gelingt uns die Verbindung zu einer simplen Rationalität nur im Bereich der Emergenzerklärung sozialer Institutionen. Schon wenn Institutionen sich, aufgrund kulturell akquirierter längerfristiger Rationalität, verselbständigt haben, werden Akteure zu rational fools (A. Sen), weil sie kurzfristig „irrational“ im traditionellen Sinne handeln, weil z. B. in ubiquitären sozialen Dilemmata Institutionen nicht kurzfristig „rational“ möglich werden sondern psychologisch habitualisiert werden müssen.

    Da dies mit hohen sunk costs verbunden ist (lange Trial-and-Error und Lern-Prozesse), werden im Ergebnis z. B. auch neue, rationalere Institutionen, die besser einer neuen Situation angepasst sind, nicht entstehen, weil die alten kurzfristig kostengünstiger für die einzelne Entscheidung sind als die neuen.

    Hier winken uns allenthalben alte „heterodoxe“ theoretische Bekannte zu: echte Unsicherheit, Paradoxien und Dilemmata, unintended consequences …

     
  6. 6.

    Schnellenbach fragt zugespitzt, was die EIÖ theoretisch zu bieten hat. Mit ihrer großen Breite an diversen Verhaltensoptionen unter diversen (emergenten und evolvierenden) institutionellen Arrangements (Allokationsmechanismen), die sie mit ihren theoretischen Modulen analysieren kann, hat die EIÖ m. E. den großen strategischen Vorteil, eben auch die angedeuteten „theoretischen Überraschungen“ zu generieren, wie sie die Realität prägen: Multiple transitorische Gleichgewichte, idiosynkratische Systemdynamiken, adverse Verhaltensweisen und Selektionen, und nicht-intendierte Konsequenzen. Mit der theoretischen Möglichkeit nicht-optimaler, adverser Verhalten und adverser System-Dynamiken und -Performanzen hat die EIÖ seit Veblen das theoretische Rüstzeug zu kritischer Analyse und eben nicht nur Beschreibung oder nur normativer Korrektur dessen, was ist. Bei Veblen ist das Stichwort die zeremonielle Dimension von Institutionen.

     
  7. 7.

    Dahinter steht aber eine längere Tradition mit höchster forscherischer Relevanz und Aktualität. Das Programm war schon bei A. Smith in der TMS angelegt: Die ambivalente Natur des Menschen als egoistisches Individuum und (anpassungs-) bedürftiges Sozialwesen eröffnet ein ganzes Spektrum möglicher individueller Verhalten und Institutionen, die sich zeit-räumlich bedingt konkretisieren. Veblens Instinkttheorie und Trickle-down-Sozialmechanismus hatte die Idee fortgeführt. Heute reden wir seit S. Kauffmans NK-Modell genetischer und epigenetischer Komplexität von der enormen Variabilität der physischen Erscheinungsformen (Mensch und Fruchtfliege als zwei aus multiplen Gleichgewichten, mit 50 % identischen Genen) und Handlungsoptionen, und die neueste Hirnforschung zeigt uns, dass jede einzelne Handlung eine (kurzfristige) Gleichgewichtskonstellation (aus multiplen Gleichgewichten) zahlloser Informations-Sendungen zwischen Gruppen von Neuronen ist. Smith und Veblen reloaded!

     
  8. 8.

    Wenn Schnellenbach solche theoretischen Orientierungen und Möglichkeitsbereiche („Emotionen“, „andere Motive“) einfach so für den „Mainstream“ reklamiert, fragt sich, was dann noch „Mainstream“ oder „Heterodoxie“ oder Neoklassik oder EIÖ unterscheiden könnte. Sind wir uns etwa plötzlich alle einig? Braucht es in den Fakultäten nicht mehr des Kampfes um die Berufungen? Leider ist es nicht so. Aber er hat Recht: Die Unterscheidungskriterien haben sich erheblich verschoben, nachdem wir forscherisch alle komplexer geworden sind, und verhaltensorientierter, und empirischer. M. E. aber haben sie sich damit nicht entschärft oder gar aufgelöst sondern nur in den Bereich der politikrelevanten und ideologischen (Um‑) Interpretationen komplexer verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse zugunsten der alten Alltagsrhetorik des „Marktes“ verschoben (s. oben).

     
  9. 9.

    Empirical turn: In der Tat hat sich eine Ökonometrie, die historisch eng mit der Mainstream-Ökonomik verbunden war, die aber als datentechnisch und funktionen-technisch beliebig und damit als kausal-theoretisch irrelevant und missbräuchlich analysiert wurde (z. B. Keynes; McCloskey/Ziliak; Nell/Errouaki), in verschiedenen Hinsichten fortentwickelt: Kliometrie, Big Data oder kausalanalytische Tests seien nur einige Stichworte. Der empirical turn ist nun aber keineswegs ein exklusives Markenzeichen eines modernisierten „Mainstream“, wie Schnellenbach argumentiert. Mit physikalischer Statistik (und Ökonometrie) und SNA, System Dynamics sowie empirisch datengestützten AB-System-Simulationen ist ein neuartiger (und sogar umfassenderer) „empirical turn“ allen modernen Komplexitäts-Wissenschaften und damit auch großen Teilen der evolutionären institutionellen Ökonomik zu eigen.

     
  10. 10.

    Politikrelevanz und Politikberatung: Auch hier spitzt Schnellenbach noch einmal zu. Hat die EIÖ hier überhaupt etwas zu bieten? Wenn hier etwas zu kurz gekommen, unkonkret geblieben und nicht überzeugend genug geraten ist, ist das natürlich meine Verantwortung, weniger die der EIÖ. Ich habe auf Elsner 2017 als policy-implications Papier und entsprechende Policy-Literatur verwiesen.

    Die traditionelle Diskussion um Marktmacht und Wohlfahrtsverluste durch „falsche“ Preise erscheint mir aber wiederum etwas hausbacken: Erstens sind „Märkte“ recht komplexe (oft hierarchisch gestufte und oft räumlich überlappende) Netzwerke mit durchaus adversen Anreizen und Mechanismen, die nicht zuletzt zu persistenten rechtsschiefen Zentralitätsverteilungen führen. SNA ermitteln dann ihre idiosynkratischen Dynamiken und kritischen (krisenhaften) Übergänge, und damit Indikationen auch für Wohlfahrtsverluste. Lineare Analyseansätze für Wohlfahrtsverluste sollten aber auch eine frühe Übung in neoklassischer Logik ernster nehmen, die gezeigt hat, dass auch in neoklassisch modellierten Märkten unter verletzten Marginalbedingungen erhebliche Komplexität steckt: die Theorie des Zweitbesten (Lipsey/Lancaster). Ist das First-Best wegen verletzter Marginalbedingungen nicht erreichbar, so kann eine erwünschte Verbesserung der (Wohlfahrts‑) Situation den Umweg weiterer Verletzungen von Marginalbedingungen erforderlich machen. Solche nicht-direkten Politikpfade bleiben in der linearen Lehrbuchdiskussion der Politikimplikationen aber ausgespart.

    Die Politikimplikationen der älteren Institutionalisten mögen mit Operationalisierungen von negotiated economies (J.R. Commons) oder Operationalisierungen des Instrumental Social-Value Principle (M.R. Tool) heute unaufregend erscheinen, aber sie waren jedenfalls nicht naiv-linear sondern prozessual und hatten bereits eine adaptive Politikkonzeption im Auge, die heute auch von der Komplexitätsökonomik unterstrichen wird (U. Witt hat sich schon 2003 mit einer Politikkonzeption in evolutionärer crossover Perspektive verdient gemacht).

    Damit wird naturgemäß weniger ein konkreter Mehrwert für die praktizierten Politikkonzepte generiert sondern vielmehr deutlich gemacht, wie sehr das vorherrschende Politik-System durch starke komplexitätsbasierte, lernende und adaptive Politik-Arrangements, und nur durch ein hochkomplexes, qualifiziertes und „starkes“, d. h. im Zweifel auch massiv interventionsfähiges, öffentliches Akteurssystem zu ersetzen wäre.

     

Copyright information

© List-Gesellschaft e.V. 2019

Authors and Affiliations

  1. 1.Fachbereich WirtschaftswissenschaftUniversität BremenBremenDeutschland

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