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DNP - Der Neurologe und Psychiater

, Volume 13, Issue 1, pp 3–4 | Cite as

Spezifische Sorgen — spezifische Therapie?

  • Andreas Broocks
Editorial
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„Menschliches Leben ist letztlich ohne Angst und Sorgen nicht vorstellbar. Es gibt aber Wege, diese in einen nach vorn gerichteten Lebensansatz zu integrieren.“

Professor Dr. med. A. Broocks ist Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Carl-Friedrich-Flemming-Klinik, HELIOS Kliniken Schwerin

In der Diagnostik und der Therapie von Angststörungen hat es in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte gegeben. Es stehen mittlerweile sehr effektive pharmakologische und psychotherapeutische Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung, die bei konsequenter Anwendung vielen Betroffenen ein normales Leben ermöglichen. Im Unterschied zu klar abgrenzbaren Störungsbildern wie der Panikstörung/Agoraphobie oder der sozialen Phobie war das Konzept der Generalisierten Angststörung initial umstritten. Kontrovers diskutiert wurde vor allem, ob dieses Krankheitsbild diagnostisch eigenständig und gegenüber anderen Störungsbildern klar abgrenzbar ist, insbesondere gegenüber den depressiven Erkrankungen. Auffällig waren auch die sehr hohen Komorbiditätsraten, sodass in Frage gestellt wurde, ob es überhaupt eine isolierte Generalisierte Angststörung geben könne. Hinzu kommt, dass es mit der Diagnose „Angst und depressive Störung gemischt (F 41.2)“ bereits eine diagnostische Kategorie gibt, die von vielen Klinikern abgelehnt wird. Diese erwarten von ihren Mitarbeitern, dass bei einer solchen Einweisungs- oder Verlegenheitsdiagnose mithilfe einer differenzierten Diagnostik herausgearbeitet wird, ob es sich um eine primäre Angststörung oder um eine depressive Störung handelt.

Das Konzept der Generalisierten Angststörung konnte sich etablieren

Die Befürworter des Konzepts einer Generalisierten Angststörung führten dagegen an, dass hier die Sorgen ein pathognomisches Kennzeichen der Störung bilden würden, und zwar eine spezifische Form des Sich-Sorgens, wobei es typischerweise um Themen wie das Wohl anderer Familienmitglieder ginge.

Obgleich eingewendet wurde, dass auch Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen unter verschiedenen Sorgen litten, zum Beispiel die typischen Gesundheitssorgen bei Patienten mit einer Panikstörung, hat sich das Konzept einer Generalisierten Angststörung letztlich etablieren können.

Optionen zur Besserung und Heilung von Angststörungen

Rolf-Dieter Stieglitz und Hans-Peter Volz stellen in der aktuellen Ausgabe in prägnanter Weise die aktuellen Therapiemöglichkeiten der Generalisierten Angststörung dar. Der Artikel beschäftigt sich mit den bereits vorliegenden Wirksamkeitsnachweisen für die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer und die dual wirksamen Substanzen Venlafaxin und Duloxetin. Auch pharmakologische Alternativen wie Pregabalin und Hydroxyzin werden diskutiert. Sehr gute Wirksamkeitsnachweise existieren darüber hinaus für kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen. Wells und Mitarbeiter haben in diesem Zusammenhang ein spezielles Sorgenmodell entwickelt, das sich sehr gut in die üblichen kognitiven Techniken integrieren lässt. Es soll unterstrichen werden, das neue therapeutische Ansätze, die heute unter dem Begriff „Dritte Welle der Verhaltenstherapie“ zusammengefasst werden, in mehrfacher Hinsicht über die bisherigen psychotherapeutischen Methoden hinausgehen, indem sie existenzielle Grundfragen des Menschseins nicht ausblenden. Dies trifft sowohl für die Metakognitive Therapie nach Wells als auch für die Akzeptanz- und Commitment-Therapie nach Hayes (ACT) zu, die neben den bekannteren psychotherapeutischen Verfahren in der Behandlung von Angststörungen einsetzbar sind.

Menschliches Leben ist letztlich ohne Angst und Sorgen nicht vorstellbar. Es gibt aber durchaus Wege, diese in einen konstruktiven nach vorn gerichteten Lebensansatz zu integrieren. Der Artikel zeigt eindrücklich, dass es auch für die Menschen, bei denen Angst und Sorgen zur Krankheit geworden sind, heute sehr gute Möglichkeiten der Besserung und der Heilung gibt.

Psychiater und Neurologen werden sich auch in Zukunft nicht nur freundlich grüßen, sondern auch möglichst breite Kenntnisse des jeweils anderen Fachs erwerben.

© Volker Lange

Psychiatrie und Neurologie bleiben verbunden

Die Vielfältigkeit der Themen in der aktuellen Ausgabe von DNP unterstreicht, dass das Konzept einer kombinierten neurologischen und psychiatrisch-psychotherapeutischen Weiterbildung nach wie vor spannend und aktuell ist. Im Rahmen einer Mitgliederbefragung der DGPPN hat sich eine große Mehrheit der Mitglieder für eine Beibehaltung des neurologischen Pflichtjahres ausgesprochen. Auch wenn es wohl kein Zurück zum Nervenarzt der alten Prägung gibt, werden die beiden Fachgebiete auch zukünftig vielfältige Berührungspunkte und Überschneidungen haben. Aufgrund neuer experimenteller Befunde wird immer deutlicher, dass neurobiologische Prozesse in der Pathogenese der meisten psychischen Erkrankungen eine noch wichtigere Rolle spielen als dies früher angenommen wurde. Umgekehrt gibt es neurologische Erkrankungen, die primär mit psychischen Symptomen imponieren. Darüber hinaus gewinnen verhaltensmedizinische und psychotherapeutische Behandlungsansätze auch bei neurologischen Erkrankungen eine zunehmende Bedeutung. Hier wurde die frühere Dichotomie aufgehoben, nach der somatische Erkrankungen mit somatischen Methoden und psychogene Erkrankungen nur mit psychotherapeutischen Methoden behandelt werden sollten. Daraus folgt, dass sowohl für den Neurologen als auch für den Psychiater möglichst gute Kenntnisse der jeweils anderen Fachdisziplin von großem Wert sind und bleiben.

Herzlich,

Ihr

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2012

Authors and Affiliations

  • Andreas Broocks
    • 1
  1. 1.Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Carl-Friedrich-Flemming-KlinikSchwerinDeutschland

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