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, Volume 6, Issue 5, pp 66–66 | Cite as

Glosse

Doktor Eisenbart fährt mit der Bahn

  • Robert Bublak
prisma
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Von den Heilkünsten des Doktor Eisenbart behauptet ein altes Trinklied, er habe — widewidewitt, bum, bum — Blinde gehen und Lahme wieder sehen lassen. Das Lied tut dem Mann zweifach unrecht: Erstens hat Johann Andreas Eisenbarth, wie er sich korrekt schrieb, als Handwerkschirurg weder einen Doktortitel geführt noch einen solchen nötig gehabt. Und zweitens genoss er zu seinen Lebzeiten als Wundarzt hohes Ansehen. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. von Preußen machte ihn 1717 zum Hofrat und Hofokulisten, weil er Blinde eben keineswegs nur gehend, sondern durch Starstich auch wieder sehend machen konnte.

Eisenbarth wird nachgesagt, er habe mit seiner Heilkunde ein ungeheuer großes Gebiet bereist, ohne von Landesgrenzen oder Kassenärztlichen Vereinigungen daran gehindert zu werden. Weite Teile des damaligen Heiligen Römischen Reiches sollen zu seinem Tätigkeitsfeld gezählt haben; offenbar wurden Hausbesuche seinerzeit noch anständig vergütet. Jedenfalls wusste Eisenbarth, was Leute benötigen, die in der medizinischen Einöde leben: einen Wanderarzt. Heute nennt man das etwas ausführlicher „eine innovative Möglichkeit, den Zugang zu medizinischer Infrastruktur zu verbessern“ — so jedenfalls formuliert es der Themendienst der Deutschen Bahn. Die Bahn nämlich offeriert neuerdings einen Service, der sich salopp mit „Von Eisenbarth zur Eisenbahn“ beschreiben ließe: Sie hat die Aufgabe übernommen, Nachfolger der Wanderärzte zu Patienten zu fahren, die von der Infrastruktur verlassen sind. Die Bahn bringt deshalb mit dem mobilen Arzt auch gleich die mobile Praxis mit. Eine solche Praxis auf Rädern umfasst Sprechzimmer, Behandlungsraum und Labor sowie — für Bahnkunden kaum überraschend — einen Wartebereich.

Die Bahn warb früher einmal damit, davon zu schweigen, worüber alle sprechen: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Auf dem Plakat sah man eine Lokomotive, die durch tief verschneites Winterland pflügt. Wer sich daran erinnern kann, dass die Bahn einst die Unbilden der Witterung nicht scheuen musste, hat vermutlich auch Doktor Eisenbarth und die medizinische Infrastruktur im Heiligen Römischen Reich noch selbst erlebt. Längst ist man bei der Bahn daran gewöhnt, jedwedes Wetter zu fürchten, selbst wenn keiner von ihm redet. Vielleicht hat sie deshalb ihre mobilen Praxen gar nicht erst in Waggons eingebaut und auf Gleise gesetzt. Vielmehr fahren die 12,7 Meter langen DB-Medibusse, die zum Fuhrpark der DB Regio Bus gehören, samt Arztpraxis auf der Straße zu den Patienten. Es wäre auch ein Jammer, wenn Ärzte in Medizügen aufgrund witterungsbedingter Ausfälle, Weichenstörungen und umgekehrter Wagenreihungen am Ende tatsächlich nur die Lahmen sehend machen könnten. Davon würde dann bestenfalls das Lied vom Doktor Eisenbart um ein paar Strophen länger. Widewidewitt, bum, bum.

© Swen Pförtner / dpa / picture alliance

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Authors and Affiliations

  • Robert Bublak
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  1. 1.

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