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Gastro-News

, Volume 6, Issue 3, pp 62–62 | Cite as

Glosse

Sisyphos — oder von glücklichen Menschen

  • Robert Bublak
prisma

© matiasdelcarmine / stock.adobe.com

Nach allem, was man weiß, war Sisyphos kein gelernter Arzt. Eine Ahnung vom ärztlichen Alltag hatte er gleichwohl; immerhin vermochte er — wie die antike Sage berichtet — den Tod zu überlisten. Noch dichter an die ärztliche Praxis rückte er in seiner späteren Beschäftigung, als er unermüdlich einen Felsblock hangaufwärts rollte, der immer wieder kurz vor Erreichen des Ziels zu Tal stürzte. Welcher Mediziner dächte da nicht an Kodierpflicht und das Beantworten von Krankenkassenanfragen. Wie sinnstiftend selbstbestimmte Mühsal ohne echten Feierabend dennoch und entgegen aller Erwartung sein kann, hat der Philosoph Albert Camus erkannt. Sein Essay „Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde“ schließt daher mit einem Happy End: „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“

Ob wir uns Marcello Tonelli von der Medizinischen Fakultät der Universität Calgary als glücklichen Menschen vorstellen müssen, kann vorderhand offenbleiben. Große Brocken bewegt er allemal. Zusammen mit Kollegen hat Tonelli die Frage untersucht, wo die Sisyphosgestalten unter heutigen Ärzten zu finden seien. Um den Kampf gegen die Steilhänge der Bürokratie ging es dabei aber gar nicht. Vielmehr wollten die Forscher erfahren, welche Fachdisziplin die medizinisch anspruchsvollsten Patienten versorgt. Laut der nun vorliegenden Erkenntnisse hätte Sisyphos, wäre er Arzt geworden, die nephrologische Laufbahn einschlagen müssen. Denn es sind angeblich die Nierenspezialisten, welche die komplexesten Krankengeschichten wälzen [Tonelli M et al. JAMA Netw Open 2018;1:e184852].

Nephrologen, zu denen vielleicht nicht zufällig auch die meisten Studienautoren gehören, mag dieses Spitzenergebnis beglücken. Für Magen-Darm-Heilkundler, in der Komplexitätsliste lediglich im Mittelfeld platziert, nimmt sich die Studie eher als ein weiterer Versuch über das Absurde aus. Denn verglichen mit der nierenärztlichen Harnschau ist die gastroenterologische Faseroptik viel näher am und vor allem im Menschen. Und dieser Optik nach bestehen Patienten primär aus einem kompliziert gewundenen Schlauch, der vom Eingang bis zum Ausgang fünf bis sieben Meter misst. Erst sekundär gruppieren sich um diese Konstruktion die übrigen Organe — darunter die normalerweise gerade einmal faustgroßen Lieblinge der Nephrologen. Die Röhre eröffnet dem Gastroenterologen das, was der Hang dem Sisyphos bietet: den freien Blick auf einen nie zu bezwingenden Berg von Arbeit — nur dass Sisyphos einen Felsblock und der Gastroenterologe ein Endoskop zu schieben hat. Beide freilich wissen, was Camus meinte, als er sagte: „Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Wir müssen uns Gastroenterologen als glückliche Menschen vorstellen.

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Authors and Affiliations

  • Robert Bublak
    • 1
  1. 1.

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