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Info Diabetologie

, Volume 12, Issue 6, pp 42–42 | Cite as

Neuromodulation bei Adipositas

Weniger Appetit durch Gehirnstimulation ist möglich

  • Miriam Sonnet
aktuell
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Neurostimulation kann Essanfälle von adipösen Menschen und von Patienten mit Binge-Eating-Störung (BES) verringern. Zwar ist die Evidenz noch dünn, erste Studiendaten sind aber vielversprechend.

Neurofeedback, Magnetfeld oder Strom — es gibt viele Optionen, um die Gehirnaktivität zu beeinflussen.

© [M] Dan Race / stock.adobe.com

Ein Diabetes Typ 2 geht oft mit starkem Übergewicht einher, dessen Reduktion ein wichtiges Ziel ist. Die Neurostimulation, bisher u.a. bei Depressionen im Einsatz, könnte eine Ergänzung zu bisherigen Unterstützungsmethoden sein. Grundlage für diesen Ansatz sind strukturelle und funktionelle Auffälligkeiten im Gehirn von adipösen Menschen, die mithilfe von Neuromodulations-Techniken adressiert werden könnten, wie Dr. Jennifer Schmidt, Psychologin aus Wuppertal, berichtete. So spricht das Gehirn von adipösen Menschen vermehrt auf (hochkalorische) Essensreize an. Den Appetit hemmende Regionen sind dagegen eine hyporesponsiv.

Verschiedene Techniken

Eine Neuromodulation ist reversibel, also ohne dauerhafte Veränderungen im Gehirn. Zu den bekanntesten Techniken gehört das Neurofeedback, bei dem Menschen ihre Gehirnaktivität selbst beeinflussen. Die Vagus-Nerv-Stimulation wiederum regt einen Teil des autonomen Nervensystems an. Auch kann eine transkranielle Magnetstimulation (rTMS) zum Einsatz kommen. Eine Spule erzeugt von außen über bestimmten Gehirnregionen ein Magnetfeld und aktiviert Neuronen. Die transkranielle Direktstromstimulation (tDCS) dagegen basiert auf elektrischer Aktivität. Die tiefe Hirnstimulation, bei der eine Elektrode implantiert wird, erlaubt es, bis in tiefe Gehirnregionen vorzudringen.

Bisher gibt es laut Schmidt nur wenige gut kontrollierte Studien, um finale Schlüsse für die Effizienz der Neuromodulation bei Adipositas zu ziehen. Dennoch zeigen erste Untersuchungen vielversprechende Ergebnisse: So demonstrierten zwei Metaanalysen, dass rTMS und tDCS ein „Food Craving“ verringern [1, 2]. Eine Binge-Eating-Störung (BES) wiederum könne durch ein EEG-Neurofeedback reduziert werden [3].

Essanfälle durch Neurofeedback verringern

Das bestätigten auch die vorläufigen Daten einer Studie von Dipl. Psych. Marie Blume et al. vom Uniklinikum Leipzig. Grundlage bildeten die unterschiedlichen Gehirnaktivitäten von BES- und Adipositas-Patienten im Vergleich zu Gesunden. Generell tritt bei BES während einer Nahrungspräsentation eine erhöhte Betawellen-Aktivität im Ruhe-Elektroenzephalogramm (EEG) auf und korreliert mit BES-Symptomatik, wie Blume berichtete. Bei Adipositas gäbe es eine erhöhte Beta-Aktivität nur bei Nahrungspräsentation. Zudem haben Patienten eine reduzierte Theta-Aktivität bei kognitiv anspruchsvollen neutralen Aufgaben.

Die Studie von Blume und Kollegen umfasste 39 BES-Patienten mit einem Body Mass Index zwischen 25 und 45 kg/m2, die zu zwei Neurofeedback-Trainings randomisiert wurden. 20 Patienten erhielten in 10 Durchgängen ein „High-Beta/Theta-Training“. Dieses bestand jeweils aus einer EEG-Messung in Ruhe, danach gab es im Wechsel ein Neurofeedback und eine „Food Cue Exposure“ (FCE), wobei sich die Teilnehmer möglichst lebhaft ein Lebensmittel, das auf einem Foto gezeigt wurde, mit Geruch, Geschmack und Haptik vorstellen sollten. Beim Feedback wurden den Teilnehmern 3 Balken gezeigt, die jeweils die Beta-Aktivität, die Theta-Aktivität und die Muskel-Aktivität (Kontrolle) widerspiegelten. Die Patienten sollten nun versuchen, die Beta-Aktivität zu verringern und die Theta-Aktivität zu erhöhen. Die Fotos repräsentierten Nahrungsmittel, die die Probanden während eines Essanfalls konsumieren würden. Gleichzeitig erhielten 19 Teilnehmer ein weiteres Neurofeedback-Training, bei dem sie — ohneFCE — lernen sollten, ihre Gehirnaktivität zu kontrollieren.

Beide Maßnahmen reduzierten über die Zeit die objektiven Essanfälle der Patienten. Auch gab es Veränderungen im EEG: So verringerte sich die Beta-Aktivität, die Theta-Aktivität stieg. Die Ergebnisse waren aber nicht signifikant. Laut Marie Blume könnte das an der relativ geringen Zahl an Sitzungen liegen. Z.B. würden bei einer ADHS-Erkrankungen etwa 30 Sessions benötigt, um Effekte zu erzielen. Auch ein längeres Follow-up als drei Monate wäre interessant.

Literatur

  1. 1.
    Lowe CJ, Vincent C, Hall PA. Effects of Noninvasive Brain Stimulation on Food Cravings and Consumption: A Meta-Analytic Review. Psychosom Med. 2017 Jan;79(1):2–13.CrossRefGoogle Scholar
  2. 2.
    Hall PA, Vincent CM, Burhan AM. Non-invasive brain stimulation for food cravings, consumption, and disorders of eating: A review of methods, findings and controversies. Appetite. 2018 May 1;124:78–88.CrossRefGoogle Scholar
  3. 3.
    Schmidt J, Kärgel C, Opwis M. Neurofeedback in Substance Use and Overeating: Current Applications and Future Directions. Current Addiction Reports, 4(2), 116-131.Google Scholar

Quelle

  1. DAG Symposium „Neurowissenschaftlich fundierte Therapie der Adipositas“ 12. Diabetes Herbsttagung/34. Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft, 9.11.2018 WiesbadenGoogle Scholar

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Authors and Affiliations

  • Miriam Sonnet
    • 1
  1. 1.

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