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Pädiatrie

, Volume 31, Issue 3, pp 14–14 | Cite as

Genetische Schutzfaktoren vor Übergewicht identifiziert

  • Martin Claßen
Literatur kompakt
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Wir alle kennen Menschen und Familien, die trotz nicht maßvollen Essverhaltens immer schlank bleiben. Es gibt also scheinbar nicht nur Risikofaktoren, sondern auch genetische Schutzfaktoren vor Adipositas. Einer wurde kürzlich identifiziert.

Dr. med. Martin Claßen, Bremen

Ein bekannter Risikofaktor für Übergewicht ist der Melanocortin-4-Rezeptor (MC4R), ein G-Protein-gekoppelter Rezeptor, wenn Mutationen zu einer Verminderung der Rezeptorfunktion führen. Nun wurden 61 MC4R-Varianten aus 452.300 Genanalysen in Großbritannien identifiziert und mit den für die Probanden bekannten anamnestischen und anthropometrischen Daten abgeglichen. Neben Mutationen, die zu einem Funktionsverlust führen, fanden sich durch Funktionsanalysen in Zellkulturen neun Polymorphismen mit einer erhöhten Funktionalität des Rezeptors. Diese „gain of function“-Varianten waren klinisch mit signifikant niedrigerem BMI (—0,38 kg/m2; p = 2 x 10-47), niedrigeren Raten von Adipositas (Odds Ratio: 0,75) und Diabetes mellitus Typ II assoziiert.

Kommentar

Außer der Befriedigung, dass es für gängige Erfahrungen auch gute pathophysiologische Erklärungen gibt, bietet diese Studie noch weitere interessante Erkenntnisse: Für familiäre Adipositasformen spielen die Gene ebenso eine Rolle wie das Mikrobiom des Darms. Aber die Gene belasten nicht nur einige Zeitgenossen, sie schützen auch andere.

Die Studie zeigt Ansatzpunkte für eine Beeinflussung dieses Rezeptorsystems auf, das im Gehirn bei der Appetitregulation offensichtlich eine wichtige Rolle spielt. MC4R gehört zu den G-Protein-gekoppelten Rezeptoren, die sich auf verschiedensten Zelloberflächen finden lassen. Die Autoren haben für die „gain of function“-Varianten zudem den Wirkmechanismus auf Effektorebene entschlüsselt. Daraus ergibt sich eine Vielzahl von potenziellen Angriffspunkten — auch für therapeutische Interventionen.

Für die Bewältigung der Adipositasepidemie, vor der wir nahezu kapitulieren und für die wir kaum effektive Strategien zur Verfügung haben, steht zu hoffen, dass wir künftig bessere Interventionen an die Hand bekommen werden. Sieht man aber die geringe Differenz im BMI der Studienteilnehmer, ist ein Effekt durch Beeinflussung des MC4R-Systems wohl nur über eine lange Behandlungszeit zu erreichen. Auch wird es Jahrzehnte dauern, bevor neue Medikamente zur Verfügung stehen.

Deswegen bleibt es unerlässlich, dass wir Pädiater bereits im Kleinkind- und Grundschulalter die Notbremse ziehen und bekannte Interventionen bei beginnender Adipositas veranlassen.

Literatur

  1. Lotta LA et al. Human gain-of-function MC4R variants show signaling bias and protect against obesity. Cell 2019;177:597–607CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Martin Claßen
    • 1
  1. 1.

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