Advertisement

Pädiatrie

, Volume 31, Issue 3, pp 10–10 | Cite as

Nachgefragt

„Wir sind blind für die Langzeitfolgen unserer Therapien“

  • Springer Medizin
Im Blickpunkt

Trotz der Fortschritte in der Neonatologie hält Prof. Dr. Wolfgang Göpel aus Lübeck, Studienleiter des German Neonatal Network (GNN), weitere Langzeituntersuchungen für dringend geboten.

Prof. Dr. Wolfgang Göpel Leitender Oberarzt der Neonatologie und Pädiatrischen Intensivmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Lübeck und Studienleiter des Deutschen Frühgeborenen Netzwerks

© W. Göpel

? Das German Neonatal Network geht auf Ihre Initiative zurück. Was war der Anlass dazu?

Prof. Wolfgang Göpel: Zum einen habe ich mich immer schon sehr für Genetik interessiert. Zum anderen betreut man als Neonatologe immer wieder Kinder, bei denen unklar ist, warum es plötzlich zu einer Komplikation kommt. Diese Unzufriedenheit hat dazu geführt, herausfinden zu wollen, weshalb diese Verläufe auftreten und vor allem, wie sie verhindert werden können. Uns war klar, dass wir uns in einer Art Blackbox befinden: Wir wissen zwar, dass wir schwere Komplikationen vermeiden müssen, aber wir wissen nicht, was aus den Kindern langfristig wird.

? Wie sehr hat sich die Frühgeborenenmedizin seit der Etablierung des Netzwerks verändert?

Göpel: Es hat sich sehr viel verändert: Die LISA-Technik wurde vor 10 Jahren in nur wenigen Zentren angewendet, mittlerweile ist sie die gebräuchlichste Methode der Surfactant-Applikation in Deutschland. Das hat aus unserer Sicht sicher positive Effekte. Auch bei der Medikation von Frühgeborenen, die wir ebenfalls erheben, gibt es einige Veränderungen: Vor 10 Jahren wurden kaum Frühgeborene mit Paracetamol behandelt, mittlerweile ist es dank einer intravenösen Formulierung das am häufigsten verwendete Analgetikum. Ähnlich ist das auch mit Probiotika. Zum Schutz vor nekrotisierender Enterokolitis erhalten im GNN heute 80 % der Kinder Probiotika.

? Wie gut sind die Überlebenschancen von Kindern des GNN im internationalen Vergleich?

Göpel: Es gibt eine Studie, in der sich viele Netzwerke verglichen haben. Japan war dabei immer extrem gut, vermutlich auch weil das RDS bei Asiaten genetisch bedingt schwächer ausgeprägt ist. Skandinavier sind auch immer sehr gut gewesen. Mit den GNN-Daten liegen wir in diesem Bereich. Dabei beziehen wir uns auf die mit 24 Schwangerschaftswochen geborenen Kinder, weil ab diesem Gestationsalter auch international aktiv behandelt wird.

? Was sind für Sie die zentralen Erkenntnisse aus dem Register?

Göpel: Ich möchte drei Punkte nennen. Erstens: Das Voneinanderlernen funktioniert. Wir haben sinkende Mortalitätsraten, vor allem in Zentren, die anfangs nicht zu den Besten gehört haben. Zweitens: Wir erkennen, dass wir absolut blind sind im Hinblick auf die langfristigen Auswirkungen unserer Therapien. Wir wissen inzwischen, dass einige Medikamente bei Frühgeborenen ungünstige Langzeitwirkungen haben: Postnatales Dexamethason zum Beispiel reduziert zwar die Rate bronchopulmonaler Dysplasien, aber es senkt den IQ. Und es gibt eine Reihe von Medikamenten mit ähnlichen Signalen. Das sind Medikamente, die wir auch bei größeren Neugeborenen im Krankenhaus einsetzen. Daraus folgt der dritte Punkt: Wir brauchen dringend weitere Langzeituntersuchungen von Früh- und Neugeborenen. Die Förderung für das Frühgeborenen-Netzwerk geht bis 2021, dann ist das Projekt zu Ende. Wir brauchen eine Überführung in eine andere langfristige wissenschaftliche Untersuchung, möglichst inklusive Genetik. Ich glaube, die personalisierte Medizin ist die Zukunft, auch in der Frühgeborenenmedizin.

Literatur

  1. Das Interview führte Dr. Beate Schumacher.Google Scholar

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Springer Medizin

There are no affiliations available

Personalised recommendations