Pädiatrie

, Volume 30, Issue 2, pp 16–16 | Cite as

Zöliakiediagnose geht auch ohne Biopsie

  • Martin Claßen
Literatur kompakt
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Die Zuverlässigkeit der Antikörperbestimmung bei Verdacht auf Zöliakie hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Nun wird diskutiert, in welchen Fällen bei positivem Nachweis von Antikörpern auf eine Biopsie verzichtet werden kann. Eine Studie in Gastroenterology versucht, diese Frage zu beantworten.

Dr. med. Martin Claßen, Bremen

Die europäische, multizentrische, prospektive Untersuchung ProCeDE wurde von der Arbeitsgruppe um Prof. Sybille Koletzko aus dem Dr. von Haunerschen Kinderspital koordiniert.

Analysiert wurden die Daten von 707 Kindern (mittleres Alter 6,2 Jahre, 65 % weiblich). 18 % der Studienteilnehmer hatten einen Verwandten ersten Grades mit Zöliakie, bei 9,2 % bestand die Diagnose eines Typ-1-Diabetes, bei 2,3 % eine autoimmune Thyreoiditis und bei 1,1 % ein Down-Syndrom. Bei allen Kindern wurden Antikörper gegen Gewebstransglutaminase (mit 10 verschiedenen Testkits) und Endomysium bestimmt sowie eine HLA-Typisierung und eine Duodenalbiopsie vorgenommen.

Für Patienten mit mindestens einem Symptom, einer Erhöhungen der Transglutaminase-Antikörper über das 10-Fache der Norm und ein Nachweis von Endomysium-Antikörpern in einer zweiten Blutentnahme war die diagnostische Treffsicherheit für Zöliakie enorm hoch: Der positiv-prädiktive Wert lag bei 99,75 (95 % Konfidenz-Intervall: 98,61–99,99). Die Autoren folgern, dass bei Kindern mit dieser Befundkonstellation nach ausführlicher Beratung sowohl die HLA-Typisierung als auch die Biopsie verzichtbar sind.

Kommentar

Diese aufwendige und sehr sorgfältig durchgeführte Studie belegt eindrucksvoll die Fortschritte in der Güte der Antikörperbestimmung. Mit der oben angegebenen Befundkonstellation kann bei über 50 % der Kinder die Diagnose Zöliakie ohne Biopsie gesichert werden.

Weiterhin endoskopiert werden sollten die Patienten, die entweder über ein Screening ohne Symptome auffällig wurden oder einen geringen Antikörpertiter aufweisen. Die Daten gelten zudem nicht für Erwachsene und nur für die in der Studie angewendeten Transglutaminase-Testkits.

Insgesamt spiegeln sowohl diese Studie als auch eigene Erfahrungen wider, dass es neben den eindeutig positiven auch eine relevante Zahl von Fällen gibt, die einer weiteren Aufarbeitung bedürfen. Insofern sollte man die Biopsien nicht vorschnell als generell unnötig deklarieren. Bei der Betreuung von Patienten über lange Zeit lernt man, dass es hilfreich ist, schon zu Beginn jegliche Restzweifel an der Diagnose Zöliakie auszuräumen. Sonst kommt es oft nach Jahren, typischerweise bei Adoleszenten, zu Fragen nach der Diagnosesicherheit, die man dann schwerer beantworten kann. Wenn eine Diät begonnen wurde, sind weitere diagnostische Maßnahmen (abgesehen von der HLA-Bestimmung) ohne Wert.

Insgesamt schätzt man Risiko und Belastung einer Ösophago-Gastro-Duodenoskopie bei guten Rahmenbedingungen als sehr niedrig ein. Ich plädiere deswegen im Zweifel und bis zur Neuformulierung der deutschen Leitlinie doch eher für die Durchführung von Biopsien. Auch muss klar geregelt werden, wie die ärztliche Beratung über die Erkrankung und die Diätberatung nach serologischer Diagnosestellung ambulant vergütet werden — bisher konnte man dies im Rahmen einer tagesklinischen Endoskopie gut integrieren.

Literatur

  1. Werkstetter KJ et al. Accuracy in diagnosis of celiac disease without biopsies in clinical practice. Gastroenterology 2017;153:924–35CrossRefGoogle Scholar

Copyright information

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Authors and Affiliations

  • Martin Claßen
    • 1
  1. 1.

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