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Spielt eine bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung bei Reizdarm eine Rolle?

  • Martin Claßen
Literatur kompakt
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Einmal mehr legt eine Studie nahe, dass eine erhöhte Bakterienzahl im Dünndarm bei pädiatrischen Patienten mit funktionellen Darmbeschwerden die Ursache der Bauchschmerzen sein könnte.

Dr. med. Martin Claßen, Bremen

Wenn Kinder immer wieder über Bauchschmerzen klagen, findet sich in der Mehrzahl keine eindeutige Ursache. Die Diagnose bei diesen Kindern lautet dann „funktionelle Abdominalbeschwerden“, wozu nach den Rom-III-Kriterien auch das Reizdarmsyndrom gehört. Verschiedene Faktoren wie veränderte Motilität, viszerale Hypersensitivität, verändertes Darmmikrobiom sowie psychosoziale Störungen spielen eine Rolle in der Pathogenese dieser Störung. Darüber hinaus haben erste Studien auch Hinweise auf eine Rolle erhöhter Bakterienzahlen im Dünndarm (bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung; „small intestinal bacterial overgrowth“, SIBO) für die Entstehung funktioneller Beschwerden gegeben.

Die Untersucher aus den Niederlanden haben in ihrer prospektiven Studie bei Kindern zwischen 6 und 18 Jahren mit der Diagnose „Funktionelle Abdominalbeschwerden“ nach den Rom-III-Kriterien (nach Ausschluss typischer organischer Erkrankungen) bei 161 Kindern Atemteste nach Gabe von Glukose durchgeführt (2 g/kg Glucose, maximal 50 g). Danach wurde die Wasserstoffexhalation alle 15 Minuten geprüft. Als Hinweis für eine bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung wurde eine Nüchtern-Wasserstoff-Exhalation von mehr als 20 ppm oder ein Anstieg der H2-Exhalation um mehr als 12 ppm genommen.

Bei 18 Kindern (11,2 %) fand sich eine Nüchternexhalation von > 20 ppm mit einer mittleren Höhe von 26,2 ± 5,7 ppm. Bei sechs Kindern (3,7 %) fand sich ein Anstieg der H2-Exhalation > 12 ppm (mittlerer Anstieg 16,5 ± 7,8 ppm). In einem Fall bestand sowohl eine erhöhte Nüchternexhalation als auch ein Anstieg über 12 ppm. In der Regel fand sich der Anstieg bereits nach 30 Minuten.

Kommentar:

Zum Thema funktioneller Bauchschmerz und SIBO gibt es Diskussionsbedarf. Zunächst einmal kann man darüber philosophieren, dass bei der Diagnose einer bakteriellen Dünndarmfehlbesiedlung eigentlich ja eine organische Ursache für die Bauchschmerzen vorliegt und damit der Definition von funktionellen Abdominalbeschwerden widersprochen wird. Allerdings ist, wie die Daten zu funktionellen Beschwerden nach bakterieller Enteritis zeigen, die Grenze zwischen organischen und funktionellen Ursachen fließend.

Das entscheidende Problem besteht aber darin, dass es für die bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung keinen Goldstandard in der Diagnostik gibt. Insbesondere durch Atemteste kann man je nach Setzen der Grenzwerte unterschiedlich häufig eine bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung nachweisen.

Trotzdem gibt es Argumente für die Validität der Studie: Die Rate an Patienten mit SIBO in dieser Studie ist niedriger als in früheren Studien. Auch zeigte sich, dass Patienten mit einem veränderten Defäkationsmuster (im Sinne eines Reizdarmsyndroms), Aufstoßen und Appetitstörungen deutlich häufiger eine bakterielle Fehlbesiedlung hatten, was zu Vorstellungen in der Pathogenese passt. Von den Autoren wird ausführlich diskutiert, dass bei dem überwiegenden Teil der Kinder die SIBO-Diagnose aufgrund der erhöhten Nüchternexhalation zustande kommt. Die Nüchternexhalation ist relativ störanfällig dafür, dass schwer resorbierbare Kohlenhydrate in der Abendmahlzeit vor dem Test das Testergebnis verfälschen. Dies wurde bei der Studie durch entsprechende Ernährungsvorschriften für die Patienten vermindert.

Allerdings bleiben Fragen offen: Zunächst könnte man fordern, die Reproduzierbarkeit der erhöhten Nüchternexhalationswerte an mehreren Tagen hintereinander zu prüfen. Darüber hinaus wäre die Bedeutung der SIBO für die klinische Symptomatik dadurch zu beweisen, dass eine erfolgreiche antibiotische Behandlung in einem doppelblinden Design zu einem Verschwinden der Symptome führt.

Insgesamt wird man noch mehr als bisher bei der Durchführung von Atemtesten mit Laktose und Fruktose auf hohe Nüchternexhalationen und frühe Anstiege achten und großzügig Glukose-Atemteste ergänzen. Auch nach eigener Erfahrung wird sicherlich die bakterielle Dünndarmfehlbesiedlung in der pädiatrischen Gastroenterologie noch zu wenig gesucht.

Und wie immer lautet das Fazit: „Weitere Studien sind dringend notwendig“.

Literatur

  1. Korterink JJ et al. Glucose hydrogen breath test for small intestinal bacterial overgrowth in children with abdominal pain-related functional gastrointestinal disorders. J Pediatr Gastroenterol Nutr 2014 Nov 17Google Scholar

Copyright information

© Urban & Vogel 2015

Authors and Affiliations

  • Martin Claßen
    • 1
  1. 1.

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