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gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 24, Issue 2, pp 59–59 | Cite as

Oskar Kokoschka

Die Femme fatale als Fetisch

  • Bernd Kleine-Gunk
Die letzte Seite Weibs-Bilder
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Über Doppelnamen soll man keine Witze mehr machen. Bei Alma Mahler-Werfel darf man aber zumindest darauf hinweisen, dass es mit ihrem Doppelnamen eine besondere Bewandtnis hat. Er ist nämlich nicht entstanden durch die Verknüpfung ihres eigenen Familiennamens mit dem ihres Ehemanns. Vielmehr hat sie ihren ersten (der Komponist Gustav Mahler) und letzten (der Schriftsteller Franz Werfel) Ehemann namentlich durch einen Bindestrich miteinander verbunden. Dazwischen gab es noch einen Dritten, den Architekten Walter Gropius. Aber das wäre dann wohl zu viel der Namensreihung gewesen. Der wichtigste Mann in Alma Mahler-Werfels Leben war sowieso derjenige, den sie nicht geheiratet hat: der Maler Oskar Kokoschka. Von ihm stammt auch dieses Bild.

Oskar Kokoschka, Bildnis Alma Mahler, 1912

© Fondation Oskar Kokoschka/ VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bevor er es zum prominenten Maler saturierter bundesrepublikanischer Staatsgrößen wie Theodor Heuss oder Konrad Adenauer brachte, hatte Oskar Kokoschka die Wiener Kunstszene zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Bürgerschreck aufgemischt. In einem Zeitalter der Genieverehrung gab er mit großem Erfolg den malerischen Kraftkerl und Exstatiker. Klar, dass so einer der frisch verwitweten Alma Mahler auffallen musste, die ihren berühmten Komponisten zwar gerade erst beerdigt hatte, aber an erfolgreichen Künstlern immer schon besonders interessiert war.

1912 traf sie den elf Jahre jüngeren Maler zum ersten Male im Hause ihres Stiefvaters Carl Moll. Es war Liebe auf den ersten Blick und der Beginn einer der großen „amour fou“ der Kunstgeschichte. Kokoschka stürzte sich nicht nur mit der für ihn typischen, übergroßen Leidenschaft in die neue Liäson. Er geriet auch in einen Schaffensrausch, aus dem mehr als 400 Werke hervorgingen, die der schillernden Geliebten gewidmet waren. Eines der ersten ist das hier abgebildete Portrait. Kokoschka hatte dabei eigentlich Leonardos Mona Lisa im Sinn. Er wollte aus Alma Mahler eine Gioconda des 20. Jahrhunderts machen. Alma Mahler selber sah sich in dem Portrait eher als Lucrezia Borgia, jene berühmte Renaissanceprinzessin, die für ihr ausschweifendes Liebesleben berüchtigt war. Dieses anfängliche Missverständnis weist bereits den weiteren Weg. Bringen wir es auf einen kurzen Nenner: Es ging nicht gut aus. Der von Kokoschka heftig angestrebten Heirat widersetzte sich Alma. Ein gemeinsam gezeugtes Kind ließ sie abtreiben. 1915 endete die Beziehung in einem Debakel.

Kokoschka meldete sich aus Verzweiflung zum Kriegsdienst, wo er schwer verwundet wurde. Alma Mahler fand einen anderen Weg aus der Krise. Sie heiratete unverzüglich den Bauhauspionier Walter Gropius, dem sie allerdings auch bald wieder den Laufpass gab, um dann den eher mittelmäßigen Schriftsteller Franz Werfel zu ehelichen.

Seine Kriegsverletzungen kurierte Kokoschka aus. An der Wunde Alma Mahler laborierte er allerdings noch lange. Das ging so weit, dass er bei einer Bildhauerin eine lebensechte Nachbildung seiner Geliebten als Stoffpuppe in Auftrag gab — einschließlich der detailliert ausgearbeiteten Geschlechtsorgane. Alma Mahler wandelte sich von der Femme fatale zum Fetisch. Auch die Puppe endete dann allerdings wieder auf eine für Kokoschka typische Weise. Nach einer durchzechten Nacht übergoss er sie mit Rotwein, schnitt ihr den Kopf ab und entsorgte sie auf dem Müll. Die Puppe blieb verschwunden. Seine Bilder jedoch haben überdauert. Gott sei Dank.

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Authors and Affiliations

  • Bernd Kleine-Gunk
    • 1
  1. 1.

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