Advertisement

gynäkologie + geburtshilfe

, Volume 24, Issue 2, pp 49–49 | Cite as

Alles was Recht ist

Endometritits nach Krebsfrüherkennung — Zufall oder Fehler?

  • Martin Sebastian Greiff
Praxis konkret
  • 32 Downloads

Nicht nur akute Behandlungen können Anlass für Streit sein. Oft sind es gerade routinemäßige Abläufe, die bei Eintritt einer Erkrankung oder Komplikation plötzlich unter Verdacht geraten.

Bei der Klägerin wurde im Rahmen der Krebsvorsorge ein Abstrich genommen. Kurze Zeit später trat brauner Ausfluss auf, wenige Tage später (streitig) Schüttelfrost und Fieber. Neun Tage danach suchte sie im Urlaub eine internistische Ambulanz auf und rief dann, statt dem Rat zum gynäkologischen Konsil vor Ort zu folgen, bei der Beklagten an, wo ihr auf Mitteilung braunen Ausflusses vorab Fluomyzin verordnet wurde. Nach dem Urlaub zeigte sich sonografisch eine unklare Raumforderung im Gebärmutterhals, weshalb Amoxicilin verordnet und eine Kontrolle empfohlen wurde. Dazu erschien die Patientin nicht, sondern stellte sich fünf Tage nach dem eigentlichen Termin im Krankenhaus vor, wo zwei Tage später wegen einer Endometritis eine Abrasio erfolgte. Laut Klage sei diese auf Hygienemängel der Praxis zurückzuführen. Auch versäumt worden sei, rechtzeitig die richtigen Befunde zu erheben und richtig zu behandeln.

Dr. Martin Sebastian Greiff stellt in dieser Rubrik gerichtliche Entscheidungen aus dem Bereich der Gynäkologie und Geburtshilfe vor.

© Martin S. Greiff

So sah das Gericht den Fall

Das Landgericht Gießen wies die Klage kostenpflichtig ab (Urt. v. 26.7.2018, 5 O 321/16). Der Sachverständige sprach von einer korrekten Abstrichentnahme und konnte die Ursache der späteren Entzündung nicht genau klären. Er hielt es aber für sehr unwahrscheinlich, dass mit dem Abstrichinstrument die Höhe des inneren Muttermundes oder das Endometrium und damit der Infektionsbereich erreicht worden sei; zudem habe es sich um typische Darmkeime gehandelt, weshalb eher eine endogene Entzündung nahelag. Soweit der Abstrich als schmerzhaft angegeben wurde, ordnete er dies als möglich und nicht als Indiz für einen Fehler ein, wobei durch „Abreißen“ von Gewebe auch geringe Blutungen auftreten könnten, die gegebenenfalls den bräunlichen Ausfluss erklärten. Die im Telefonat vorläufige Diagnose und Verordnung von Fluomycin waren vertretbar, da eine „einfache Scheidenentzündung“ aufgrund der Symptomatik brauner Ausfluss (die Klägerin konnte nicht beweisen, Fieber/Schüttelfrost berichtet zu haben) am wahrscheinlichsten gewesen sei und das Präparat keine eingreifenden Nebenwirkungen habe. Mit einer Endometritis habe nicht sofort gerechnet werden müssen. Ein Antibiotikum musste nicht schon telefonisch verordnet werden. Später sei Amoxicilin hingegen lege artis verschrieben und ein Resistenztest in die Wege geleitet worden. Die Aufklärung war ebenso nicht zu beanstanden, wobei zweifelhaft war, ob es vor dem Abstrich einer besonderen Aufklärung bezüglich Infektionen überhaupt bedurfte, da allgemeine Infektionsrisiken in der Regel als bekannt vorausgesetzt werden können (BGH, NJW 1992,742). Jedenfalls musste nicht explizit über ein Endometritisrisiko aufgeklärt werden, da dies selten und untypisch sei. Zudem fehlte es am Nachweis der Kausalität und eine hypothetische Einwilligung wäre gegeben gewesen, da die Klägerin schon viele Abstriche hatte vornehmen lassen.

Was bedeutet das Urteil für den klinischen Alltag?

Gerade im Alltag muss sehr sorgfältig gearbeitet und dokumentiert werden. Vor allem bei Anrufen in der Praxis sollte exakt notiert werden, was berichtet und besprochen wurde. Die Patienten sollten zudem immer zur schnellstmöglichen Untersuchung angehalten werden. Denn die Empfehlung, sich bei „anhaltenden oder schlimmer werdenden Beschwerden“ zu melden, reicht oft nicht, da Patienten laut Rechtsprechung meist gar nicht ausreichend beurteilen können, ob und inwieweit eine Entwicklung noch „normal“ ist. Zudem steht haftungsrechtlich die „Fernbehandlung“ nicht selten unter Verdacht, im vornherein unzureichend zu sein; auch wenn diese pauschale Sicht schon nach alter Rechtslage nicht ganz überzeugen konnte, da nur die ausschließliche telefonische Heilbehandlung oder Beratung ohne jeden vorherigen Patientenkontakt untersagt war. Inzwischen wurde aber § 7 Abs. 4 der Musterberufsordnung Ärzte sogar im Sinne der zunehmend befürworteten und notwendigen Telemedizin auf dem 121. Deutschen Ärztetag nochmals gelockert, nachdem schon einzelne Kammern in den Berufsordnungen hierzu vorangeschritten waren.

Copyright information

© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Martin Sebastian Greiff
    • 1
  1. 1.MünchenDeutschland

Personalised recommendations