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hautnah dermatologie

, Volume 35, Issue 6, pp 82–82 | Cite as

Unter die Haut

Körpermodifikationen

  • Myrta Köhler
Prisma
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„Hörner“ auf dem Kopf, Kugeln im Penis: Immer mehr Menschen verändern ihr äußeres Erscheinungsbild mithilfe von Implantaten.

Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde im Bereich der Körpermodifikation das Schönheitsideal westlicher Kulturen verstärkt durch Einflüsse aus indigenen Völkern inspiriert — Beispiele sind die mittlerweile weitverbreiteten Tätowierungen und Piercings.

Körpermodifikationen („body modification“ oder kurz BodMod) sind Veränderungen des menschlichen Körpers, die mit (zumindest annähernd) dauerhaften und „verletzenden“ Eingriffen — etwa an Haut oder Knorpel- und Fettgewebe — verbunden sind. Hierzu zählen neben den oben genannten Beispielen auch Formen wie Brandings, Schmucknarben und Implantate.

Transdermale Implantate bestehen aus einer kleinen Metallplatte, die unter die Haut eingesetzt wird und mit einem Gewindestab versehen ist: Hierauf lassen sich diverse Schmuckaufsätze befestigen, und manch einer hat auf diese Weise schon Metallstachel auf seiner Kopfhaut montiert.

Der Amerikaner Erik Sprague, bekannt als „The Lizardman“ hat seinen Körper mittels Körpermodifikationen dem Aussehen einer Eidechse angeglichen.

© Gonzales Photo / Michael Horn / PYMCA / Photoshot / picture alliance

Eine weitere, vergleichbare Form sind subdermale Implantate unter der Haut: Vom bis zur Gänze tätowierten Kopf des schweizer Journalisten Etienne Dumont ragen zwei „Hörner“ empor. und der US-amerikanische Showkünstler Erik Sprague, bekannt als „The Lizardman“ (Eidechsenmann), hat seinen Körper durch Implantate an der Stirn sowie weiterer Körpermodifikationen wie einer gespaltenen Zunge, großflächiger Tätowierungen und geschliffener Zähne dem Aussehen einer Eidechse angeglichen.

Ästhetik und Stimulation

In den frühen 1990er-Jahren hatte der BodMod-Künstler Steve Haworth damit begonnen, dreidimensionale Implantate zu verarbeiten, um bestimmte Formen und Silhouetten zu erzielen. Eine solche Art der Körpermodifikation kann lediglich dekorativen Zwecken dienen, häufig wird aber auch eine Steigerung der sexuellen Lust beabsichtigt: So werden etwa beim „pearling“ oder „genital beading“ kleine Kugeln (ursprünglich Perlen) oder andere Objekte — heutzutage meist aus Titan, Silikon oder Teflon — unter die Haut des Penisschaftes oder der Schamlippen eingeführt.

Diese Praxis stammt vermutlich aus Südostasien. Chinesische Quellen belegen, dass sie spätestens im frühen 15. Jahrhundert von dort importiert wurde. Die chinesische Bezeichnung „mianling“ lässt sich als „Burmesische Glocken“ übersetzen.

Der italienische Gelehrte Antonio Pigafetta, der den portugiesischen Seefahrer Ferdinand Magellan auf seinen Segelreisen begleitet hatte, dokumentierte bereits im frühen 16. Jahrhundert das Phänomen im Gebiet des heutigen Borneo und der Philippinen. Und noch heute nutzen philippinische Seeleute die „bolitas“ (deutsch: Murmeln), um sich bei Frauen positiv von anderen Seeleuten abzuheben, berichtet der Journalist Ryan Jacobs.

Initiation und Subkultur

Auch unter männlichen Häftlingen sind Penisimplantate weiter verbreitet als im Bevölkerungsdurchschnitt. Zum Einsatz kommen hier etwa Teile von Zahnbürsten, Deodorantrollen oder andere Materialien, die sich beschaffen lassen. Unter den japanischen Yakuza wird angeblich jedes Jahr Gefängnisaufenthalt durch eine „Perle“ im Penis symbolisiert — ein anderer Name für „pearling“ lautet daher auch „Yakuza beads“.

Doch nicht nur der Penisschaft, auch die Eichel wird mitunter manipuliert: Teflon oder Silikonteile werden unter die Haut eingebracht, um die Form eines Horns zu erzeugen.

Eine andere Art von Implantaten dient dazu, die Sinnesempfindungen der „Modifizierten“ zu stimulieren: Dabei werden kleine Neodymmagnete oder auch RFID-Transponder — meist in den Fingerspitzen — unter die Haut eingebracht. Ziel ist es, Sinneswahrnehmungen jenseits des menschlichen Spektrums in haptische Reize zu transformieren.

In archaischen Kulturen werden Veränderungen des menschlichen Körpers häufig als Initiationsritual praktiziert. Ebenso können sie aber auch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe kennzeichnen.

Beides hat zumindest teilweise auch in der heutigen westlichen Welt ihre Gültigkeit beibehalten: Das Aushalten der Schmerzen kann in vielen Fällen durchaus als Initiationsritual verstanden werden und die optischen Merkmale kennzeichnen oftmals die Zugehörigkeit zu einer subkulturellen Bewegung.

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Myrta Köhler
    • 1
  1. 1.

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