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MMW - Fortschritte der Medizin

, Volume 161, Issue 20, pp 34–34 | Cite as

Eintritt in den Ruhestand

Hausarzt in Deutschland: Schlussakkord in Moll

  • Henning Fischer
AUS DER PRAXIS MEINUNG
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Nach über 40 Jahren ärztlicher Tätigkeit, 35 davon als Kassenarzt, geht Hausarzt Henning Fischer in den Ruhestand. Er würde gern ein positives Fazit ziehen — aber das hat ihm die Politik nicht gegönnt.

Dr. med. Henning Fischer

_ So endet ein Berufsleben als Hausarzt: Mit der frustrierenden Suche nach einem Nachfolger. Drei Jahre lang haben wir uns intensiv, letztlich aber vergeblich umgesehen. Es gibt so gut wie keinen Nachwuchs mehr.

Diese Entwicklung war absehbar. Ich habe die Gesundheitsministerien in Düsseldorf und Berlin, die KV und die Krankenkassen vor mehr als fünf Jahren darauf hingewiesen, ohne dass irgendetwas passiert wäre. Der Bürgermeister von Herford hat nicht einmal geantwortet — obwohl in unserer Stadt in den letzten Jahren 12 Hausarztpraxen ohne Nachfolger geschlossen haben. Wie konnte es dazu kommen, dass sich kaum noch jemand für einen ehemals sehr attraktiven Beruf interessiert?

Ich habe mich 1985 niedergelassen. Da war die Welt für Kassenärzte noch in Ordnung. Doch Anfang der 1990er-Jahre behaupteten die gesetzlichen Kassen, sie stünden kurz vor der Pleite, auch die Lohnnebenkosten wären zu hoch. Alles fake, wie sich später herausstellte. Doch Bundesgesundheitsminister Horst Seehofer von der CSU schuf 1993 mit Unterstützung der SPD Honorarbudgets. Sie sollten nur wenige Jahre gelten — aber wir haben sie natürlich heute noch. Man könnte es Betrug nennen.

Der Praxisverkauf galt früher mal als Teil der Ruhestandssicherung. Die Zeiten sind vorbei.

© eggeeggjiew / Getty Images / iStock

Die Kassen schwimmen im Geld

Als Folge sanken die Praxisumsätze für viele Jahre z. T. um über 20%, was bis zu 40% Gewinnrückgang bedeutete. Seehofers Nachfolger haben diese massive Kürzung munter weitergeführt, obwohl die Kassen inzwischen über milliardenschwere Rücklagen verfügen, für die sie Millionen an Strafzinsen zahlen müssen. Auch Minister Jens Spahn (CDU) bleibt hart. Wir Kassenärzte können uns ja nicht z. B. mit Streiks wehren.

Um noch einigermaßen zu verdienen, muss man mehr arbeiten. Das trifft sich gut, weil auch immer mehr Morbidität von immer weniger Ärzten versorgt werden muss. So liegt die durchschnittliche Wochenarbeitszeit bei Hausärzten um die 50 Stunden. Kein Wunder, dass uns die jungen Ärzte davonlaufen. Drei Monate Betreuung eines schwerkranken, multimorbiden geriatrischen Patienten bringen uns deutlich unter 100 Euro. Tierärzte können darüber nur lachen: da kostet jede Konsultation meist zwischen 50 und 100 Euro. Ein Haustier ist in Deutschland offensichtlich mehr wert als ein Kassenpatient.

Derweil setzt die GOÄ seit Jahrzehnten Staub an. Die Bundesärztekammer scheint sich mit den Privatkassen gut arrangiert zu haben; man palavert endlos ohne Ergebnis.

Begleitet wird das Ganze von Häme. Ministerin Ulla Schmidt (SPD) stellte kalt lächelnd klar, dass sie uns „nicht alle zu Millionären machen“ könne. Auch von der Presse werden wir seit Jahrzehnten überwiegend als geldgeile Kurpfuscher hingestellt. Es gibt dafür einen Ausdruck: Ärzte-Bashing.

Illusion von Spitzenversorgung

Wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig soll die Versorgung laut SGB V sein. Selbst für dieses Minimum reicht die Vergütung eigentlich nicht aus — was Politiker und Krankenkassen nicht daran hindert, beste Versorgung auf höchstem Niveau zu versprechen. Das ist glatt gelogen.

Ich habe meinem Vorgänger einst 100.000 DM für den Patientenstamm bezahlt. Heute gibt es dafür keinen Cent mehr. Wir haben alles Mögliche versucht, die weitere Betreuung unserer Patienten sicherzustellen. Leider mussten wir einsehen: Keine Chance!

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© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von Springer Nature 2019

Authors and Affiliations

  • Henning Fischer
    • 1
  1. 1.

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